Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 13 (1937)
- Issue
- 2 (15.1.1937)
- Date
- 1937-01-15
- Page
- Seite 35 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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•Hill. Kulturbund in Kaycrn Ortsgruppe Alünelieu Mitteilung an die Mitglieder An der Kulturbundkasse liegen Eintrittskarten für die Veranstaltung am 20. und 21. Januar auf (Vortragsabend Dr. Erich Lichtenstein — Werner Bukofzer). An Stelle Bruno Eisners, der sich gegenwärtig auf einer Auslandstournee befindet, wird am Montag, den 8. Februar, die Berliner Pianistin Grete Sultan konzertieren. Das Programm der Künstlerin umfaßt Werke von Beethoven, Schumann und Arnold Schönberg. Nähere Mitteilungen über die folgenden Veranstaltungen veröffentlichen wir in der „Bayer. Israel. Gemeindezeitung" vom 1. Februar an dieser Stelle. Erinnerung an Gundolf Von Erich Lichtenstein Zu dem Vortrag, des Verfassers im Kulturbund am Mittwoch und Donnerstag, den 20. und 21. Januar „Aber wie traurige Dämmerung folgte nachher." (Hölderlin.) Bs ist mir, als wäre es gestern gewesen, als ich ihn das erste Mal sah. Es war im Sommer 1912, in Heidelberg. Eine befreundete Studentin lud uns für den Abend zu säen, Gundolf sei bei ihr, wir sollten .ihn kennen lernen. Als ich ihn sah, dachte ich: Lieblins der Götter und Menschen! Er erschien sehr groß, überschlank, lässiger Haltung, unauffällig gekleidet, bis auf eine schöngeschlungene breite Kravatte, das edelgescheiititete, sohimale Gesicht, strahlende blaue Augen, dazu dunkles, üppiges Haar, durchaus das Bild eines romantischen Dichters. Nichts von äußerer Würde, nichts in ihm von dem Wunisch, sich zur Geltung zu bringen. Sei Gehabe von äußerster Schlichtheit und Bescheidenheit. Man merkte sofort: ihm gilt nur die Sache, seine Sache, sonst gar nichts! Das Gespräch, das sich entwickelte, war — man kann es nicht anders nennen — menschlich-gemütlich, wozu sein Darmstädter Heiimatdialekt nicht unwesentlich beitrug. Erst, später rührte er an seinen Ernst, als er von George sprach und dann einige Gedichte seines Meisters in der strengen, Klang und Rhythmus hervorhebenden Weise des „Kreises" hersagte. Er hatte sich damals gerade habilitiert, sein erstes großes Buch „Shakespeare und der deutsche Geist" war erschienen, ein Buch, das ihn mit einem -Schlage in die erste Reihe der Literarhistoriker seiner Zeit emporgehoben hatte, seine Antrittsvorlesung stand bevor. Gundolfs Colleg ist ort genug beschrieben worden und es ist wahr, er war — wenigstens in den ersten Jahren — sklavisch an sein Manuskript gebunden, dadurch wirkte er unfrei und befangen. Dafür waren seine Sätze haargenau geschliffen und geformt, die großen Perioden seiner Gedanken so makellos und formvollendet gebaut, daß ihm zuzuhören, abgesehen von aller Bereicherung und Vertiefung des Wissens, ein ästhetischer Genuß war, der die übermächtige Anziehungskraft dieser Vorlesungen erklärt. Im Seminar hingegen gab sich Gundolf ganz privat. Er hatte mich aufgefordert, in seiner ersten Seminarübung über Klopstock teilzunehmen,. da war er wie ein Student unter Studenten. Auf jeden Gedanken, auf jede Anregung ging er willig ein. Jeder durfte sagen, was er wollte, und er hütete sich, auch nur einen Anflug professoraler Autorität in Anspruch zu nehmen. Dooendo disciitnur, schien seine Richtschnur zu sein. Ich habe dann sein Leben in diesen Jahren des schnellen Aufstiegs verfolgen dürfen und war immer wieder erschüttert von der Gradheit und Folgerichtigkeit, mit der er seinen Weg sing. Er war längst ordentlicher Professor, vom Privatdozenten machte er ohne Übergang in kürzester Zeit diesen großen Sprangt Der Berliner Lehrstuhl wurde ihm angeboten, er blieb Heidelberg treu, weil er alle äußeren Ehren gering schätzte und ihm jede Art von Repräsentation zuwider war. Sein Lebensstil hat sich nie geändert. Er schrieb in Ruhe und Sammlung seine Bücher, Früchte eines ungeheuren Wissens und schöpferischen Denkens. Er zeigte mir die erste Niederschrift seines Goethe-Buches. Es war in seiner schönen klaren Schrift wie in einem Zuge, fast ohne Korrekturen geschrieben. Das kam, wie er mir erklärte, daher, daß er erst dann an die Abfassung 'gehe, wenn alles in ihm feststehe, oder — in einem anderen Bilde — sich gesetzt habe, dann aber schreibe er wie unter einem Befehl, dann gäbe es auch keine Rast, keine Ermatung, er lasse nicht eher ab, als bis es fertig sei. Nur. so konnte er überhaupt ein solches Maß von Arbeit leisten und dabei noch reichlich Zeit für Geselligkeit, für alle Menschen, denen er sich verbunden fühlte, aufbringen. In seinen schöpferischen Pausen zwischen zwei Büchern liebte er Spaziergänge, harmlose Vergnügungen, so ging er gerne ins Kino, konnte ausgelassen und übermütig sein, seine Wortwitze und Schüttelreime waren berühmt. All das war Ausspannung und Atemholen, war Kräfteökonomie, um bei seiner zarten Gesundheit die Kraft zu finden, die er brauchte, um das, was er als seine Lebensaufgabe ansah, zu leisten. So war seine Tageseinteilung derart, daß er gewöhnlich nur von früh morgens bis zum Mittag arbeitete, aber dennoch kann man sagen, und darum sprach ich von schöpferischer Pause: eigentlich arbeitete es immer in ihm, mit seinen Gedanken kreiste er bald näher, bald weiter, aber ohne Unterlaß um sein Werk. Er stöberte gelegentlich gern bei den Antiquaren und hatte eine bedeutende Büchersammlung. In welche Stadt er kam, sein erster Weg führte ihn auf die Suche nach alten Büchern. Er sammelte beispielsweise alles, was er über Caesar finden konnte. Aber die fast spielerische Beschäftigung ergab schließlich das Buch über Caesar, das die Geschichte seines Ruhmes darstellte. Die großen Bewegungen der Geschichte kristallisierten sich in ihm in den genialen schöpferischen Eirozelpersönlichkeiten. Unter diesen liebte er in höchstem Maße Alexander, Caesar, Shakespeare, Goethe, Hölderlin und Stefan George. Ihr Wesen und Werk suchte er bis m die letzten Ausläufer zu erforschen. Er wollte einfach alles von ihnen und über sie wissen. Aber wie produktiv ist diese Hingabe geworden! Wie fügte sich jede Einzelheit in die Gesamtschaiu der Persönlichkeit ein! Ich werde es nie vergessen, als ich Gundolf mit Stefan George in Heidelberg auf der Hauptstraße traf. Da leuchtete der ganze Mensch in höherem Licht, da strahlte er mich mit seinen gütigen Augen an, als wollte er sagen: Siehst du, das ist der große heilige Dichter und Seher,