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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1937-04-01 · 7 (1.4.1937) · p. Seite 149

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
13 (1937)
Issue
7 (1.4.1937)
Date
1937-04-01
Page
Seite 149 (sequence 1)
Language
German
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$oyectfrfie ^fcndttifrfje ^cmcinöcjcitung Jltodfcidljte^ unö öß$ Ütetfanikg ^aycrifrfjec dfzatUiifätz <8*mdnflcn Erscheint am 1. u. 15. ieden Monats. — Verlag: B. Heller, München, Plinganserstr. 64. Fernruf 736 65. Postscheck München 39 87, Herausgeber: Verband Bayerischer Israelitischer Gemeinden. Bezugspreis RM. —.60 pro Vierteljahr, RM. 2.40 für das Jahr» Anzeigenpreis: Geschäftsanzeigen nach aufliegendem Tarif. Kleine Anzeigen und Stellenmarkt ermäßigter Sondertarü XIII. Jahrgang München, 1. April 1937 Nr. 7 Inhalt: Die Idee der Gerechtigkeit unter dem Gesichtswinkel des Judentums — Die „Blaue Karte" für „Hilfe und Aufbau" 1937/38 — Den jungen Auswanderern! — Aus der Gemeinde München — Zionistische Ortsgruppe München — Staatszionistische Organisation. Ortsgruppe München — Jüd. Kulturbund in Bayern. Ortsgruppe München — Aus der Gemeinde Augsburg — Aus bayerischen Gemeinden — Aus dem Reiche — Jüdischer Turn- und Sportverein München e. V. ..Itus" — Geschäftliches — Amtlicher Anzeiger: Bekanntmachungen des Verbandes Bayer. Israel. Gemeinden über die Erhebung von Kultussteuern und über die Kirchensteuer vom 8. März — Personalia — Kaiendarium und Gebetszeiten für München. Die Idee der Gerechtigkeit unfer dem Gesichtswinkel des Judentums Von Abraham-Abraham. I. Die Idee der Gerechtigkeit gehört zu den Vernunftideen, sie macht mit einigen anderen das Wesen der Vernunft selber aus. Ihr Inhalt ist der Imperativ der Verwirklichung der Vernunft. Unter der Voraussetzung der vernünftigen Erkenntnis des Seienden und des Seinsollenden fordert sie die Verwirklichung des Seinsollenden ohne Rücksicht auf das Nützliche, das Angenehme oder irgend etwas sonst. Säe ist neben Wahrheit, Macht und Freiheit1 eine n o t w e n - dige Idee, d. h. eine solche, die jeder Überlegung über eine Formung der Wirklichkeit zugrundeliegen1 muß, wenn überhaupt überlegt werden soll. Selbst wer sie negiert, setzt sie noch voraus. Wer sagt, es solle nicht nach Gerechtigkeit zugehen, sondern nach dem Wüten de's Starken, (identifiziert eben damit den Inhalt dieses Willens mit dem Seinsollenden.2 Die Idee der Gerechtigkeit ist eine formale Idee, aus der zunächst keine materiale Wertethik folgt. Sie sagt nur, das Seinsollende sei zu verwirklichen, w a s a b e r das Seinsollende ist, verrät sie nicht. Hierin gründet eine sehr zentrale Problematik, ja geradezu die fundamentale und erste Antinomie der Ethik und Moralwissenschaft: der Gegensatz zwischen Formalismus (Prinzip der Pflichterfüllung) und Axiolog i s m u s (Idee des höchsten Gutes und einer Rangordnung der Werte), um den das europäische Denken von seinen Anfängen an kreist. Kants kategorischer Imperativ auf der einen, Piatos konkrete Darstellung eines 'vorbildlichen Gemeinwesens im „Staat" auf der anderen Seite bezeichnen die beiden Pole, die auch im Titel von Max Scheie rs bekanntem Werk „Der Formalismus in der Ethik und die materiale Wertethik" einander gegenüber gestellt sind. Das Steckenbleiben der moralwissenschaftlichen Überlegungen in eben dieser Antinomie hat die Gere ohtigkeitsidee selbst im schwersten Mißkredit gebracht und zur Entstehung des ethischen Relativismus geführt, der aber seinerseits das Gemüt auch nicht befriedigen/ oder befrieden kann. Das Bedürfnis nach Gerechtigkeit ist nicht abzutöten. II. Das Problem der Gerechtigkeit läßt sich noch von einer anderen Seite her aufrollen: Man lenke den Blick diesmal nicht 1 So Erich Unger in einem Vortrag über das Problem der ab- . soluten Werte. 2 Vgl. Levy-Bruhl „La Morale et Ia science des moeurs", Alcan, Paris 1903. sogleich auf das Verhältnis von Mensch zu Mensch, sondern auf das S e i e n d e ü b e r h a u p t, auf seine Legitimität und Sinnerfülltheit. Dann sieht mau sich der Frage nach dem Sinn des Daseins oder dem Sinn der Geschichte gegenüber. Setzt man eine Weltschöpfung durch einen Gott voraus, so heißt dasselbe Problem die Theodizee, die Frage nach der göttlichen Gerechtigkeit. Deshalb ist dieses Problem des Sinnes des .Lebens auch zugleich ein Prüfstein für die rationale Möglichkeit eines weit schöpf enden Gottes. Sollte es schlechthin unlösbar sein, so wird die Vorstellung des absolut gerechten Schöpfergottes für die Vernunft unmöglich. Deshalb haben auch die Dilemmen der Lehre von der Theodizee, die sich um das Begriffspaar Allmacht Gottes und A11 gerechtigkeit Gottes gruppieren, den Ideen Gott, Gerechtigkeit und Lebenssinn sohweren Abbruch getan. Dies mag durch die Wiedergabe eines Gespräches erläutert werden, das die mohammedanische Tradition zwei Denkern namens Aschari und dessen Lehrer Al-Djubbay, Zeitgenossen des Saadja-Gaon, zuschreibt3 Aschari fragt: „Was hast Du für eine Meinung über das Schicksal von drei Brüdern, von denen der erste als Gerechter, der zweite als Frevler und der dritte als Kind gestorben ist?" Al-Djubbay: „Der erste wird seinen Lohn im Paradies empfangen, der zweite in der Hölle seine Strafe erleiden; der dritte wird weder Lohn noch Strafe ernten." Aschari: „Aber der dritte könnte sich gegen die göttliche Gerechtigkeit empören und zu Gott sprechen: ,.Hättest Du mich leben gelassen, so wäre ich, wie mein Bruder, ins Paradies gelangt." Al-Djubbay: „Gott würde ihm antworten: Ich wußte, daß es Dir bestimmt war, ein Frevler zu werden, und so habe ich Gnade walten lassen, indem ich Dich aus dem Leben abrief!" Aschari: „Dann aber würde sich der zweite Bruder gegen Gott empören und sprechen .Warum hast Du, obwohl Du mein Schicksal voraussahst, mich nicht als Kind sterben lassen; wie meinen Bruder?" Hierauf weiß Djuibbay nichts mehr zu erwidern. Aschari war, wie diese Diskussion zeigt, ein Gegner des Rationalismus. Sie dient zur Illustration für seine Lehre, die den Glauben an die Offenbarung und den Verzicht auf die sich als unmöglich erweisende vollständige Erklärung der Glaubenswahrheiten duroh die Vernunift empfiehlt, ein Weg, der für uns nicht gangbar ist. 3 Entnomimen aus M. Ventura „La Philosophie de Saadja- Gaon", ed. J. Vriu, Paris 1934, S. 60, 61.

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