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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1937-02-15 · 4 (15.2.1937) · p. Seite 84

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
13 (1937)
Issue
4 (15.2.1937)
Date
1937-02-15
Page
Seite 84 (sequence 16)
Language
German
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84 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 4 du nicht für dich allein stehen kannst. Du wirst dem Schicksal der Unsern nie entgehen, nicht weil du reich und angesehen bist und auch nicht, weil du arm und verborgen lebst, nicht weil du stolz und froh sein darfst, und nicht weil dich Sorgen verhüllen. Vielleicht nur darum ist dir das zum persönlichen Schicksal geworden, damit du der Gemeinschaft tiefer verkettet sein sollst. Vielleicht hat dein eigenes Leben überhaupt erst seinen Sinn und Wert davon, daß du immer und überall gleichsam nur als ein Stellvertreter der Judenheit lebst. Und damit du da bis, wenn Gott dich braucht. In diesem „Glaube nicht, daß du dich entziehen kannst" — und in diesem „Vielleicht nur darum!" liegt die Größe unseres eigenen, kleinen Lebens, das über Selbstsucht, Ich-Überschätzung und alle Ängste, die davon kommen, hinauswächst in die Weise unseres geschichtlichen Weges und damit unserer Bestimmung, Gott zu antworten, wenn er uns ruft. Antworten kann aber nur, wer den Ruf gehört hat. Und wessen Ohren im Lärm seiner Geschäfte, Wünsche, Süchte stumpf geworden sind, der braucht den Schlag, der ihn wieder wach macht, damit er hören lerne. Leben eines jungen Juden in dieser Zeif ,. Günter Rohr (geb. 30. 7. 1908 in Langguhle, gest. 6. 7. 1933 kurz nach seiner Ankunft in Sao Paolo in Brasilien). Günter Rohr, Briefe 1924—1933. Gedruckt bei J.P. Himmer (Augsburg), 1935. Um es gleich vorweg zu sagen: in diesem merkwürdigen Buche, das von Freundeshand gesammelt, Briefe eines jungen jüdischen Menschen enthält, der mit einer Anzahl von Genossen im Sommer 1933 nach Brasilien auswanderte und kurz nach seiner Ankunft dort im Alter von 25 Jahren starb, ist das Wort „Jude" auf keiner Seite zu finden. Und auch die Verknüpfung jüdischen Schicksals mit dem eigenen Lebensplan erscheint verhüllt und nur einmal, freilich an einer bezeichnenden Stelle, von der noch zu sprechen sein wird. Und dennoch geht es in diesem früh vollendeten Leben um unsere Kämpfe und um unsere Ziele .. nostra res agitur . . . Denn hier zeigt es sich, wie ein junger Jude in dieser Zeit, der Nachkriegsgeneration angehörig, in bewußtem Willen und aus innerem Zwang heraus aus der Überfülle der Kultur zum Leben des C h a 1 u z gelangt. „Ich schämte mich am meisten vor mir selber, daß es mir einst so scheinen könnte, als bestünde ich aus lauter Denken und sei nicht gewillt, jemals ein Werk anzupacken. Drum wagte ich die Fahrt in die Weite." Dieses Motto aus Piatos Briefen stellten die Freunde den Briefen des toten Freundes voran. Es klingt hier derselbe Ton, der aus den Schlußworten von Franz Rosenzweigs großem Werke herüber tönt „Ins Leben!". Günter Rohr hat sein kurzes Leben unter dies Wort gestellt. Er wurde 1908 als zweiter Sohn des Rittergutsbesitzers Willi Rohr in Langguhle, in der früheren Provinz Posen, geboren. Die Familie des Vaters gehörte jenen früher in Schlesien und Posen nicht seltenen Familien von jüdischen Gutsbesitzern an, die man vor dem Weltkriege allenthalben im östlichen Deutschland traf; der Junge wuchs draußen im Freien auf und wurde körperlich mit der gleichen Sorgfalt ausgebildet wie geistig. Auch die Familie der Mutter brachte ein selten orientalisches Erbteil mit; die Familiengeschichte erzählte von einer schlanken braunen Malayin, der Urgroßmutter Huiustuwe, die sich der Urgroßvater, der holländische Schiffsarzt, ans den Tropen mitgebracht hatte —' ein Erbteil, dessen sich Günter Rohr manchmal bewußt