Jüdische Schulzeitung
- Journal
- Jüdische Schulzeitung
- Volume
- 14 (1938)
- Issue
- 8 (1.8.1938)
- Date
- 1938-08-01
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 Jüdische Schillzeitung Nummer 8 ter Spaimkraft .weiterzuarbeiten. Nichts wäre verhängnisvoller, wollten wir Lehrer uns in den Dunstkreis der fruchtlosen Resignation begeben; nichts auch falscher als die Auffassung, es sei ja doch nur ein Mühen für den Abbruch, wenn wir an uns selber undan den Kindern arbeiteten. Wer so denkt, verkennt die Dinge', auf die es ankommt, völlig. Es ist niemals so notwendig gewesen, die Jugend fürs Leben gründlich vorzubereiten, wie heute. Es hat keine' Zeit gegeben, die strengere Anforderungen an die Lehrerschaft gestellt hätte, als die gegenwärtige. Sie versündigte sich aufs schwerste an der Jugend, wollte sie die Hände müßig in den Schoß legen in der. Meinung, es sei doch vergebliche Mühe, und mit dem Uebergang der jungen Menschen in eine andere Welt verlören die Kenntnisse, mit denen sie ausgerüstet worden seien, ihren Wert. Das Gegenteil ist richtig: es gibt kein Wissen und keine Fertigkeit, die nicht wichtig wären im Bezug auf die Heranbildung der Persönlichkeit und beim Aufbau einer Lebensgrundlage-in andern Ländern. Je gediegener und gründlicher die Arbeit ist, die der Lehrer in seiner Klasse leistet, desto größer sind die Aussichten für das Weiterkommen der Schüler. Nicht am Abbau helfen wir mit, sondern an einem Aufbau, wie er schwieriger und bedeutungsvoller nicht häufig gewesen ist in der Geschichte des jüdischen Volkes. Es kommen-'zuweilen Briefe früherer Schüler zu ihren Lehrern, in denen sehr eindringlich auf diesen Sachverhalt hingewiesen wird. Da wird man vergeblich nach Darlegungen suchen, die das Zuviel des Unterrichts beklagen. Vielmehr sprechen es die Jungens und Mädchen deutlich aus, wie wertvoll dies und jenes Fach gewesen sei, .und wie sehr man bedaure, nicht, fleißiger, gewesen zu sein. So sei denn das Chasak wenischasak in diesen Tagen in seiner ganzen Knaftfülle wirksam an uns, auf daß wir Dienst tun bead ameinu uwead orej haschem. Die akademischen Berufe Von Prof. Dr. Otto Toeplitz, Bonn' Warum wohl eine Abhandlung über akademische Berufe in diesem Heft*) stehen mag? Wo es doch in den letzten Jahren deutlich genug geworden ist, daß eine geistige Ausbildung in unserer Zeit ein fragwürdiger Luxus ist und überdies eher weniger als mehr Möglichkeiten und Sicherheiten für die Zukunft bietet, als ein solide ausgeübtes Handwerk oder ein technischer Beruf. Opportunitätsgründe und „Sicherheiten" sind es gewiß nicht, die heute einen Juden .veranlassen können, einen akademischen Beruf zu ergreifen. Indessen, unsere Jugend hat den Hang zur Sicherheit und Bürgerlichkeit längst überwunden, und es erscheint geboten, an sie, weniger an die Eltern, ein Wort zu richten und in nüchterner Abwägung unter Weglassung überalterter Ressentiments Wert und Möglichkeiten der akademischen Berufe zu prüfen. In Nr. 11 der C.V.-Zeitung vom 18. 3. 37 habe ich mich zusammenhängend über diesen Fragenkomplex geäußert. Hier sollen in loser Form einige aktuelle Punkte hervorgehoben werden, die sich aus der Beratüngsarbeit der letzten Monate ergeben. Zuerst ein Wort über das „Angebot" an jüdischen Studenten. Nach den vorliegenden amtlichen Veröffentlichungen für Ostern 1935 und Ostern 1936" und nach uns vorliegenden Einzelnachrichten für Ostern 1937 haben Bekenntnisjuden an den höheren Schulen Deutschlands das Abiturientenexamen gemacht: Ostern 1935 217, nämlich 139 Knaben und 78 Mädchen, Ostern 1936 128, nämlich 91 Knaben und 37 Mädchen, Ostern 1937 165, nämlich 128 Knaben und 37 Mädchen. . Die erhöhte Zahl der Knaben im Jahre 1937 rührt daher, daß in diesem Jahre allgemein zwei Knabenlehrgänge zugleich ins Examen genommen wurden. Soviel man z. Zt. schätzen kann, werden Ostern 1938 etwa -110 Knaben und 50 Mädchen ins Examen gehen — wofern diesmal nur die Oberprimanerinnen und nicht zugleich auch die vorhandenen Unterprimaner- *) Aus „Vor der Berufsauswahl".. innen, geprüft werden. Annähernd wird also dieses Jahr^.die gleiche Zahl