Esra
- Journal
- Esra
- Volume
- 1 (1919-1920)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Ein Buch für die Jugend
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 156 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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begreifen und erkennen? Wie soll er seine Stellung von höherer Warte erfassen, wie seine Pflichten lenken, da ihm die eigene Vergangenheit fast völlig fremd ist? Ich war in Holland ziemlich oft. Zwei Erscheinungen des täglichen Lebens fielen mir besonders auf unter den vielen neuartigen und schönen Dingen, die man dort sieht: der imposante Stolz Aller auf ihre nationale Vergangenheit und die ungewöhnlich große Zahl der Kinderbücher. Stolz ist der Niederländer auf seine Seefahrer und auf die Helden der Freiheitskämpfe, aber vielleicht noch mehr auf die anders Großen, auf die geistigen Triumphe, welche seine Ahnen davongetragen haben; stolz auf die ungebändigte Freiheitsliebe und auf die bahnbrechende Duldsamkeit, die jede Denkart zu alter Zeit bei ihnen gefunden, stolz auf seine Maler und Denker, auf seine Architektur und auf seine Städte, stolz auf sein weithin leuchtendes nationales Erbe. Und dies alles, weil ein jeder die Geschichte der Niederlande gründlich kennt. Dieser schöne, nachahmenswerte Stolz beginnt früh. Schon bei den ganz Kleinen wird er geweckt und durch die Jugendjahre immer mehr gepflegt. Als Mittel hiezu dienen eben die Kinderbücher, so mannigfaltig, so schön, so anziehend, so liebevoll, so vernünftig, so erzieherisch, wie man sie nicht einmal in England findet. Mit diesen farbigen Büchern beginnt die Formung des Gemüts und die Erziehung zur Anbetung der nationalen Größe bei den kleinen Niederländern. Das Ergebnis ist jener freudige, solide Stolz des Volkes. Oft empfand ich den Wunsch, wenn ich im Lande war, daß etwas Ähnliches auch bei den Juden geschehe, damit diese auch in ihren Jahren der Kindheit lernen, die dunkle und strahlende Vergangenheit ihres Stammes mit würdigem Schmerz und mit hoffnungsvoller Liebe zu tragen und zu kennen; damit sie dadurch die alte Ghettopsyche von sich abstreifen und unbewußt sich zu innerer Befreiung durchringen. Man sucht aber vergebens nach einem Judenbuche für unsere Kinder, einem für die jungen Köpfe, die von der goldenen Gier nach Lektüre ausgefüllt, alles was gedruckt ist mit Begeisterung 'lesen. Wo ist für diese Jugend das jüdische Heldenbuch — beileibe nicht eines von jenen Kriegern die aus Eroberungssucht Blut vergossen und Elend verbreitet haben, sondern das Buch von den andern jüdischen Menschen, die als Juden groß gewesen. Einen solchen Erzählerb^nd brauchen wir, der uns die Bedeutenden unseres Stammes in ihrem Milieu schildert, uns menschlich näher bringt, uns an ihren Taten und Leiden teilnehmen läßt, uns erhebt und uns zu Tränen rührt. Dieses Buch soll uns endlich ein Dichter'und Erzähler schenken, das Buch von Josef, dem Sohn Jakobs, def aus einem gekauften Sklaven Staatsmann eines großen Reiches geworden, seinen Stamm vergessen und ihn und sich selbst dann wiedergefunden hat; von Moses, der*dem Verachteten als Bruder gekommen und sie kraft seines Geistes und Charakters zur 156