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Jüdisches Gemeindeblatt für den Verband der Kultusgemeinden in Bayern und die Kultusgemeinden München, Augsburg, Bamberg, Würzburg · 1937-12-01 · 23 (1.12.1937) · p. Seite 418

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Journal
Jüdisches Gemeindeblatt für den Verband der Kultusgemeinden in Bayern und die Kultusgemeinden München, Augsburg, Bamberg, Würzburg
Volume
13 (Ausgabe B) (1937)
Issue
23 (1.12.1937)
Date
1937-12-01
Page
Seite 418 (sequence 10)
Language
German
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«juiu&ciies uemeinaeDiatt lur aen verDand der Kultusgemeinden in Bayern' Nr. 23 Unsere Annahmestelle für Inserate und Abonnements (früher „Ewer"-Buchtiandlung) führt nunmehr ihr Geschäft unter der Firma „Jüdischer Buchvertrieb" Luise Bing München, Ottostraße 2 - Tel. 52407 Ein großer TeiLder deutschen Bücher, Jugendschriften und Bilderbücher wird zu stark ermäßigten Preisen verkauft. ' _Verlag des Judischen Gemeindeblattes. alten Sprachtradition vermissen läßt, schwingt bei Agnon in jedem Satz, in jeder Redewendung der Klang des ihm heimat-. lieh' vertrauten Schriftverses ,der Klang auch des Midrasch und der Agada mit. Nun hat Agnon unter Benutzung von mehr .als tausend Werken alles Wissenwerte über die Jamrm Noraim, die Tage von Rosch Haschana bis Jörn Kippur, zusammengetragen, in seltener Vollständigkeit und Ordnung. Neben den Vorschriften werden die Gebräuche gebracht, zu allem weiß Agnon einen schönen, einleuchtenden. Grund nachzuweisen, Zitate aus dem Talmud, den Dezisoren und aus den Werken der Späteren, zumeist in ein leichtfaßliches, ansprechendes Hebräisch gebracht, umranken die Schriftverse, die zur Grundlage der Ausführungen werden. Ein Stück der jüdischen Seele, die ja an den jüdischen Festen und besonders an den heiligsten Tagen des Jahres sich offenbart, wird in diesem Buche lebendig. Mit meisterhaftem Verständnis hat Agnon überall Erzählungen, die uns in Büchern überkommen sind oder die der Volksmund erhalten hat, eingestreut, die das Volkstümliche seiner großartigen Anthologie unterstreichen. Besonders gelungen sind die angeführten Sohar-Stellen ins Hebräische übertragen, wie es Agnon mit feiner Einfühlung überhaupt versteht, das Spezifische der verschiedenen Stilarten seiner Quellen zu erhalten. Das Werk ist in drei Teile gegliedert, die wiederum systematisch unterteilt sind: Das Buch Rosch Haschanah, das Buch Zwischentage, das Buch Jörn Hakippurim. Ein Vokabular der seltenen Worte und Begriffe und ein alphabetisches Verzeichnis aller zitierten Werke sind am Ende beigedruckt. Nicht nur die Freunde der Agnon'schen Dichtung werden dieses neuerschienene Werk freudig begrüßen und in Andacht zu lesen wissen. Für Schulen und Bünde, Lehrhäuser und Lehrkurse wird es ein willkommenes Hilfsmittel werden, den Sinn unserer heiligen Tage und damit viel vom Sinne unseres ganzen Judentums und jüdischen Daseins unserer Jugend und unseren Erwachsenen zu übermitteln, Das Werk ist un der bekannten, gediegenen Schocken-Ausstattung in Ganzleinen (Preis RM. 7.50) erschienen. ' S. R. Weiss, Würzburg. Vision Und eines Tages begegnete ihnen ein greiser Wanderer. Ehrfurchtgebietend in Haltung und Miene trat er mit freundlichem Wort näher ünd fragte: „Ihr seid wohl müde von weitem Weg?" „So ist es," seufzte der ältere der beiden Freunde, „wir sind über unsere Kräfte angestrengt." „Denn unser Weg ist weit gewesen und sein Ende nicht abzusehen" fügte der zweite hinzu. „Wohl kaum weiter als der meine," lächelte der Greis geheimnis voll, „doch erzählt, wenn Ihr mir Vertrauen schenken wollt!" Sie befanden sich in einem lang hingedehriten Tal, das. von einem schmalen Wässerchen durchflössen, einen lieblichen Ruheplatz darbot nach der endlosen Einöde wüster Steppen. In einer Felsgrotte rasteten sie und fühlten die dumpfe Schwere ihrer müden Glieder. AtlSW3HClQrGr finden eine Auslese gesdimadev, kombinieri.Wohnzimm.,Sdilafz.,Kfidien,Beti-Coadiesf An- und Aufbau-Möbel, gediegen und preiswert im MÖBELHAUS EMIL EBEN Schwanthalerstr. 