Jüdisches Gemeindeblatt für den Verband der Kultusgemeinden in Bayern und die Kultusgemeinden München, Augsburg, Bamberg, Würzburg
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt für den Verband der Kultusgemeinden in Bayern und die Kultusgemeinden München, Augsburg, Bamberg, Würzburg
- Volume
- 13 (Ausgabe B) (1937)
- Issue
- 20 (15.10.1937)
- Date
- 1937-10-15
- Page
- Seite 357 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Jiid. Kulturbund in Bayern (angeschlossen dem Reichsverband der Jüdischen Kulturbunde in Deutschland) Ortsgruppe illiiiiclicii .Anschrift: Mönchen 13, Adelheidstraße 33 AuffakfderWinferveransfallüngen1937/38 des Kulturbundes in München 1. Die. Rede des Präsidenten des Reichsverbandes Kurt Singer *.'. -Der. Jüdisch©-: KvSk^Smxi: in Bayern, Ortsgruppe München, veranstaltete am 30. September im: Rahmen seiner diesjährigen Werbeaktion ein Sonderkonzert, zu welchem alle Mitglieder d'er Gemeinde geladen waren. Justizrat Dr. Carl Oestreich 'begrüßte namens des Vorstandes der Israelitischen Kutlusgemeinde die überaus zahlreich Erschienenen. Neben der sozialen Aufgabe, vor die \vtir 'Juden heute gestellt seien, .dürfe die kulturelle -nicht vernachlässigt werden. Wie die Gemeinde ihre -ganze Sorge. <dlem Kulturbund zuwende und ihn in jeder Weise fördere, so sei es auch die selbstverständliche Pflicht eines jeden Gemeinideimitgliedes, dem Kuitunbund 'beizutreten, seine Veranstaltumigen zu besuchen und somit an dem kulturellen Leben in _d'em einzi'g uns noch verbliebenen Rahmen teilzunehmen. Als Vorsitzender des Jüdischen Kulturbundes -in Bayern und der Ortsgruppe München rief Rechtsanwalt Dr. Alfrad Perlmutt e r in seiner. Ansprache alle auf. die Arbeit des Kulturbundes zu stützen. Es gehe hier nicht allein um eine Organisation, sondern um eine große kulturelle Aufgabe. Der Kulturbund gäbe dem jüdischen Künstler Brot, aber er schütze ihm auch, was genau so 'Wichtigsei vor seelischer Not. Wenn der Künstler sein Winkungsfeld verloren und nicht mehr die Mög-; lichkeit habe zur künstlerischen Leistung, dann müsse er seelisch izugruinde gehen. Das suche der Kulturbund zu verhindern: er erhalte .den jüdischem Künstler als aufrechten Menschen. Der Kulturbund verschaffe ferner dien Juden in Deutschland den Zugiang zu den Quellen künstlerischer Erhebung. Deshalb müßten alle, .die dazu wirtschaftlich noch imstande sind, ihren Beitrag leisten. Je größer die Zahl der Mitglieder sei, in um so Roherem Maße könne d'er Kulturbund seinen sozialen Aufgaben •gerecht werden und beitragsfreie Mitgliedschafften gewähren. Gerade die. welche zu .arm geworden sind, den Mitgliedsbeitrag aufzubringen, bedürfen, besonders der taünstlerischein Erhebung. Aber das Wichtigste sei: Der Kulturbund Ist eine'jüdische Saohe. Er gäbe in dieser Zeit den Julden in „Deutschland das so notwendige Gefühl der Zusammengehörigkeit, er beweise durch die Tat, daß er eine geistige Notwendiiglkeit geworden ist und schaffe -für jeklen da/s beglückende Erlebnis der Gemeinschlaft in der Versiaimimlung. Im Mittelpunkt des Abends stand dfie Rede des Präsidenten des Rei'Chsvenbanldes der Jüdischen- Kulturbünde in Deutschland, Dr. Kurt Singer-Berlin. Das Kunstwerk wäre tot, wenn es nicht durch Tatkraft und Begeisterung, durch Einsatz der künstkrischen Leistung zum Leben erweckt wunde. Das Werk jüdischer Menschen pulsieren und erklingen zu lassen und es einer jüdischen Hörerschaft zuzuführen das sei der eigentliche Kulturbunidsgedawkel Dabei: sei die Frage nicht so wesentlich, inwieweit wir hier in. Deutschland imstande sönd, eine reine, ureigene "Kunst, zu schlaffen. Dr. Singer wies auf dlüe Bedeutung der Sprache, hin. " in ihrem Schöße könne sich allein "eine Ksultur 'ewiwäctoeJn.':' Wir^'Mtfea. '-uns damit abzufinden, in unserer Kulturarbeit nur zu einer Teillösung zu kommen. Voraussetzung einer jüdischen' nationalen Kultur sei das Hebräische; Eme^refee^'iüdäsche';Kisnstkömtee nur in Palästina entstehen. Aber auch hier, sei'sie heute nur zum Teil geschaffen; denn -ihre Entwicklung setzt viele Jahrzehnte eines ' jüdischen Kulturlebens voraus. Dr. Singer appellierte an die Freunde in München, nicht unigeduldig zu sein, und sich durch dlie im Augenblick notwendig gewordene Beschränkung nicht verstimmen zu lassen. Der Kulturbund könne den Juden nicht alles ersetzen, was sie durch die Umstände in kultureller Hinsicht verloren haben. Man möge die persönlichen Wünsche und Ansprüche im Hinblick auf die Situation! etwas zurückstetl'en. Auch_ der Kulturbund brauche seine Entwicklung. Man müsse, we in allem, so auch hier Geduld haben. Wichtig sei es, immer wieder an die große Aufgabe der Kultt^undfoeweT ffunig zu denken. Mit praktischen Anregungen *ür die Arbeit des Münchener Kultebundes (Schaffung eines Chors als Pattdant zum Orchester — Veranstaltungen von Hauskonzerten) schloß Intendant Dr. Singer seine lebendigen und begeisteniT den Ausführungen. i Es . ist zu hoffen, daß diese so erfolgreiche Veranstaltung ™n auch ihre praktische Wirkung haben möge: dem Kulturbund zahlreiche neue Mitglieder zuzuführen. 2. Das Sonderkonzert unier Leitung von Kapellmeister Erich Eisner Den künstlerischen Teil, des Abends bestritt das Münchnet Kulturbundarchester Hinter Leitung von KapeMmeiser Erich 'Eisner. Es bot nicht etwa eine musikalische Umrahmung der Ansprachen, sondern ein symphonisches Konzert m vollem Umfange, und man darf sagen; daß sehte Darbietungen in nicht "weniger eindringlicher und überzeugender Weise für den Kulturbund warben als die drei Redner des Abends. Da diesmal keine Bläser herangezogen wurden, war es ein glücklicher Ger danke^ ein Programm zu wählen, welches neben den Vorzügen unseres Streichorchesters auch die herrliche Orgel der Synagoge zu voller Geltung kommen ließ. Ein dreisätziges Concerto grosso in C-dur vom Corelh* (von Malipiero bearbeitet) leitete den Abend ein. Sein erster Satz bringt nach getragener Einleitung ein rauschendes Fugato; der zweite nach einem edlen und wirksamen Adagio ein virtuoses Altegro der ersten Geigen, während der Schlußsatz La einem klangvollen Siciliano besteht. Es folgten zwei Arien aus Haydms „Schöpfung". Irma Stern sang die Arie „Auf starkem Fittiche", die ihrem klangvollen warm timbrierten Sopran besonders gut liegt, vmift beseeltem Vortrag. Von Walter Ries (jetzt ani-dSe Oper des Berliner -Kulturbundes berufen) hörten wir die Arie „Nun scheint , in vollem Glamize", deren majestätischem Charakr ter er durch geschickte Verwendung seiner umfangreichen Baßstimme in hohem Maße gerecht wurde. Den Abschluß bildete ein Meisterwerk des italienischen Barock, VivaMis Concerto grosso a-ntoll op. 3 Nr. 8. Es ist bezeichnend, daß kein Geringerer als J. S. Bach dieses Werk last ohne Veränderung des Inhalts und der Struktur zu einem Orgelwerk umgearbeitet bat. Aber es will uns scheinen, daß — äbnlch wie bei aatdereh Bachschan Umarbeitungen — dem Original der Vorzug zu geben ist. Die kraftvolle Geschlossenheit des ersteh Satzes steht den großen gleichartigen Schöpfungen Handels in nichts nach, und ganz besonders ist der zweite Satz» ein herrlicher Gesang zweier Sologe-igeh über dam Ostinato des- Orchesters und dem zarten Contänuo der Orgel, eine schlechthin: geniale Eingebung. Ungemein wirkungsvoll auch das energische AKegro, das mit einem mächtigen Crescendo den Abschluß bildet. Orchester und Dirigent zeigten sich in glänzender Form untd verliehen durch Disziplin, Stiltreue, und Klangschönheit des Musizierens dem Abend; einen wahrhaft festlichen Charafcfcer: Besonders verdienen diesmal die zahlreichen Soli des. Orchesters Erwähnung, deren vorzügliches . Getragen den Herren Alfred' Blum (1. Violine), WoMgamlg Granat-(2.; Violine); Hermann S a I i n g e r (Viola) und Dr. Benno Fleh i n g e r (Violoncello) zu danken ist. Dr. Walter T eu t sc 3* (Augsburg) -zejtefe :.sdcli-'|ds---g€fwitt^ter' Organist, der sich nicht nur tr» geschmackvoller Registraerang bewährte, sondern auch däfe bei sonders schwierige und verantwortungsv«öne Aufgabe, im Orgel-Contimro den "Kontakt mit dem Orchester zu bewahren und den Intentionen -des Dirigenten zu folgen, sicher und zuverlässig löste.