Mannheim
Compact Memory

Die Kreatur · 1929-01-01 · Heft 2 · page 84

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
3 (1929-1930)
Issue
Heft 2
Date
1929-01-01
Page
– (sequence 84)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
90% known words query
IRI
…/2823768-2823769-2823772--1206-2825021
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

bürgt: quantum satis. Und nichts ist so durchsichtig in die Zwiesprache zwischen Gott und Mensch, wie solch ein unsentimentaler und rückhaltloser, ja. rückhaltloser Blicktausch zwischen zwei Menschen im Fremdraum. Aber ist es. unwiderruflich, ein Fremdraum? Muß hinfort in alle Zeiten der Welt das Leben des in den Betrieb gespannten Wesens zwiegeteilt sein, in die Fremde „Arbeit" und die Heimat „Erholung44? vielmehr muß es, da Abend und Sonntag sich doch nicht von dem Charakter des Werktags freimachen können, zwischen Arbeitsbetrieb und Erholungsbetrieb aufgeteilt sein, ohne einen Rest von Unmittelbarkeit, von unreguliertem Überschuß, — von Freiheit? (Und die Freiheit, die ich meine, wird ja auch von keiner neuen Gesellschaftsordnung hergestellt.) Oder regt sich schon, unterhalb aller zu befriedigenden Unzufriedenheiten, eine unbekannte und urtiefe, für die es noch nirgends ein Befriedigungsrezept gibt, die aber zu solcher Mächtigkeit erwachsen wird, daß sie den technischen Leitern, den Unternehmern, den Erfindern diktiert: Rationalisiert immerzu, aber humanisiert in euch die rationalisierende Ratio, daß sie in ihre Zwecksetzungen, in ihre Berechnungen den lebenden Menschen einbeziehe, den es danach verlangt, in der Gegenseitigkeit zur Welt zu stehen! Regt sich schon auf den Gründen — Antrieb zum großen Aufbau oder Fünklein der letzten Revolution — die Sehnsucht, lieber Gegner, nach Dialogisierung des Betriebs? Das heißt, in der Formulierung des quantum satis: nach einer Werkordnung, in der der Betrieb jeweils so sehr von vitaler Dialogik durchdrungen wird, als es die von ihm zu erfüllenden Aufgaben gewähren? Und in welchem Maße sie es gewähren können, wird heute kaum erst geahnt — in einer Zeit, wo die Frage, die ich stelle, wirklichkeitsblinden Optimisten und möglichkeitsblinden Getreuen der unzugänglichen Welttragik ausgeliefert ist. Machen Sie sich klar, wovon es Zeugnis ablegt, wenn ein Arbeiter sogar seine Beziehung zur Maschine als eine dialogische empfinden kann, wenn etwa ein Buchdrucker erzählt, er habe gelegentlich ihr Summen vernommen als „ein lustiges und dankbares Lächeln der Maschine an mich, daß ich ihr geholfen, die Schwierigkeiten und Hindernisse, die sie störten, schrammten und sehmerzten, zu beseitigen, so daß sie jetzt frei laufen konnte". Müssen nicht auch Sie da an die Geschichte von Androklus und dem Löwen denken? 220

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.