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Esra · 1919-01-01 · Heft 2 · p. 63

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Esra
Volume
1 (1919-1920)
Issue
Heft 2
Article
Max Brods "Das große Wagnis" [Rezension]
Date
1919-01-01
Page
63 (sequence 2)
Language
German
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In der talkesselartigen Erdstadt Liberia hat sich ein abenteuerliches Gemenge von Menschen zusammengefunden, die fern vom jahrzehntelangen Kriege Europas eine neue reinere Gemeinschaft aufzurichten wagen. Auch ein Musiker verirrt sich dorthin, dem der Fluch der alten Weltordnung in die Seele brennt: er hatte sich einmal aus schwächlicher Rücksicht gegen die Gesellschaft von einer geliebten Frau losgesagt. Der Mut, seinem innersten Rufe zu folgen, der Mut zum großen Wagnis hatte ihm gefehlt. Von damals an war sein Leben ein unaufhörliches Irren und Verworfen—Sein. In Liberia hofft er den Trost zu finden, der ihn mit dem Leid des unerbittlichen Daseins versöhnen könnte; ein Zusammenleben von Menschen, in welchem die Gefahr des großen Wagnisses aufgehoben wäre, weil sich jeder in Wahrhaftigkeit entscheiden dürfte. Vor dem Eingang in die seltsame Stadt begegnet er Ruth, der geliebten Frau. In dem Bezirke ihres Wesens, das von dem gleichen Leide umgrenzt, dennoch auf einer höhern Ebene der Milde und Sicherheit ruht, blüht ihm verlorenes Vertrauen wieder auf. Noch aber ist er für ihre Liebe nicht reif, noch hat er nicht, wie Ruth, Liberia erlebt. Mit der vollen Kühnheit seiner Phantasie türmt Max Brod die unterirdische Stadt vor uns auf, die hintergrundlosen Gänge, die Plätze, Versammlungslokale, Zellen gedämpften Lichtes, Friedhof, Theater in geheimnisvoller Zweckhaftigkeit. Alle Maschinen der Brodschen Werkstatt sind in Bewegung, die Glut seiner Bilder und die Hemmungen der kühlen Wortwahl, der heitere Rhythmus, seiner Sätze und die durchbrechenden Flammenbündel leidenschaftlicher Gedanken. Meisterlich, wie er Massen bewegt,, Dialoge steigert, Beziehungen verwirrt und die Menschen enthüllt, alles aber nur in den Dienst des einen Zieles stellt: die Seele Liberias lebendig werden zu lassen, indem er ihr Problem in die verschiedenen Menschen hineinwirft, es immer wieder auffängt, ^on immer neuen Seiten überprüft und wie ein Musiker sein vielgewendetes Thema schließlich voll und unabänderlich verkündet. Liberia aus ehrlicher Sehnsucht gewagt, war ein verfehltes Wagnis, denn nicht über Menschen wölbte sich Ihr Bau, sondern über Institutionen, nicht Gerechtigkeit war ihr Sinn, sondern Organisierung. Um das Böse des Zusammenlebens zu bannen, ummauerte man den Einzelnen und ahnte nicht, daß nur umwandelnde Liebe das Werk reinen Zusammenlebens schaffen könne. Aus der Beklemmung solchen Erlebnisses flüchtet der Musiker zu Ruth zurück, 63

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