Jüdische Schulzeitung
- Journal
- Jüdische Schulzeitung
- Volume
- 9 (1933)
- Issue
- 1 (16.1.1933)
- Date
- 1933-01-16
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 5 -Dmnner 1 Jüdische Schulzeitung Damit i st schon ein H a u p t b e st a n d t e i l des Tal - mnds aufgezeigt,des palästinensischen wiedes b abylonifche n. In den großen Zusammenkünften im Adar und GIuI-— Ee- Icljrtc, Schüler und Volk nehmen daran teil den sogenannten Kallahversammlungen, Plenarsitzungen im besten Sinne, werden gros;e Protokolle niedergeschrieben, die den Grundstock dessen bilden, was uns bis auf den heutigen Tag als Talmud erhalten ist. In einem Vergleich mit den Verhandlungen und stenographischen Berichten des Reichstages sucht G. uns die Diskussionen im Talmud verständlich zu machen, sowohl für die inhaltliche als auch formelle Seite. Freilich zeichnet sich der Talmud demgegenüber durch seine knappe, präzise Form aus, abgesehen von seinem ernsten Inhalte. Haggadah und Midrasch des Talmud — neben' der Kal ach ah — werden auch besonders in ihrer Bedeutung für die politische Satire und Polemik charakterisiert, und dabei werden auch alle Vorwürfe gegen den, Talmud (spitzfindige Juristerei u. a.) recht wirkungsvoll abgetan. „Verächtlich spricht die Welt vom „Talmudgeist", aber alle Anklagen, die sie erhoben hat und erhebt, verfliegen in den Wind, sobald die Sonne scharfer wissenschaftlicher Kritik sie beleuchtet. Der Hatz der Judenfeinde, ihre maßlosen und unbegründeten Angriffe charakterisieren sie selber, aber nicht den Talmud. Denn der wahre Talmudgeist ist der Geist des Fortschrittes und der Kultur, der Geist der Nächstenliebe, des Vor- , wärtsftrebcns und des Friedens." „Der Inhalt des Talmuds ist das Leben", sagt G. mit Recht in einem zweiten Teil feiner Abhandlung, kein Trennen von Heiligem und Profanem, von Werktag und Feiertag, alles sind nur zwei Seiten des gleichen .Wesens. Und wenn wir einen palästinischen und babylonischen Talmud besitzen, so hängt das nur mit den äußeren Erscheinungen des Lebens und seinen Anforderungen zusammen, nicht mit dem inneren Wesen und Geiste des Talmuds. Alle Probleme des sozialen und gesellschaftlichen Lebens, das Christus- und Christcuproblem erörtert G. in objektiver freimütiger Form und verscheucht damit all jene törichten Anklagen, die wir heute so viel erfahren. Nach einer instruktiven Uebersicht über den Inhalt der Sedarim des Tatumds werden im dritten Teile die Angriffe auf den Talmud und ihre Widerlegung und der Wert des Talmuds besprochen. Es gibt keine Geheimnisse und Verborgenheiten im Talmud. Gab es schon bisher bedeutende christliche Sachkenner, die ein selbständiges Urteil über den Talmud besaßen und besitzen. so liegt außerdem heute eine sachkundige Talmud- Übersetzung in deutscher Sprache von L.Eoldschmidt vor, die jedermann zugänglich ist, wer nur guten Willens ist zur Gerechtigkeit. Alle jene sogen, anstößigen Stellen werden von G. ungezwungen verständlich gemacht und namentlich werden die Fälschungen herausgestellt, durch die der Talmud oft entstellt wird, falsche Uebersctzungen und Verdrehungen, mm dann daraus alle möglichen Verbrechen abzuleiten, die der Talmud seinen Anhängern gegen Nichtjuden gestatte oder gar gebiete. Zum Schlüsse erwähnt G. noch eine reiche Literaturangabe über den Talmud zu werterer Vertiefung. Wir scheiden in Dankbarkeit von dieser arrsgezeichneten und jachkundigen Arbeit Goldmanns und wünschen ihr weiteste Verbreitung in allen Kreisen, besonders auch in jüdischen; denn auch hier gilt es Vorurteile und Abneigungen zu überwinden. Wir preisen den „Veränderer der Zeiten", der es uns erleben ließ, daß in allen jüdischen Kreisen wieder Verehrung und Schätzung unseres jüdischen Schrifttums herrschen; allerdings lügen wir an: „Zö ul'mad!" — „Wir wollen weniger gehoben, und mehr gelesen