geworden zu sein scheint. Der glänzend begabte Junge entschließt sich schon auf der Schulbank, sich der klassischen Philologie zu widmen, wohl durch einen genialen jungen Lehrer beeinflußt, dem er sich dann auch in der Universität Kiel besonders anschloß und der seine erste Arbeit, eine umfangreiche Plato-Studie, anregte. Bis hierher verläuft dies Leben fast wie . . . wenn der Vergleich erlaubt ist, das Leben Franz Rosenzweigs. Nur jener „Onkel Adam" seiner Kinderzeit fehlt hier, der den Jungen hart anpackt: „Entziehe Dich nicht Deinem Volke!" Aus einer Süddeutschen Megillah (1750) Jiil Aus einer Süddeutschen Megillah (1750) Dennoch tritt eine im Grunde ähnliche Wandlung jetzt auch in dies Leben hinein, das von Verwandten und Freunden wohl schon als das Leben eines künftigen Universitätslehrers angesehen wurde. Als Günter Rohr sein Studium begann, da schwebte ihm (so hat er selbst später einmal bekannt) als zukünftiger Beruf das Höhere Lehramt vor; das Pädagogische war ihm freilich schon damals wichtiger als irgendeine Fachwissenschaft. Allmählich verstärkt sich diese Neigung zur Sozialpädagogik. Die Frage der Erwachsenenbildung beginnt ihm näher zu kommen. Er nimmt an den Arbeitslagern der Arbeiter, Bauern und Studenten teil und versucht schon jetzt, solche Lager in Norddeutschland zu begründen. Immer stärker wird nun die Uberzeugung von der Notwendigkeit der Ergänzung der einseitig geistigen Bildung durch möglichst vielseitige Lebens- und Arbeitserfahrung. Darum weist er nach Beendigung seiner Doktorarbeit alle weiteren wissenschaftlichen Pläne zunächst weit von sich ... und geht als Knecht zu Bauern in Schweden, wo er sich durch allerhand praktische Arbeit sein Brot verdient — als Holzhauer, als Landarbeiter, auf Bauernhöfen; dazwischen wieder als Lehrer in kleinen Dorfschulen. Aus jenen Jahren stammen die schönsten seiner Briefe, die von der ungeheuren Umwandlung des Städters in den Arbeiter auf dem Lande zeugen. Denn er legt in diesen Jahren schon rechten Wert darauf, nachdem er lange nur „der Sohn des Rittergutsbesitzers" gewesen ist, sich sein Brot mit seiner Hände Arbeit zu verdienen. Vielleicht daß" er zuerst noch manchmal sein neues Leben als Traum, „als Idyll, als Verkleidung" auffaßt; aber bald läßt er diese Stadium hinter sich und fühlt ein neues Glück in der Berührung mit den einfachen,, großen Dingen des Lebens. Einfacher werden seine Briefe, je besser er diese einfachen Leute versteht, mit denen er zusammenarbeitet und lebt. Auf diesem Felde findet er nun auch seine eigene Aufgabe. Im Juni 1933 zieht er mit seinem kleinen Häuflein von Kameraden nach Brasilien als „Kundschafter, Pionier, Vorbereiter und ähnliches". Ein Abschiedsbrief an einen Freund berührt zum erstenmal die Schwierigkeiten, die seiner Arbeit vielleicht in den Weg treten könnten „und die mindestens eine gewisse Charakterlosigkeit seinerseit erfordern würden, um ihnen aus dem Wege zu gehn". Nun aber geht er dieser und andern Schwierigkeiten selbst aus dem Weg — und sieht dabei sein Ziel klar vor sich. „Mit je mehr Leuten ich spreche . . . desto klarer wird mir, daß wir unsre Aufgabe gut schaffen werden, daß es keine Hindernisse geben wird, die man nicht mit Zähigkeit, Wendigkeit und Intelligenz überwinden kann.." Sie wollen im Nordosten des Staates Sao Paolo siedeln. „Heute in 8 Tagen stehen wir jedenfalls schon auf unserm eignen Land!" Zwei Wochen später hat man ihn in Sao Paolo begraben; während seine Arbeitskameraden schon in der Kolonie Terra Nova die Arbeit begonnen hatten, die er sich ersehnt hatte. Ein merkwürdiger Zufall wollte es, daß Günter Rohrs Eltern in Schlesien ein zweites Gut besaßen: Groß-Breesen. Dort bilden sich heute junge jüdische Menschen in seinem Sinne aus — als „Pioniere und Wegbereiter." B. B. St.

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