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Die Kreatur · 1926-01-01 · Heft 1 · page 82

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
1 (1926-1927)
Issue
Heft 1
Date
1926-01-01
Page
– (sequence 82)
Language
German
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Es leuchtet sogleich ein, daß damit die Identität des anschaulichen Weltbildes mit sich selbst zerfällt. Es ist nicht länger gesagt, daß, was der eine sieht, um wahr zu sein, dasselbe sein müßte wie das, was der andere sieht. Mit der Identität des Anschaulichen zerfällt auch seine Allgemeingültigkeit. Ein Naturgesetz gilt nicht „immer und überall", wenn die Zeit und der Ort eines Naturvorganges nicht objektiv-identisch, sondern persönlich durch einen Beobachter determiniert sind. Statt dieser raumzeitlichen erscheint eine unanschaulich funktionale, mathematische Allgemeingültigkeit. Und zugleich erhebt sich eine neue Aufgabe: die wissenschaftliche Herstellung der Gemeinschaftlichkeit, die nicht länger durch anschauliche Allgemeingültigkeit zu erhalten ist. Wir können auch sagen: hier erscheint der Schnitt zwischen „ich46 und „es" in einer anderen, neuen Ebene durch den Kosmos gelegt; die Welt des Ich wird wieder anschaulich und eine Welt der personalen Iche; die objektive Natur dagegen verliert das Merkmal der Anschaulichkeit; aus der raumzeitlichen Allgemeingültigkeit wird eine unanschaulich - mathematische. Hieraus folgt aber sogleich, daß auch das Verstehen von Ich zu Ich weder als eine Abart des objektiven Erkennens von geringerem Gewißheitsgrad, noch als eine solche des Gewißheitsgrundes ist. Man hat die Erkenntnis des Fremdichs teils als eine solche aufgefaßt, bei der eine zwar objektive, aber doch relativ unsichere, geringwertige Erkenntnismethode gebraucht werde, z. B. die des Analogieschlusses vom eigenen auf das fremde Erleben; oder man nahm an, daß nicht die diskursive, logische sondern die intuitive, unmittelbar greifende Methode uns das Objekt vermittelte. Keine dieser Theorien wird aber dem gerecht, daß das Verstehen von Jemand kein objektives sein fcann, weil und sofern dieser Jemand selbst ebenso ein Ich hat wie ich, und weil gerade das, was, weil es ebenso wie ich Subjekt ist, kein Objekt „werden" kann; und doch kann man ihn (nicht es!) verstehen. Wie also? ★ * * Es ist nicht immer nötig zu wissen, wie man den Anderen verstehen kann, uenn man ihn verstehen kann. Man kann auch logisch denken, ohne die Logik zu wissen, man kann sehen, ohne physiologische Optik zu können; aber man kann Denken und Sehen steigern, wenn man, Logik und Optik kennend, diese Instrumente vorsetzt. Darum war es sehr irrig, 82

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