Mannheim
Compact Memory

Die Kreatur · 1926-01-01 · Heft 1 · page 32

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
1 (1926-1927)
Issue
Heft 1
Date
1926-01-01
Page
– (sequence 32)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2823768-2823781-2823783--0037-2823843
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

werden von den unvorhersehbaren Entscheidungen der werdenden Geschlechter mitgeprägt. Unabineßbar ist der Anteil jedes heute Lebenden, heute Erwachsenden, heute noch Kindhaften daran, gar unabmeßbar der unsere, wenn wir Erzieher sind. Taten der jetzt nahenden Generationen können das graue Gesicht der Menschenerde licht machen, können's verfinstern. So also die Erziehung: wenn sie sich endlich erhebt und da ist, wird sie im Herzen der Täter die lichtspendende Kraft zu stärken vermögen - wie sehr, ist nicht zu ahnen, nur handelnd zu erfahren. Wirklichkeit ist das Kind, Wirklichkeit soll die Erziehung werden - aber was ist es um die „Entfaltung der schöpferischen Kräfte66? Ist das die Wirklichkeit der Erziehung? Muß die Erziehung eben dies werden, damit sie Wirklichkeit sei? So meinen es offenbar die Einberufer dieser Tagung, die ihr ihren Gegenstand gegeben haben. Sie meinen offenbar, deshalb habe die Erziehung bisher ihr Werk nicht getan, weil sie anderes anstrebte als eben die Entfaltung dessen was im Kinde ist, oder unter den Kräften des Kindes andere als eben die schöpferischen beachtete und begünstigte. Und sie wundern sich wohl jetzt, daß ich diese Zielsetzung fragwürdig finde, da ich doch selber vom Schatz der ewigen Möglichkeit und von der Aufgabe seiner Hebung spreche. So habe ich denn klarzustellen, daß dieser Schatz durch den Begriff der „schöpferischen Kräfte" und seine Hebung durch den Begriff der „Entfaltung66 nicht zulänglich bezeichnet wird. ★ ★ ★ Schöpfertum bedeutet ursprünglich nur den göttlichen Anruf an das im ^Nichtsein verborgene Weesen, also - wie immer das sprachgeschichtlich noch ungeklärte Verhältnis der Worte schaffen und schöpfen aufzufassen ist - wahrhaftig das Herausschöpfen von Substanz aus dem leeren Abvssus. Als Johann Georg Hamann und seine Zeitgenossen diese Bezeichnung metaphorisch auf die menschliche Fähigkeit der Formgebung übertrugen, belegten sie damit eine höchste Aufgipfelung des Menschentums, das gestalterische Genie, als in dem die Ebenbildlichkeit sich wirkend beurkunde. Seither hat sich die Metapher geweitet, es gab eine (nicht ferne) Zeit, wo „schöpferisch66 beinah mit „literaturfähig66 zusammenfiel, und diesem tiefsten Stand des Wortes gegenüber ist es eine wirkliche Erhebung, wenn es nun hier ganz allgemein gefaßt 32

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.