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Esra · 1919-01-01 · Heft 7 · p. 223

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Journal
Esra
Volume
1 (1919-1920)
Issue
Heft 7
Article
Probleme des Judentums
Date
1919-01-01
Page
223 (sequence 1)
Language
German
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PROBLEME DES JUDENTUMS*) Es zeigt von großzügiger Auffassung des Begriffes »Judentum«, wenn in seinem Zusammenhange über Bergsons Stellung zum Problem des freien Willens, über Schopenhauers Mitleidslehre, über die Aspekte künstlerischer und ethischer Lebensbewertungen und über psychologische Probleme des Christentums gesprochen wird. In so weiten Grenzen, der Breite und der Tiefe nach, erscheint der Gegenstand vorliegender Abhandlungen eingeschlossen, deren Eigenart es ist, auf eine durchaus individuelle, nicht herkömmliche Methode auf tiefe Seelenfragen zu stoßen, welche von innen aus mit Grundfragen des jüdischen Wesens sich berühren. Zentral erscheinen in dieser Beziehung die Begriffe des Prophetismus und des Messianismus, und mit Recht wird betont, wie die häufigsten Formulierungen dieser tragenden Ideen einer jüdischen oder vielleicht doch nicht spezifisch-jüdischen Weltauffassung Merkmale betreffen, die sich in den Veden, in der griechischen Philosophie, im Christentum, ebenfalls rein ausgeprägt finden. Um innerhalb tief menschlicher Gemeinsamkeit dennoch Scheidungen zu agnoszieren, dazu bedürfte es tiefer reichender Analysen, zu welchen in diesem Buche Ansätze genug vorhanden sind, ohne daß freilich den diesbezüglichen Gedanken in ihrer historisch gegebenen Universalität volles Recht widerfährt Es scheint vielmehr, als ob überall ungemein anregende, neue und wohl auch tiefgehende Fragen angeschnitten würden, ohne doch schließlich mit innerster Konsequenz gelöst zu werden, was zum Teile auch mit der feuilletonistischen Anlage des*ganzen Buches zusammenhängen mag. Dies gilt namentlich zum Beispiel in Bezug auf die Aufrollung der tiefen Gegensätzlichkeit zweier wesentlich verschiedener Welteinstellungen : derjenigen, welche in erster Reihe doch das Gegebene, das Leben, auch in seinen negativen Zügen, bejaht und die hier als »ästhetische« bezeichnet wird, und einer, im Wesen dualistischen, ethischen, welche in dem menschlichen Willenselement, aber nicht aus einem Kantischen »transzendentalen* Prinzip her, eine andere, der Natur völlig gleichberechtigt gegenüberstehende Art von Wirklichkeit erblickt. Wenn »das Judentum in der Gestalt des Prophetismus die Moral nicht in Pacht genommen hat, diese vielmehr ein Gemeingut der ganzen denkenden Menschheit ist«, so hat doch dieses erst dadurch, daß es den Sitz der moralischen Idee in das Persönliche gelegt hat, ein völlig Neues in die Welt gebracht. Treffend ist die Unterscheidung des indischen vom christlichen Asketentum, indem ersteres dem tiefen Widerstreit des Daseins doch nur durch Flucht ausweicht, letzteres durch volles Erleben des Widerstreites hindurch den natürlichen Dualismus von Lust und Leid Überwindet Anderseits wird doch wieder zu Unrecht das Mitleid in die ästhetische Weltanschauungssphäre eingereiht, obwohl dem Verfasser soweit zugestimmt werden mag, daß ein bloß versöhnliches Element als Basis der Moral und die bloß affektive Art des allgemeinen Mitlebens und Mitleidens das mächtige Willens- und Zielmoment alles Ethischen verdunkeln kann. Daß dann gerade für eine jüdische Weltauffassung auch die unmittelbare Vermählung mit dem *) Rafael Seligmann: Probleme des Judentums. R. Löwit Verlag, Wien 1919.' 223

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