Jüdische Schulzeitung
- Journal
- Jüdische Schulzeitung
- Volume
- 10 (1934)
- Issue
- 3 (1.3.1934)
- Date
- 1934-03-01
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2825247-2825342-2825345--0803-2826441- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
P^-n-7 f: .10. Jahrgang GERMANIA JUDA1CA Nummer 5 . üdische Schulzeitung Monatsschrift für Erziehung, Unterricht und Schulpolitik Organ des Reichsverbandes der jüdischen Lehrervereine (Geschäftsstelle des Verbandes: Berlin C 25, Kaiserstraße 29) Die „Jüdische Schulzeitung" erscheint am 1. eines jeden Monats Postbezugspreis: i,~ pro Quartal. Mannheim, den 1. März 1934 Druck und Verlag: Gebrüder Heubauer, Ludwigshafen a. Rh. Verantwortlicher Schriftleiter: Dr. S.Braun, Köln, Lü^owstr. 39 Aus dem Inhalt dieser Nummer: E. Jacobi, Zu den Richtlinien der Reichsvertretung. — Siegfried '; Braun, Gegenwartsjudentum von draußen gesehen. — H. Mandelbaum, Neue Lehrbücher liir den hebräischen Sprachunterricht. —!v_ " Konferenzberichte. " Zu den Richtlinien der Reichsvertretung von Eugen Jacobi-Köln Es ist zwingend, daß innerhalb der vielen und dringlichen ', "Probleme, die heute das deutsche Judentum bewegen, der J.,-.. Frage der Jugenderziehung besondere Bedeutung beizumessen .\ ist: Geht man vom Gedanken des Umbaues und Aufbaues aus, .; die doch für das Neuwerden grundlegend sind, wo könnte da erfolgverheißender begonnen werden, als bei der Jugend! .- Auch das jüdische Kind für den Lebenskampf in neugestalteter Umwelt zu stählen, es zu befähigen, sich im Lebensraum mit an- .'. dem Voraussetzungen zurechtzufinden, ist Aufgabe des Erziehungswerks in der jüdischen Schule. Im Schöße der Reichsvertretung sind Richtlinien für die unterrichtliche Gestaltung des Lehrstoffes entstanden, die na- - türlicherweise stark in den Mittelpunkt der Erörterungen ge- ' - langt sind. Diese Erörterungen zeigen, wie nicht anders zu erwarten war, die Unterschiedlichkeiten im Kampf der inner« jüdischen Meinungen. Die Richtlinien selbst suchen einen Weg der Einheitlichkeit, - sie wollen allen Anschauungen in verbin-; / dender Weise gerecht werden. Sehr gut, aber kann das auch '._ möglich sein? Soweit festzustellen ist, lobt jede Richtung nur das, was ihrer Auffassung entspricht, so daß zunächst der gute „ \ Wille, der den Richtlinien zugrunde liegt, als das einzig Po- / ■ sitive erscheint. Guter Wille hat ja immer vieles vermocht, und' vielleicht leistet das gute Wollen eine einigende Erziehungsarbeit zunächst bei den Großen. •- •.• Ein erster Versuch der Zusammenfassung kann nicht vollendet sein, kann nicht allen Forderungen und Anschauungen gerecht werden. Vielleicht hat es auch an fachlicher Mitarbeit gefehlt, die vom Standpunkt der praktischen Durchführungs- « -möglichkeit ' aus beizeiten an manchen Stellen die schöner. -::, Worte gestrichen und mehr nüchterne Wirklichkeit hineingesetzt hatte. Es kann doch nicht darauf ankommen, ein schö- . 