Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 2 (1927-1928)
- Issue
- Heft 3
- Date
- 1927-01-01
- Page
- – (sequence 63)
- Language
- German
- Belongs to
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FLORENS CHRISTIAN RANG HISTORISCHE PSYCHOLOGIE DES KARNEVALS1) 1. Krieg, Revolution, Verworrenheit, dumpfes Dröhnen und Beben - während sie in den Seelen unseres Zeitalters wühlen, was ^oll da Geschichte des Mummenschanzes? Hat Fasching das Geringste mit Schicksal zu tun? Wozu dient Zergliedern gewesenen Lachens? Aber, wenn eben dies Lachen Krieg, Revolution, alles Wühlende w ar? ganz etwas anderes als das Redouten-Amüsement, oder auch der Bocksprung der Saturnalien-Saatzeit! Wenn gräßlicher fast noch, und erhebender auch, Karneval des Schicksals Zerreißer gewesen von Glücken, Ordnungen, Ruhen! Ja, in ihm vernahmen sich herzklopfend, herzbrechend die Pulse unserer gründigsten Flut; aufschwoll der Ozean unter dem Kahn unserer Brust; sprengte die gesicherten Schollen der Dinghaftigkeit, verwälzte die schöne Oberfläche des Daseins, riß Dämme nieder, aufstaute neue, riß durch Felsen des Glaubens den Stromschwall der Geschichte, und schleuderte aus letzter unerbittlicher Not die Seelen in Seelenangst über ihre Welt auf. Ein Kriseln geht durch unsere schüttere Zeit. Davon selbst der zerreißendeste Völkerkrieg erst lockere Figuren gefährlich in den Sand schreibt. Schon tiefer klüften Spalten bis in den Busen des Ich. Aber sie all sind nicht das Kommende, sind bloße Merkzeichen. I nser ganzer Zustand scheint aufbrechen zu wollen. Sind wir eine Geburt? sind wir ein Geschwür? Wie ein Alp liegt's uns über; wir atmen keuchend, beklommen, stoßweise, angstweise; wir ersticken im Druck. \t essen? Dessen, was wir auf uns gehäuft! Unserer eigenen Formen, unserer eigenen Behalte! Revolution pocht ans Tor. Ganz eine andere als von L nterdrückten gegen Unterdrücker, von uns selb gegen unsere eigene l nterdrückung! Und doch - wir schaudern; die alte Gesundheit wehrt >ich; wir wollen nicht leiden, aus uns selb gesprengt zu werden, und sind uns doch unmöglich so wie wir sind. l) Was wir bisher aus dem Nachlaß Florens Christian Rangs veröffentlicht haben, gehörte der letzten Zeit seines Lebens an, der Zeit seiner Reife und Höhe. Dieses Stück, hier ist ein früheres (mit Ausnahme der ersten Absätze stammt es, ursprünglich ein Vortrag, noch aus dem Jahr N*)^); es bedeutrt. Weg, bedeutet Hindernis und großen Kampf. Wir bringen es, um un?re Leser eben in den Wem diese-* Menschen einen Blick tun zu lassen. 311