Jüdische Schulzeitung
- Journal
- Jüdische Schulzeitung
- Volume
- 10 (1934)
- Issue
- 8 (1.8.1934)
- Date
- 1934-08-01
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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10. lahrgang Nummer 8 chuzeitun Monatsschrift für Erziehung, Unterricht und Schulpolitik Organ des Reichs Verbandes der jüdischen Lehrervereine (Geschäftsstelle des Verbandes: Berlin C 25, Kaiserstraße 29) Die „Jüdische Schulzeitung" erscheint am 1. eines jeden Monats Postbezugspreis: 0.45 pro Quartal. Mannheim, den i. August 1934 Druck und Verlag Gebrüder Neubauer, Ludwigshafen a. Rh. Verantwortlicher Schriftleiter: Dr. S. Braun, Köln, Lütjowstr.39 Äus dem Inhalt dieser Nummer: Dr. Willy Cohn, Das Problem jüdischer Schulbücher. — J. B. Lcvy, Religionsunterricht - Judentumskunde. — Martin Buber, Jüdische Erwachsenenbildung. — Berichte über Herrlingen, Kreuznach, Lehnitz. — Prof. Dr. Werner, Leitsätze zur Bildungsfrage. — Issi Bayer, Hebräisch wäre leichter gelernt, wenn .. — Bialik s. H. Das Problem jüdischer Schulbücher Von Studienrat a. D. Dr. Willy Cohn-Breslau Eine Fülle von neuen jüdischen Schulen ist in Deutschland entstanden. Jüdische Lehrer und jüdische Schüler haben sich zu gemeinsamer Arbeit zusammengefunden. In sehr vielen Fällen aber handelt es sich zunächst nur um ein Zusammenwirken von Menschen jüdischen Blutes und jüdischen Glaubens, die durch das Schicksal in eigene Anstalten verwiesen wurden. Man sagt nichts Neues, wenn man feststellt, daß ein großer Teil der jüdischen Lehrer, die heute an jüdischen Schulen tätig sind, solange sie an öffentlichen Anstalten abgestellt waren, zu jüdischen" Dingen nur in einer sehr losen Bezie- (hung standen. Sie sind gewissermaßen über Nacht, so formulierte das einmal ein Kollege, aus deutschen Lehrern jüdische Lehrer geworden. Wenn diese neuen jüdischen Schulen nicht einfach im luftleeren Raum schweben, sondern einen Sinn haben sollen, so dürfen sie nicht lediglich jüdische Schulen dem Namen nach bleiben, sondern sie müssen Schulen jüdischen Geistes, jüdischer Tradition, jüdischer Kultur werden. Da aus den soeben angedeuteten Gründen aber die Lehrer in sehr vielen Fällen das Rüstzeug hierfür iniicht mitbringen und nicht mitbringen können, ist die Schaffung jüdischer Schulbücher eine besonders dringliche Aufgabe. Ihr stehen mehrere Schwierigkeiten gegenüber. Wer in vergangenen Zeiten an der Bearbeitung allgemeiner Schulbücher beteiligt war, der weiß, welch sorgsame Vorbereitungen die großen deutschen Schulbuchverleger trafen, ehe sie mit einem neuen Buche an die Oeffentlichkeit traten. Probedrucke und dergleichen wurden versandt, dein in Frage kommenden Fachkollegen wurde während der verschiedenen Zustände des Druckes die Möglichkeit gegeben, in das werdende Buch Einblick zu nehmen und Verbesserungsvorschläge zu machen. Lag dann das Buch vor, so war es nicht nur aus dem Kopf eines einzelnen hervorgegangen, es stellte schon die Zusammenarbeit vieler und die pädagogische Erfahrung von Generationen dar. Etwas derartiges im jüdischen Schulwerk zu unternehmen, wird wahrscheinlich daran scheitern, daß die in Frage kommenden Verleger ein derartiges Risiko nicht werden tragen wollen, weil der später zu erwartende Absatz alle diese Kosten schwer hereinbringen kann. Da aber ohne wirkliche jüdische Schulbücher kein fruchtbarer