'nes Erziehungsideal hinzuzaubern. Der Erzieher muß, mit dem Ziel des Bestmöglichen vor Augen, immer zwischen Wunsch und Wirklichkeit unterscheiden. - - Die Forderung 1 verlangt: " _ „Die jüdische Schule erfährt ihre besondere Prägung aus .dem doppelten Urerlebnis, das jedes in Deutschland lebende jüdische Kind in sich trägt; dem jüdischen und dem deutschen. -- . Diese beiden Grunderlebnisse sind gleichmäßig zu entwickeln >^. -und ins Bewußtsein zu heben; sie sind in ihrem Neben- und »"V .Miteinander wie auch in ihrer Spannung fruchtbar zu machen ["-{' und zu entfalten." - Gewiß> es gibt ein deutsches und ein jüdisches Urerlebnis. ^-.lAber daß das deutsche Erlebnis das bei weitem stärkere und -dominierende7 ist, und daß es auch gar nicht anders sein kann, y^vscheint mir doch unbestreitbar: Selbst wenn man beide Grund- Ufelerlebnisse gleichmäßig entwickeln wollte, so blieben doch die deutschen Bindungen mit Landschaft, Sprache, Kultur und all denn vielen Erscheinungen der Umwelt immer am stärksten im Bewußtsein der Kinder, und es könnte gar nicht anders sein, als daß sie ihren überwiegenden Einfluß auf Gefühl und Willen ausüben würden. Die Forderung vom Gleichmaß der Entwicklung ist doch nur ein schönes Wort. Wieviele jüdische Kinder mag es geben, denen das jüdische Grunderlebnis überhaupt fehlt? Wenn die jüdische Schule versucht, hier zu wecken und zu entwickeln, ein Erlebnis erst zu gestalten — und ,das vermag die Schule wohl — dahn ist für das gesamte Problem ungeheuer viel erreicht, aber nichts wäre schlimmer, als natürliche innere Harmonien in Mißklang zu verwandeln, weil nicht die Grenze der Ideologie erkannt wird, oder weil man in einer Redewendung erstickt, wofür tatsächlich die seelischen Voraussetzungen fehlen. Im Punkt 2 heißt es: „. . . Zur Erreichung dieses Zieles ist das Jüdische in den Mittelpunkt aller dafür in Betracht kommenden Unterrichtsfächer zu stellen." Gleich in den Mittelpunkt? Ist das nicht etwas viel verlangt? Um welche Fächer soll es sich dabei handeln? Sicher zunächst um den Religionsunterricht. Aber es ist auch wohl an andere Fächer gedacht. Wie soll man da das Jüdische in den Mittelpunkt stellen? Gewiß, man wird Verbindungen mit jüdischen Stoffen herstellen, soweit es zwanglos gegeben ist, man wird auch fruchtbare Anwendungen für das jüdische Sein gestalten, aber im Mittelpunkt des Deutschunterrichts steht das Deutsche, und im Mittelpunkt der Heimatkunde steht die deutsche Heimat. Wenn im Deutschunterricht wertvolle Uebersetzungen aus dem Schrifttum biblischer und nachbiblischer Zeit gelesen werden sollen, so ist gewiß nichts dagegen zu sagen, aber dann ist das eine Verquickung mit dem Religionsunterricht, die keine Konzentration des Deutschunterrichts um das Jüdische bedeutet. Gewiß wird man im geographischen Unterricht die Kenntnis Palästinas vermitteln und den Aufbaugedanken fördern, aber Heimatkunde ist das nicht, weil hier das Erlebnis das stärkste Moment bedeutet und erleben kann das Kind in Deutschland nur die deutsche Heimat. Wenn hier aber das jüdische Familien- und Gemeinschaftsleben gemeint ist. wenn man an Stätten alter jüdischer Geschichte denkt, dann gehört diese Forderung in den jüdischen Geschichtsunterricht. Nach Punkt 4 soll das jüdische Kind fähig gemacht werden, den seiner wartenden besonders schweren Lebenskampf aufzunehmen und zu bestehen. Deshalb soll die gesamte Erziehung auf die Erzielung willensstarker und in sich gefestigter jüdischer Charaktere abgestellt sein. Charakterbildung ist das Ziel aller Erziehung, man hat dabei aber immer an den Menschen als Charakter gedacht, und das dürfte auch wohl hier gemeint sein. Es sollen nicht jüdische Charaktere gebildet werden, sondern charakterfeste Juden. Das Wesen des Charakterwerdens liegt im Menschlichen, und nur, wer als Mensch ein Charakter ist, kann auch ein charakterfester Jude sein. Die Richtlinien betonen überhaupt zu sehr