Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 1 (1926-1927)
- Issue
- Heft 1
- Date
- 1926-01-01
- Page
- – (sequence 74)
- Language
- German
- Belongs to
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hat das einzelne Bestand, nur in ihm kann sein Wesen erkannt werden. Trotzdem ist zu erwarten, daß eine medizinische Anthropologie mindestens vier Hauptstücke im Sinne jener Gliederung enthalten wird, und der erste Gewinn, den wir aus dieser Betrachtung ziehen, ist, daß diese Wissenschaft im Gegensatz zur „Medizin" mit ihrer Pathologie und Therapie auch eine Lehre vom Arzt und eine Lehre von der Not enthält. Diese beiden können jedenfalls auch dem Namen nach nicht mit etwas verwechselt werden, wras die medizinische Wissenschaft etwa entgegen unserer Behauptung schon zu besitzen vorgibt. Wir werden aber diese Aufstellungen nunmehr dazu benutzen, einige aufgegriffene aber sachlich wichtige Grundfragen der medizinischen Anthropologie zu bearbeiten. Die erste betrifft die Art und Form des ärztlichen Wissens. Wir sahen schon: die medizinische Wissenschaft von den objektiven Erscheinungen und Vorgängen wagt nicht oder verschmäht es, dfe Grenze des sinnlich Gewissen oder des daraus beweismäßig Erschließbaren zu überschreiten. Sie steht unter dem Gesetz der kritischen Wissenschaft, und für diese ist Wissen soviel wie ein Gewissen: sie hat eine spezifische Sittlichkeit, derzufolge es (sittlich) weniger darauf ankommt, welche Wirklichkeit ich weiß, als wie ich zu diesem Wissen komme (es „erfahre"). Die Moral der Sache ist aus dem Inhalt in die Produktionshandlung des Wissens übergegangen, ja man kann sagen: Wissen ist eine Sache der Moral geworden und der hierin liegende Primat des praktischen Verhaltens ist hier eigentlich nur eine andere Ausdrucksweise für den allgemeinen Primat der praktischen Vernunft. Im Begriff: „kritische"Wissenschaft, oder wiederum dem anderen: „Objektivität64 des Erkennens hegt ein solcher praktischer Primat bereits enthalten. Eben dadurch wird die Sache selbst, der Inhalt des Wissens - amoralisch, moralisch denaturiert. Nicht die Handlungen, nur die Gesinnungen sind gut und böse, nicht die Schafe sind weiß und schwarz - am Sehen liegt es, nicht die Menschen sind gesund und krank, sondern bei der Beurteilungsart steht es, was ich gesund oder krank nenne. Aber diese Moralität des objektiven Wissens schlägt sich selbst ins Gesicht: der Primat der praktischen Vernunft wird im Praktischen allzu praktisch; im Handeln tue ich so, als wüßte ich, was gut und böse, schwarz und weiß, gesund oder krank ist. Ich dekretiere - durch mein Handeln - einfach Inhalte, wo mir doch nur Beurteilungsweisen vergönnt 74