Jüdische Schulzeitung
- Journal
- Jüdische Schulzeitung
- Volume
- 9 (1933)
- Issue
- 3 (15.3.1933)
- Date
- 1933-03-15
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nummer 3 JüdischeS blieben sind, um seine Minderleistung auf einem Gebiet durch Mehrleistung auf einem oder mehreren andern -auszugleichen, zu „kompensieren", wenn möglich sogar, durch ganz besondere Leistungen zu „überkompensieren" und dadurch sein Liebes¬ und Lebensglück trotz natürlicher Hindernisse dennoch zu erringen. Alfred Adler, ein Schüler Freuds, hat u. a. auf dieser Kompensationstheorie eine, ganze psychoanalytische Erziehungswissenschaft aufgebaut, die er „Jndividualpsychologie" nennt, die aber bei aller Klugheit und Feinheit zu einseitig ist, als dag sie voll befriedigen könnte. Das glänzendste geschichtliche Beispiel gelungener Ueberkompensation ist übrigens Moses Mendelssohn, der verwachsene, kränkliche. häßliche, stotternde Ghettoknabe, der zu einem der ersten deutschen Schriftsteller, einem Führer und — Sprecher der. Judenheit, einem wirklich beliebten Manne wird und auch die Liebe einer vortrefflichen Frau gewinnt. Auch jener Artist Karl Hermann Unthan ist ein herrliches Beispiel. 1848 ohne Arme geboren, gibt er schon mit 18 Jahren sein erstes Geigenkonzert in Leipzig, wird Piston-Virtuos, Kunstschütze. Kunstschwimmer, alles durch vollendete Ausbildung feiner Beine. Nach Kriegsbeginn zieht er von Lazarett zu Lazarett, um an seinem Beispiel den Hunderttausenden von Kriegskrüppeln Mut und Hoffnung zu geben, regt die Errichtung von Erwerbsbeschränkten-Werkstätten an, in denen den Kriegskrüppeln — Kompenfa- * tionsmöglichkeiten gewährt werden. Unzählige mag er vor dem Selbstmord oder vor Verelendung bewahrt haben. In ihm starb 1929 dem deutschen Volke ein Wohltäter hohen Ranges. Beispiele geglückter Kompensation sind noch Demosthenes, Wilhelm il., Friedrich der Große (um ihn richtig zu verstehen, muß man die Geschichte seines Sexualismus kennen) u. v. a. m. Was für den Krüppel gilt, gilt übrigens auch für den Häßlichen, den' Menschen kleinen Wuchses. Sie alle.empfinden Mitleid als Beweis, daß sie nicht voll genommen werden: es kann ihr natürliches Kolnpensationsstroben lähmen, sie entmutigen, und dann wäre der falschen, wenn auch gutmütigen Erziehung durch den Lehrer gelungen, -was der Natur noch nicht geglückt war: das Kind fürs Leben untüchtig zu machen. Das Beste, was der Lehrer tun kann, ist, von dem Gebrechen nach der ersten Bekanntschaft keine Notiz mehr zu nehmen, nur die notwendigste Mehr- Bequemlichkeit zu gewähren, aber Leistungen besonders freudig anzuerkennen und auf neue Möglichkeiten individueller Leistung hinzuweisen. Man muß sich zwar hüten, zu Leistungen anzuspornen, denen das Kind nicht oder noch nicht gewachsen sein dürfte: solange der Optimismus des Kindes, d. i. der Glaube an sich selbst, noch nicht genügend gefestigt ist, können Rückschläge Unheil anrichten und müssen daher vermieden werden. Fernzuhalten ist ihm unter allen Umständen auch die Mißachtung und der Hohn der Mitschüler, die zwar seinen Leistungsdrang eher erhöhen, aber sein Herz verhärten, ihn mißtrauisch und zum Menschenfeind auf Lebenszeit machen können. Gelegentliche Unterhaltungen des Lehrers mit der Klasse in Abwesenheit des Unterhaltungsobjektes werden das Nötige leicht bewirken. Endlich muß besonders hier der Lehrer bei der Berufswahl Mitwirken, damit der ursprünglich Minderwertige, der Außenseiter, als vollwertiges, normales Glied der Gesellschaft in sie eingereiht werde. Aber auch sogenannte „normale" Kinder, die es in Wirklichkeit ebenso wenig gibt wie die von gewisien Paragraphen des Strafgesetzbuches verlangten Normalmenschen, sind es wert, vom Lehrer genau beobachtet zu werden, und sic lohnen diese an sie gewandte Mühe in den meisten Fällen. Da begrüßt mich ein liebes und braves Kind beim Hereintreten in die Klasse sehr freundlich: „Auf Wiedersehen!" Da achte ich doch sofort darauf, ob es sich im Unterricht