Mannheim
Compact Memory

Esra · 1919-01-01 · Heft 7 · p. 222

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Esra
Volume
1 (1919-1920)
Issue
Heft 7
Article
Else Lasker-Schüler
Date
1919-01-01
Page
222 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2828641-2828642-2828649-2829067--366-2829118
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Hingabe an die letzten und ersten Bedingnissc der Menschheit, die — im Judentum, als ein Asiatisches, scharf erschlossen — Europas Geist stets verzerrt, zernebelt und schließlich, Zwecksein proklamierend, verleugnet. In diesen Gedichten ist viel Liebe, Nicht aber die Liebe, die die linke Wange dem Schlage bietet, der die rechte traf, sondern die menschlichere, natürlichere Liebe, die dem Urgründe der Seele einer früheren Geburt entkeimt, Liebe: gleichwie Haß. Voll und ganz: ferne der Lauheit europäischer Gefühlchen. Es ist das Wesen des Morgenlandes, daß es, von außen besehen, keine Produkte schafft, den der Geist des Morgenlandes ist kein ordnungsschaffender, kein organisierender, seine Werte sind dem ordnungs- und registrierungssüchtigen Europäer wertlos. Wir aber, die wir doch noch nicht ganz uns an Europa verloren haben, wir fühlen, daß in uns nicht das Wertbeinhaltende ist, unsre Gedichte sind, sie sind eben und wollen nicht Werte hinstellen, wie unsrem Wesen ja letzten Endes ein Mechanisieren durch Organisation, ein Entindividualisieren fremd ist, im Drange Werte und ewig Werte, die schließlich doch nur fiktive * sind, zu schaffen. Es sind also diese jüdischen Gedichte Else Lasker-Schülers nicht Form, nicht Inhalt, sie sind nicht Wert und nicht Bild, sondern sie sind weit mehr : sie sind. Nicht Lyrik im platten Sinne, nicht Kampf, mehr noch als das: heißeste Forderung nach dem Unbedingten, Geist und Fühlen einer Jüdin, vielleicht vor zweitausend Jahren geboren, der sonderbare niederträchtige Jahrhunderte irgend einen Anstrich aufgedrängt haben. Vom Deboralied zu den hebräischen Balladen in diesem Gedichtbuch zieht eine gerade Linie: der Weg des Judentums in zweitausend Jahren. Viele, die als jüdische Gedichte bezeichnet wurden, liegen außerhalb dieses Weges. Sie waren nur Tendenz, sprachen von Juden und waren nicht jüdisch, denn es fehlte ihnen das Blut, das jüdische Gedichte dichten muß. Sie waren zu deutsch oder zu russisch: zu europäisch. Else Lasker-Schüler ist, abgesehen davon, daß sie vielleicht heute die einzige Frau ist, der die Bezeichnung »Dichterin* mit Recht zukommt, sie, diese in elend brutale Fremdheit verschlagene Prinzessin aus Juda, ist die jüdische Dichterin, sie dichtet das jüdische Lied, aus dem das zerwanderte Gesicht unseres Volkes blickt. Sie muß das Judentum für sich reklamieren, ihr ist zu danken und um sie soll unsere Ehrfurcht sein. E. H. 222

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.