fein!" Auch dafür wird die Zeit heranreifen und E. darf es sich als Verdienst anrcchnen, wenn er mit seiner verdienstvollen Arbeit dazu bestimmt beitragen wird. ' ■ Dr. I. B a m b e r g e r, Nürnberg. Manuel Joel über Spinoza 0 Von M. Josef Grüzinger, Budapest. Spinoza -) hat viel vonCartesius gelernt und verharrte längs bei ihm. Van ihm Übernahm er die geometrisch demonstrierender Methode und auch seine „Lebensregeln (vivendi regulac)“ stammen von Descartes' „Ethik auf Zeit"?) Nach Trendelnburg soll Spinoza bei den Stoikern und nach Sigwart bei Giordano Bruno in die Schule gegangen sein. Ioöl schließt sich nun den Ausführungen Trendelnburgs und Sigwarts von der Veeinfluffung Spinozas durch die Stoa, durch Bruno und Descartes an. Er macht ihnen aber nur partielle Zugeftändnisie und behauptet, Spinoza habe viel vom Stoizismus, vom Brunonischen Pantheismus und von Descartes übernommen, das meiste aber dennoch von den jüdischen Philosophen des Mittelalters gelernt. Die Hypothese von der Schöpfung ans Nichts, das Problem von der Willensfreiheit, die Attributenlehre, die Frage nach der Vorsehung, der Unsterblichkeit und andere Kardinalfragen, welche bei Spinoza ihre befriedigende Lösung fanden — all diese Problemstellungen und Problemlösungen stammen von Ioöl weder von der Kabbala, noch von den vonSigwart undTrendelnbnrg vermuteten Philosophen, sondern von Maimonides, Gerfonides und besonders von Creskas. ■») Ein tieferer Blick iu feine Philosophie kann uns gleich klarmachen, „iu welchem Verhältnisse Spinoza zu den bedeutendsten Denkern unter den Rabbinern des Mittelalters, dem Maimonides, Gersonides und Chasdai Cres- ' kas, oestanden habe." Ursprünglich ließ Spinoza den Einfluß Descartes' über sich ergehen, spater aber riß er sich von ihm ganz los und schöpfte reichlich von Creskas, Gersonides und Maimonides. „Ich glaube sagen zu können, daß ohne Maimonides und seine Fortsetzer ganze Kapitel des Traktats gar nicht möglich ge- . wesen wären . . meinte Ioöl. Besonders waren cs -die von Descartes ausgestellten drei Wunder, welche Spinoza veranlaßten, vom Cartesianismus sich zu entfernen. Nach Cartesius hat nämlich Gott drei Wunder gewirkt: Die Schöpfung aus Nichts, die Freiheit des menschlichen Willens und den Gottmenschen. Für Spinoza waren nun diese von Cartesius verkündeten drei göttlichen Wunder die Antriebe zum Hinausgehen über Cartesius und zum Empordringen zu seiner originalen Weltanschauung. Denn Spinoza, das eigentliche Ferment der neuen Philosophie, war ein originaler Geist. Obwohl bei ihm auch wörtliche Entlehnungen nachgewiesen sind, ist er dennoch kein Kopist. „In ihm floß zwar zusammen . . . orientalischer und okzideutaUscher Geist, der Geist des Semitismus und des Jndogermanismuser verstand es aber, die heterogenen Meinungen durch eine selbständige synthetische Verbindung zur Einheit zu bringen. *) Ein Stück aus einem Kapitel des demnächst erscheinenden zweiten Bandes meines Werkes: Geschichte der jüdischen Philosophie und der jüdischen Philosophen. Von Moses Mendelssohn bis zur Gegenwart. Erster Band. Von Moses Mendelssohn bis Salomon Maimon. Berlin 1930, Philo-Verlag. — Zweiter Band. Von Nachman Krochmal bis Moritz Lazarus. (In Erscheinung.) -') Seine Spinozaauffassung hat Ioöl hauptfächlich in folgenden zwei Schriften entwickelt: „Spinozas theologisch-politischer Traktat, aus seine Quellen geprüft, Breslau. 1879" und: „Zur Genesis der Lehre Spinozas, mit besonderer Berücksichtigung des kurzen Traktats, „von Gott, dem Menschen und dessen Glückseligkeit." 2) Descartes begründete feine „Ethik auf Zeit", um mit dem Leben, mit den Zeitbedürfniffen nicht in Konflikt zu geraten. ■') Die philosophische Kongruenz zwischen Creskas und Spinoza hat nach Ioöl ihre Wurzel in der gemeinsamen Feindseligkeit gegen Aristoteles und im Grunde auch gegen Maimonides.