Jüdische Schulzeitung
- Journal
- Jüdische Schulzeitung
- Volume
- 10 (1934)
- Issue
- 7 (26.6.1934)
- Date
- 1934-06-26
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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w. Jahrgang Nummer 7 ff er chulzeitung Monatsschrift für Erziehung, Unterricht und Schulpolitik Organ des Reichsverbandes der jüdischen Lehrervereine (Geschäftsstelle des Verbandes: Berlin C 25, Kaiserstraße 29) Die „Jüdische Schulzeitung" erscheint am 1. eines jeden Monats Postbezugspreis: 0.45 pro Quartal. Mannheim, den 26. Juni 1934 Druck und Verlag' Gebrüder Neubauer, Ludwigshafen a. Rh. Verantwortlicher Schriftleiter: Dr. S. Braun, Köln, Lü^owstr. 39 Hus dem Inhalt dieser Nummer: Dr. Siegfried Braun, Vor neuen Aufgaben. — Hilde Ottenhelmcr, Eine dringende Hufgabe der jüdischen Lehrerschaft. — Fortblldungsarbeit — Aus der Welt der Schule — Aus dem Lehrerverband — J. B. Lcvy,' Religionsunterricht - Judentumskunde. —Literarisches. Vor neuen Aufgaben Von Dr. Siegfried Braun . Um kein Mißverständnis aufkommen zu lassen, sei hier ausdrücklich bemerkt, daö die folgende Arbeit lediglich die privaten Ansichten des Verfassers darstellt und nicht die des Verbandes. Die Schriftleitung Im Völkischen Beobachter erschien vor einigen Monaten ein Aufsatz von Lutz Landers „Zum Problem der Dissimilation". Darin untersucht der Verfasser die Frage, auf welchem Wege sich ein möglichst spannungsloses Nebeneinander zwischen Juden und-Deutschen herstellen lasse. Die Ariergesetzgebung habe die Voraussetzungen dazu geschaffen, an uns Juden liege es, uns zu dissimilieren, d. h. uns eine eigene Gefühls- und Vorstellungswelt aufzubauen und so der unfreiwilligen Situation einen Sinn zu geben, sie zu einer freiwilligen umzugestalten und ihr so den Diktatcharakter zu nehmen. Nach einer scharfen Kritik an der Arbeit des Kulturbundes deutscher Juden meint Lenders, eine Umgestaltung der jüdischen Schule werde vielleicht einmal das nachholen, was der Kulturbund veisäume. Mit diesem Gedanken hat der Verfasser das Thema angerührt, das — sieht man von dem der wirtschaftlichen Zukunft der deutschen Juden ab — das wichtigste ist, mit dem sich insbesondere die jüdische Lehrerschaft wird befassen müssen. Ks sind nicht allein die praktischen Maßnahmen der Schulbehörden, auch nicht allein die theoretischen Grundlegungen zu einer neuwerdenden deutschen Kultur, die uns vor eine völlig gewandelte Situation stellen, sondern gleicherweise der Selbsterhaltungstrieb in uns, der, von den Ereignissen der Zeit aufs heftigste erregt, zu eigner jüdischer Daseinsge.staltung hindrängt. Beide Sachverhalte wirken in einem gewissen Betracht in der gleichen Richtung auf die Judenheit ein, weil sie die Bindungen an die Umweltkultur lockern und uns e:nem andern Wesensbereich zuweisen wollen. Gäbe es keine im entgegengesetzten Sinne tätigen Kräfte, läge ferner eine uns Juden ausschließlich zugehörige Welt ohne weiteres zur Aufnahme bereit, so ließe sich die seelische „Umschichtung" schmerzlos vollziehen, und es wäre nicht einzusehen, warum sie so schwierig sein solle. So einfach sind jedoch die Dinge nicht. Den Bemühungen um eine Lösung stellen sich Kroße Schwierigkeiten entgegen, die z. T. naturgegeben, von Willensentscheidungen