Esra
- Journal
- Esra
- Volume
- 1 (1919-1920)
- Issue
- Heft 7
- Article
- Jerusalem ist gefallen
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 211 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Herrn. Aufbrausend, unterirdischen Stöhnens voll sind seine nächtlichen Gassen, vorklungene Rufe brechen allnächtlich auf, wie blutige Narben, Karawanen schaukeln lautlos in die Tiefe der Tore. Still . , . ich sehe wieder. . . Visionen ziehen über den Himmel. . . Ihr! wer weiß etwas über Jerusalem, wenn nicht ich, der ich der Hirten Einer war vor dem Tore der Schafe. Noch hängen meine Lieder in den Zypressen und meine Rufe liegen im Tale Schiloah, die ich hinabwarf vom goldenen Tor, als der Opferrauch in steilen Schwaden zum Himmel stieß, und mein Blut klebt an den Steinen, die im Boden verschüttet sind. Kreuzrittern höhnte ich dann mit den Mameluken und den Gottfrieden lachte ich ihr Ende ins Gesicht. Alles tot. Ich aber lebe und Jerusalem lebt. Und Jerusalem wird seinnach demEnde der Welt. Spei deitfe Lüge in den Straßenstaub, lügnerische Geschichte, unwahr ist deine Meldung! Jerusalem ist nicht gefallen, wenn auch fremde Steuereintreiber im Lande sitzen und römische Kohorten oder britanische Divisionen oder des Sultans Bakschischsoldaten. Kein Fremder kann je Jerusalem besitzen. Aus seinen Toren zog noch jedesmal der Sieger, geschlagen, zerbrochen und verhöhnt von Denen, die warten können, länger als je ein Mensch vor ihnen. Die Nachricht, die mir ein ZeitungsVerkäufer ins Gesicht schrie, schmerzte mich einen Augenblick lang, ich leugne es nicht, mehr als der Tod eines Lieben. Nun aber lache ich über diesen Triumph der Waffen, denn ich weiß, daß nur meine Waffen ewig sind, weil ich ewig bin und ewig mein Blut. ■L, SCHAPIRO ER UND SEIN DIENER I. Weiß Gott, er paßte so gar nicht zu dem frischatmenden Park und dessen Spaziergängern, Der Kontrast zog alle Blicke auf ihn. Doch wer ihn anblickte, fühlte heimlich schreckhaftes Grauen, Tag um Tag, oft mehrmals täglich, tauchte in der Parkallee sein Rollstuhl auf, gelenkt von dem jungen, blonden, stämmigen Diener. Er selbst lehnte darin in halber Lage, die Füße in eine warme 211