jüdischer Abiturienten die Schule verlassenere; im vorigen Jahr. Dabei sind noch nicht eingerechnet-die Schüler, die jetzt auf ausländischen: höheren Schulen ihre Ausbildung vollenden oder sich in Deutschland auf das matric vorbereiten; ' der Größenordnung nach mögen es Hundert sein. Nach den unvollständigen und ungenauen Nachrichten, die über die Berufswahl der vorjährigen-Abiturienten vorliegen, hat über die. Hälfte ein höheres Studium ergriffen (Ingenieurfach am stärksten bevorzugt, dann kommt Chemie und Medizin) und. ein weiteres Fünftel wird'■ Rabbiner oder Lehrer; nur von 6 ist bekannt, daß sie sich der Landwirtschaft (Hachscharah) zugewendet haben. Hält man daneben, daß etwa 65 von diesen 165 Abiturienten ihr Examen mit „gut" und darüber gemacht haben, so ergibt sich; daß sich weit mehr einem geistigen Beruf zugewendet haben oder damit wenigstens beginnen wollten, als mit „gut" .abgeschnitten.haben. An sich sind Schulprädikate keine'letzten Wertmesser über einen Manschen, und im Einzelfall können sie ungerecht sein. Aber als statistisches Ergebnis ist die ausgesprochene Tatsache mit dem größten Ernst zu betrachten. Sie lehrt, daß. das Prinzip, nach dem die Menschen den Entschluß zum Studium fassen oder fallen lassen, noch kein gesundes ist. Ein Blick auf die „Nachfrage" wird diese Behauptung rechtfertigen. Noch finden die Volksschullehrer, die heute fertig werden, sofort Verwendung. Wird das noch gelten, wenn diejenigen fertig sind, die jetzt anfangen könnten, als Lehrer ausgebildet zu werden? Wenn der Niedergang der GeburterizahT sich in der Abnahme der Klassenfrequenzen fühlbar machen wird? In den untersten Griindschulklassen macht er sich schon jetzt bemerkbar; denn der Geburtenrückgang hat schon um, 1930 eingesetzt Kein Zweifel, daß die Lehrerausbildungsanstalten von Jahr zu Jahr ihre Aufnahme werden verschärfen müssen, wenn sie nicht eine schwere Verantwortung auf sich laden wollen. Jährlich 12 neue Rabbiner übersteigt auch das Verantwortbare. Immerhin ist die Chance des Rabbiners ein wenig günstiger als die des Lehrers. Es wird länger alte Leute hier zu betreuen, als Kinder zu unterrichten geben. Und dann ist der Rabbiner, wenn -man so sagen darf, „exportfähiger" als der Lehrer, vorausgesetzt, daß er sein Studium nicht nur als eine Erfüllung vorgeschriebner Pflichten betreibt, sondlern daß er es versteht, sich ein wissenschaftliches Niveau zu erobern; ein solches nämlich und nur ein solches macht ihn im Ausland begehrenswert; stellt es doch die traditionelle Stärke des deutschen Rabbiners dar. Technik, Chemie, Medizin sind die „Favoriten" unter den übrigen geistigen Berufen; Jura ist ganz zurückgetreten. Wenn man unterstellt, daß der natürlichen Anlage nach Jura und Medizin im Vordergrund stehen, so wird schon hier klar, daß zwischen natürlicher Veranlagung und den von Opportunität , beherrschten Entscheidungen ein Mißverhältnis besteht. Und dabei mahnen nicht überhörbare Warnungen aus verschiedenen Ländern, die Mjedizin noch weiter in den Hintergrund, zu drängen. An erster Stelle dieser Länder muß England genannt wer-" "den, das nicht nur fertigen Aerzten die Niederlassung im Mutterland und in den Dominions verweigert, das nicht nur von den einwandernden Medizinstudenten einen Revers unterschreiben läßt, wonach sie nach beendetem Studium das Land sofort verlassen werden, sondern das neuerdings auch diese Reverse nicht mehr zuläßt, also ein Studium der Medizin unmöglich macht. Wenn ein Land, das in diesen Jahren soviel jüdische Not hat lindern helfen, zu solcher Abwehr schreitet, so ist klar, daß hier ein schwerer Fehler gemacht-worden ist, daß zu breite Massen jüdischer Abiturienten hier ihr Studium unternommen haben und daß es höchste Zeit ist, bei uns daraus die Folgerungen zu ziehen. Auch die ausgezeichneten mediane schools von-USA. sind für Einwandernde so gut.wie verschlossen. Wir sollten diese Maßnahmen als das verstehen, was sie sind: eine Abwehr gegen den überall bedrohlich steigenden Anteil jüdischer Aerzte an der gesamten Aerzteschafts- JDas Medizinstudium istvorzugsweise möglich; in Italien,; der