9, nächst Sonnenslrafee „Ja, guter Freund", begann der Erste, „ich .war ein wohlangesehener Arzt; doch der Sturm dieser rauhen Zeit wehte, mir die. Menschen fort, daß ich sie nicht mehr heilen durfte. So stand ich da, hilfloser als meine ärmsten Kranken — und nun wandere ich... suche eine Heimat, eine neue Aufgabe, suche Befreiung von mir selbst, von meinen Gedanken!" „Ich war Verteidiger, von vielen gesucht und geachtet," be-, richtete der Zweite, „doch kams dahin, daß ich selbst Verteidigung suchen mußte und keine fand; denn Jude sein heißt: keine Hoffnung haben dürfen!" „Nun will ich Euch von mir erzählen," sprach der Greis mit stillem Leuchten in den leidgesättigten Augen. „Ich wandere seit zweitausend Jahren." Erschreckt schauten die Freunde sich an, wie in bedauerndem Verständnis. Der alte Mann ließ die Blicke in die Weite schweifen, als habe er der beiden jungen Männer völlig vergessen; Endlich glaubte der . Jüngere den Sinn dieser seltsamen Worte zu begreifen und sagte leise: „Auch mir ist es, als lägen Jahrtausende zwischen heute und meinem früheren schönen ausgefüllten Leben." Der Greis tat, als überhöre er den Einwurf und fuhr gleichmütig fort: „Lange Jahrhunderte war mir der Schmerz Begleiter, wie er es Euch ist, Ihr jungen Juden. Es war mein Fluch, heimatlos und verachtet durch die Welt zu ziehen, ohne Hoffnung auf Erlösung, die alle anderen Menschen rings um mich beseelte. Und meinen Rücken krümmte die Last der Schmach. Doch einst geschah es, daß ich wissend wurde: auf Erlösung warten, hieß das nicht,- sich seines Ich begeben und, einer äußeren Macht vertrauenid, sich selbst vergessen <umd vermeinen?" „Das gerade ist die menschliche Pflicht, an sich zu vergessen, um der Andern willen", unterbrach lebhaft der junge Rechtsanwalt. „Es gibt nur eine Pflicht", erwiderte der Greis, „den Weg zum Ich. Wie die Erde in unaufhörlicher Bewegung kreist, immer neuen Zielen zu und gleichwohl in sich selbst das höchste Ziel wissend, das sie nie erreicht, gerade so ists Menschenpflicht: ewig in neuen Aufgaben und neuen Zielen.sich selbst zu suchen in reinerer, reiferer Form." „Euch selbst sucht Ihr", fragte sinnend der Arzt, „seid Ihr Eurer denn noch nicht müde? Wie müßt Ihr Euch heraussehnen aus dem öden Gefängnis des.Ich!" „Das wahre Ich ist Freiheit, junger Freund, denn es ist Gott. Und Ihn suchen und finden durch jedes Schicksal, durch' alle Verwandlung der Welt, das ist die Glücksaufgabe, die uns Juden gegeben ist." „Ihr seid auch ein Jude?" fragten verwundert die beiden Kameraden. „Hätte ich sonst die Kraft", lächelte der Mann, „msin Leid als Glück zu empfinden? Dies allein will ja unsere Auserwähltheit zum Leiden bedeuten: nicht stolzer Selbstgerechtigkeit zu verfallen, die des harten Schicksals mit eitler. Würde sich brüstet — nein* es demütig annehmen immer wieder und verstehen: die ewige Verfluchtheit unseres Stammes ist die tiefste Quelle seiner Kraft. Würden wir ein Volk wie einst, wie alle sonstigen Völker es sind, wir verlören uns rettungslos an irdische Vergänglichkeit. Es ist Gnade, immer wieder aufgerissen zu sein, in unendlicher lebendiger B'ewegiumig, ohne Ruhe, ohme sattes Pochen auf jene Auserwählung — es ist: ohne Schlaffheit sein — jung, kraftvoll und wach!" Während der Greis diese letzten Worte sprach, feierlich, seherisch, verwandelte er sich zauberhaft in einen lichten Jüngling, so daß die beiden Freunde in fassungslosem Staunen erbebten. Er aber sprach sie gütig an: ..Koimirht, ich führe Euch in die Welt, die ganze Erde sei Euch Heimat, so Ihr nichts wollt, als Menschen sein, die Gott suchen. Er offenbart sich in jedem* Land, in jeder Arbeit, im Größten wie im Kleinsten überwältigend Dem, der um' ihn kämpft." „Wie sollen wir, wo?" fragten beide zugleich. „In Eurer Seele sei das gesegnete Schlachtfeld um den täglich neuen Sieg. Den aber kündet der Welt! Nicht aufdrängen läßt sich dieser Gott wie ein enges Bekenntnis, aber Er gibt, sich Jedem, der Ihn sucht, und dies zu künden, ist Eure Sendung!" - ' , „Wer bist du?" flüsterten die Freunde erregt. 1 „Ahnt Ihr es nicht? Der verflucht war ünd im Fluch den . .Segen erlebte.— ich bin Ahasver, der ewige. Jude." Ruth Poritzky,^

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