langweilt, ob ich etwa unverständlich ' doziere oder das Kind nicht genügend beschäftigt (gefragt) wird. ulzeitung Seite 3 Kommt aber dasselbe Kind häufig auch' erst im letzten Augenblick zur Schule oder zu spät, so werde ich mich hüten zu schelten, sondern werde einmal das Verhältnis des „Bummlers" zu feinen. Mitschülern betrachten und zu ergründen versuchen, und zwar nicht nur das. Gegenwärtige, sondern auch das vergangener Jahre. Peinliche Erlebnisse in der Klasse, nämlich vor Anwesenheit des Lehrers, können, obwohl lange verdrängt, eine Tendenz zum Zufpätkommen für das ganze Leben bewirken. Das Verdrängte muß hier wieder bewußt gemacht und dadurch die üble Gewohnheit als gegenwärtig unbegründet erwiesen oder aber ein solcher Zustand in der Klasse hergestellt werden, daß der Grund des Zuspätkommens (der wirkliche, psychologische, nicht der äußere: daß etwa die Uhr stets falsch geht oder die Straßenbahn zu spät kommt oder zu früh wegfuhr — das sind alles nur Maskierungen des wirklichen Grundes!) beseitigt wird. Der umgekehrte Fall: Ein Kind steht immer schon vor Oeffnung der Schultür vor ihr, bleibt bis zuletzt in der Klasse, läßt' häufig ein Kleidungsstück, ein Schulbuch liegen, so daß es sich, natürlich unbewußt, einen Grund schafft, später als nötig nach Haufe zu kommen. Da ist irgend etwas an den häuslichen Verhältnissen nicht in Ordnung, jedenfalls liegt zunächst kein Anlaß zur Freude, etwa über das besonders frühe Erscheinen des Kin; des in der Schule für den Lehrer vor. Oft sind mißliche Wohn- -verhältnisse der Grund: oft ist neben dem Vater die Mutter beruflich fori, hat das Kind fortgeschickt, um die Wohnung nbschließen zu können: in andern Fallen ist Zank oder Kummer im Haus, denen das Kind,enteilt. Jedenfalls hat der Lehrer Anlaß, mit aller Vorsicht nach den Gründen altzufrühen Fortgehens von Haufe nachzuforfchen, besonders auch, 'wenn das Kind seine Schularbeiten nicht macht, unsauber oder mit ungepflegter Kleidung zur Schule kommt. Es handelt sich hier allerdings nicht um psychoanalytische Erforschung von Gründen, sondern mehr um psychoanalytische Voraussicht von Folgen liebloser, vielleicht sorgloser, das Kind zu einem Heimatlosen machender.Erziehung. Fürsorge-Erziehung und anderes stehen am Ende solcher Perspektive. Aufgabe des Lehrers, die hier natürlich nicht eng Umrissen werden kann, ist es, dem Kind ein Heim zu geben oder es in die vorhandene häusliche Gemeinschaft einordnen zu Helsen. Ein Kind, das sich häufig verspricht oder verschreibt, ist, wenn auch sonst nichts Auffallendes an ihm zu bemerken ist, ein wichtiger Gegenstand der Beschäftigung für den Lehrer. Es ist erfüllt von Gedanken, die nicht zum augenblicklichen Unterrichtsgegenftand gehören, und bemüht sich ohne vollen Erfolg, sie zu verdrängen. Weil schon die Mühe den guten Willen zeigt, ist Versprechen und Verschreiben regelmäßig nicht zu tadeln. Der Lehrer müßte aber versuchen, zu erfahren, ob der Schüler mit Furcht oder, was auch vorkommt, mit besonders freudiger Erwartung einer andern Schulstunde entgegensieht: oder aber ob er sich vielleicht mit Bezirken menschlichen Lebens auseinandersetzt. die ihm gerade zu schaffen machen. Achtgeben auf die Fälle von Fehlleistungen, wenn irgend möglich unauffällig und unter Schonung des Ehrgefühls Einblick in die Bücher und Hefte — ob etwa Zeichnungen, Schmierereien, Worte, Kritzeleien zu finden sind, in jedem Fall freundschaftliche und ungezwungene Unterhaltung lassen die Verdrängung bewußt werden und stellen die notwendige Konzentration für den Unterricht her. Vergeßlichkeit der Kinder ist für den Lehrer eine besonders schwere Plage. Um so weniger darf er mit vergeßlichen Kindern die Geduld verlieren. Ein einzelnes Vergessen hat zwar meistens in persönlichen Beziehungen des Schülers zum jeweiligen Thema seinen tieferen Grund, den auszudecken auch oft nicht allzu schwer ist. Vergeßlichkeit in einem bestimmten Fach weist auf Unlustgefühle hin, die aus mangelnder Anlage, mangeln-