unabhängig und deshalb unbehebbar sind, z. T. aber auch in willensmäßigen Haltungen ihren Grund haben, die im Ablauf der Geschichte geworden sind und nicht ohne schwere seelische Gefahren aufgegeben werden können. Dazu kommt die Problematik einer möglichen jüdischen Kultur in der Diaspora, die den Gedanken nahelegt, es müsse bei sehr vielen deutschen Juden erst die Bereitschaft zum Eintausch eines puren Nichts gegen eine Fülle an Wirklichkeit vorhanden sein, wenn von dieser Seite her Ersprießliches geschehen und der Bruch im Seelischen vermieden werden solle. * Das Leben, das sich seine Harmonie im organischen Wachstum selber schafft, trägt andre Zeichen der Entfaltungstendenzen an sich als die Schule, deren Sinn es geradezu ist, Kultur zu ergreifen und zu verarbeiten. Ist es sehr wohl möglich, sich von der Woge des Lebens dahintragen zu lassen, ohne sich sonderlich um die Kultur zu kümmern und eindeutig an sie binden zu lassen, so zwingt die Schule aus ihrer bestimmten Zwecksetzung her zu planmäßiger Pflege eines umgrenzten „Kulturbezirkes; der Entscheidung kann nicht ausgewichen werden; der Erzieher muß sich zu jeder Zeit seines Wirkens Rechenschaft über Umfang und Inhalt dessen geben .können, was er den Kindern darzureichen hat. So lange Kulturpolitik von einer übergeordneten Staatsgewalt geregelt und in einem System von Anweisungen den von ihr beauftragten Lehrern zur Verwirklichung tiberantwortet wird, so lange ist das ausführende Organ der Aufgabe enthoben, sich mit dem Grundsätzlichen zu befassen. Indem es sich der Führung von oben her anheimgibt, leistet es das, was von ihm verlangt •wird. Damit ist nicht gesagt, daß dem Erz'eher ■Konflikte erspart bleiben. Er mag sie spüren und um ihre Lösung kämpfen; er mag Zweifel an der Richtigkeit des Zieles hegen und andre Wege überdenken: das Vorgeschriebene w;rd dadurch nicht in seiner Geltung berührt, es muß ihm pflichtgemäß zugestrebt werden. Die gesamte deutsche Lehrerschaft ist von der jungen Staatsmacht vor völlig neuartige Aufgaben gestellt worden, vor Aufgaben, die kaum je so klar umrissen waren wie heute, es sei denn, man denke an die kirchlichen Schulen des Mittelalters oder an die Erziehungsregeln der Orden. Da die jüdische Gemeinschaft ausdrücklich ausgenommen blieb von dem Bereich, in dem die deutsche Erziehung s'ch hinfort zu betätigen hat, da das Erziehungsziel auf durchaus rassischer Grundlage aufgebaut ist, so ergibt es sich, daß die jüdische Lehrerschaft sich nicht mehr dem Strom der allgemeinen Pädagogik anvertrauen kann, daß d:e Zielsetzungen der allgemeinen Schule in ihrem Wesenhaften nicht für d;e jüdische Schule gelten können, daß demnach der jüdische Schüler nicht mehr wie bisher das Erlebms des Unterrichts m't seinen christlichen Kameraden gemeinsam wird haben könn-n. Es folgt daraus mit Evidenz die Notwendigkeit emer eigene'n Schul- und Erz'ehungspolitik, deren Möglichkeiten und Erfordernisse einer ernsten Prüfung bedürfen. Es haben sich in den hinter uns liegenden Monaten viele .jüdische Menschen um die Klärung der hier aufgezeigten Sachlage bemüht. Dabei konnte es kaum vermieden werden, daß mit überspitzten Formulierungen gearbeitet wurde, deren Abstand von dem, was verwirklicht werden kann, zuweilen all-