Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 3 (1929-1930)
- Issue
- Heft 3
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 307 (sequence 58)
- Language
- German
- Belongs to
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Wie die Mütter in einem unwegsamen Orte wohnen, wo kein Mensch zukommet, also läßt Goethe seine Götter unterirdisch tronen, da ihm der Himmel besetzt dünkt. Wie die Könige in Goethes „Märchen"* im unterirdischen Hohlraum ihren Palast besitzen, und von diesem dunklen Schloß aus die Oberwelt regieren, also wird überhaupt die gewöhnliche Oberwelt zum Droben und die Welt der Bergwerke, der Gnomen, Zwerge, Geister und Dämonen zum Drunten. In diesem Drunten werden aber die Götter untergebracht, denen im Droben der Oberwelt kein W ohnen möglich ist. Die Oberwelt, teils Gebieter und König des Lebens, teils Untergebener einer Geheimherrschaft, die drunten in unsichtbaren Räumen, hinter Märchentüren in sonderbaren Provinzen ihre Paläste hat, schwebt als einzige echte Wirklichkeit ,,über den Wassern", angehaucht vom Geiste des ewigen Droben, das, nie geleugnet, jedoch nie erbeten, seine Diener im Drunten mit Herrschaftsgewalt ausgestattet hat. Denn die Gewalt bleibt Gewalt, aber ihre Träger sind Delegierte der Obergewalt, Zwischenregenten, Minister und Regenten, und die soviel umgekehrte Weltordnung, in der Goethe lebt, entschlägt sich alles Götzentums wieder und wieder. Rauschend ergießt sich das Genie im eifersüchtig behüteten Drinnen-und-immer-wieder-Drinnen, asketisch verschlossen gegen das obere Droben ewiger Allmacht. Für das wahre Droben springt dabei unvermerkt etwas l ngeahntes heraus. Der Himmel entflieht dem aufteilbaren W eltenraum, entschwebt ins rein Überweltliche. Das falsche Jenseitsgefängnis verläßt der lebendige Gott, und seine wirkliche Wohnung im echten Jenseits wird mit unfaßbarer Leuchte gesichtet. „Uber Himmeln und Erden" nennt das die Schrift. In einem Orte, wo niemand zukommet, wohnt nach ihr der einig Wahre. A und O stehen außerhalb der Lebensordnung des Daseinsbaue* Goethes, nur das Und, das zwischen Anfang und Ende ist, wird von ihm als Seil durch den ganzen Kosmos geworfen. Die Anbetung von anderen Göttern44 durch christliche Völker wird verworfen. Es siegt der EINE. Entweder herrscht Goethen gar kein Gott und es wird keiner angebetet, oder es waltet und wird geglaubt allein der Gott aller Götter in dem Droben über allen Droben. Entweder — oder! Mehr hat Goethe nicht verraten. Das Geheimnis seiner Entscheidung hat er sich gew ahrt. Gleichw ohl, soweit wir es vermochten, haben wir es ihm entlockt. Wer es aber besser und mehr vermag, der tue danach! Uns ist es nicht gegeben noch erlaubt. 307