Unterricht möglich ist, müßten sich die zuständigen jüdischen Instanzen mit dem Gedanken vertraut machen; durch Garantien und dergleichen dem Verleger den Rückhalt zu geben, doch an ein solches Unternehmen heranzugehen. Neben diesen rein verlegerischen Schwierigkeiten, die hier hur andeutungsweise aufgezeigt werden sollten und über die gegebenenfalls noch ein weiteres Wort möglich ist, bestehen aber noch innerliche. In einem ersten Aufsatz über diese Fragen ist es nicht möglich, alle Fächer durchzugehen. Deswegen soll beispielhaft der Grundgedanke am Unterricht der Geschichte und des Deutschen bewiesen werden. Der Sinn unserer Epoche ist die Trennung deutschen und jüdischen Geistes. Wenn in einer jüdischen Schule allgemeine Geschichte unterrichtet wird, so wird sie unter einer anderen Einstellung unterrichtet werden müssen, als an einer allgemeinen Schule. Es ist anzunehmen, daß von Ostern 1935 an neue Lehrbücher für die öffentlichen Schulen vorliegen werden. Es wird selbstverständlich von jüdischen Schulen nicht verlangt werden, daß sie diese Lehrbücher, die aus dem Geiste des Nationalsozialismus geboren sein werden, ihrem Unterricht zugrunde legen. Wohl aber wird zu verlangen sein, daß die jüdischen Schulen, die unter Aufsicht des Staates stehen und stehen sollen, die Ziele der Staatsschule erreichen. Ein Lehrbuch der Weltgeschichte an jüdischen Schulen wird also einer doppelten Anforderung zu genügen haben. Es wird die Weltgeschichte unter jüdischen Gesichtspunkten ansehen, es wird alle die Punkte herauszuarbeiten haben, wo jüdisches Schicksal des allgemeinen Geschehens eine besondere Rolle, sei es tätig oder leidend, gespielt hat, und es wird die Liebe zum jüdischen Volkstum, zur jüdischen Art mit derselben nachdrücklichen Forderung zu betonen haben, wie das jedes stolze und selbstbewußte Volk tut. Denn die Rassentrennung bedeutet ja, wie des öfteren von maßgeblicher Seite betont worden ist. kein WerturteU über das jüdische Volk. Ein ähnliches Problem ist die Schaffung eines deutschen Lesebuchs für jüdische Schulen. Es ist ganz selbstverständlich, daß manches Schrifttum für ein derartiges Buch ausscheidet, das in einem Lesebuch für allgemeine Schulen am Platze ist. Andererseits wird sehr viel Wertvolles hinzukommen, das heute in deutschen Lesebüchern der öffentlichen Schulen keinen Eingang finden kann. Um nur auf das eine oder andere hinzuweisen: In das Lesebuch der Oberstufe einer jüdischen höheren Schule gehören Proben aus Werken von Georg Hermann, von Jakob Wassermann, von Max Brod u. a. Daß das religiöse jüdische Schrifttum in moderner Form berücksichtigt werden muß, ist selbstverständlich. Der Begriff der kulturkundlichen Fächer wird hier überhaupt eine enge Verbindung zwischen Deutsch, Religion, Geschichte, Erdkunde und Kunstgeschichte usw. zu ziehen haben. Einem besonderen Interesse werden Lesestücke aus klassischen Reiseberichten über Erez Israel Unter den jüdischen Schülern begegnen. Das jüdische Kind, das die eigene Schule besucht, erwartet von seinen Lehrern, daß es sein Judentum in positiver Beleuchtung sieht und erwartet dieses auch von seinem'Schulbuch. Hier bleibt noch alles zu tun übrig. Systematische Zusammenarbeit aller in Frage kommenden Stellen mit tunlichster Hintansetzung einzelner weltanschaulicher Verschiedenheiten, weil sonst das Werk ganz unmöglich ist, ist dringend