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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1936-12-15 · 24 (15.12.1936) · p. Seite 544

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
12 (1936)
Issue
24 (15.12.1936)
Date
1936-12-15
Page
Seite 544 (sequence 14)
Language
German
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544 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 24 Oito Bernsteins Vorfragslcunsf Der Kulturbund hatte dank der Vortragskunst von Otto Bernstein in «Ifen letzten Noveimbertagen wieder zwei seiner besten Abende. Wie dieser SprScher Dichtungen und Prosastücke vorträgt!, äst in diesen Blättern wiederholt ausführlich zu charakterisieren versucht worden. Bernstein vermag das gedruckte Wort, das beim Lesen den Gefühls- und Verstandeskräften, der momentanen Lust oder Unlust des zufälligen Lesers überantwortet ist, zum reinen vollen Leben zu wecken, wie es aus der Brust des Dichters ursprünglich gedrungen ist. Was der große Künstler Otto Bernstein sprach — das Programm war in allen Teilen glücklich gewählt — bekam erschütterndes Leben und eine lange nachhallende Wirkung. „Noah Pandre" Der jüdische Roman von Salman Schneur Noah Pandre, Roman von Salman Schneur. B r a n dus's ch e Verlagsbuchhandlung, Berlin 193/. Groß ist im neuesten jüdischen Schrifttum Ruf und Ruhm Salman Schneurs, der im vorigen Jahr den Bialik-Preis, als er zum erstenmal verliehen» wurde, erhielt. In Paris erscheint eine Gesamtausgabe der Werke des noch nicht Fünfzigjährigen: acht Bände hebräisch, 20 Bände jiddisch: Essays, Literarhistorisches, Gedichte, Romane, unter ihnen der vierbändige „Der Kaiser und der Rabbi", Volkslieder, Kinderliecler. Schneurs eigenwüchsigster und jüdischer Roman „Noah Pandre", der jetzt in deutscher Sprache erscheint, übersetzt von Grete Fischer und Joseph Leftwich, spielt in seiner weiß-russischen Heimat, im Städtchen Schklow, Gouvernement Mohiilew, wo er als Sohn eines sehr frommen Antiquitätenhändlers geboren wurde. Mit 13 Jahren entzog er sich der überstrengen Zucht durch die Flucht. Während er in einem Warschauer Verlag lernt, werden die ersten Gedichte des kaum Fünfzehnjährigen gedruckt, der schließlich Privatsekretär des von ihm vergötterten Perez wird .Dann schreibt er, unter David Frischmanns Leitung, für hebräische Zeitschriften, und in Wilna, inmitten eines blühenden Judentums, entstehen seine ersten großen Werke. 1908 ist Schneuer nach dem Westen gegangen, zuerst nach Paris, wo er studiert. Dann lebt er auf Reisen bis zum Weltkrieg, der ihn in Deutschland überrascht, wo er als Russe interniert wird. Danach schweift er wieder auf Reisen zwischen Buropa und Amerika, seit 1924 lebt er ständig in Paris. So wechselnd wie seine äußere Laufbahn ist auch seine literarische. Er begann als freigeistiger Kämpfer gegen das Ghetto, ein weltoffener, kosmopolitischer Dichter, ein Dichter des Lebens und der Landschaft. Zeitweise hatte er sich gänzlich von jüdischen Stoffen entfernt; seine Hauptthemen: die Kraft der Natur und die Schwäche des Menschen. Nachdem er sich mit allen Problemen des Westens herumgeschlagen, alle Formen. Stile und Moden durchlaufen hat, ist er als Dichter ganz in seine jüdische Heimat zurückgekehrt Hier sind die „Idyllen vom Städtchen", die „Schklower Ganowim" und „Noah Pandre" angesiedelt. Aber Schneur läßt einen anderen epischen Klang hören, als die meisten früheren Erzähler des Ghetto. Da ist nichts mehr von Gedrücktheit und Gefühlsseligkeit und religiöser Demut, sondern all seine eigenwilligen Menschen strotzen von Säften und Kräften, verwurzelt in der Natur, verbunden mit den Tieren und Erzeugnissen des Landes. Das lebendige Symbol dieser neuen Ghettoikunst «ist Noah Pandre selbst, ein ländlicher Simson, überquellend von wilden Trieben und dumpfen Gewalten, ein animalisch blühender Kerl, zuerst als Schlächter voll toller SCHUHHAUS M. FLEISCHMANN MÜNCHEN, THEATINERSTRASSE 17 Spezialität: BALLY-SCHUHE Eulenspiegelstreiche, dann, allmählich reifer und zahmer werdend, als Kutscher redlich schuftend, schließlich völlig gezähmt durch die Tochter des Lehrherrn, die seine Frau wird. Aber es ist Pandres Schicksal: wenn er für andere Gutes tut, so muß er es büßen bis zum Gefängnis und noch im Gefängnis. Er leidet wie Simson, aber er bewahrt seinen Lebensmut und seine natürliche Liebe zu aller Kreatur. Das Buch „Noah Pandre" setzt sich aus vielen einzelnen Geschichten zusammen, Geschichten, die nicht nur die Geschichte Noah Pandres berichten, sondern auch die Geschichte vieler anderer Menschen, die wieder Geschichten erzählen. In allen Gestalten, die Schneur schildert, ist soviel Leben und Poesie, daß auch dem westlichen Leser das Herz aufgeht, daß er herzlich lacht und ganz traurig ist, wie es gerade diese Geschichten wollen. Und ebensoviel Leben und Poesie strömt aus der Landschaft, aus Wald umid See, den Jahreszeiten, ja den Straßen. Eine ganz besondere Liebe hegt Schneur für die Tiere. Es läßt sich schwer zengli edlern, worin Reiz und Bedeutung dieses aus Idyllen und Episoden zusammengefügten Werks als Ganzes besteht. Es fällt einem nur »immer wieder das Wort: Natur ein. Natur wuchert, wuchtet, strömt, bricht auif, lodert empor aus jedem Satz des Buches, aus allem Dargestellten, bis zur armseligsten Kreatur und zu einem leeren Jauchefaß. Natur ist auch der Humor des Buches, der nirgends aufgesetzt, «Dialektisch oder erfunden wirkt, sondern eben natürlich, deshalb auch derb und saftig. Manche Kritiker haben Schneur mit Dickens verglichen, wegen der liebevollem, verliebten Kleinmalerei der Sonderbarkeiten von Mensch, Tier und Landschaft. Aber gerade dies Quellende, Schwellende hat eigentlich Dickens nicht. Nein, hier ist unverbrauchte Kraft. Kraft, die zugleich explodiert undl sich selbst gestaltet, und in der dennoch Zartheit ist, wie in diesem Kerl Schneur selber, und in allen Kerlen, die er schafft. Kurt Pinthus, LevInger Zigarren haben ihre Stammkunden! S.LEVINGER, Bayerstr.21 im Höfel Rheinischer Hof Gegr. 1886 Fernsprecher 54897 Soneffe Von Manfred Stur m a n n Deine Nähe ist die Furt durchs Meer Meiner Wehmut, die mich stumm bedroht. Immer, wenn der Born des Mutes leer, Ist dein Zuspruch Tilger meiner Not. Wenn ein Flammengürtel mich umloht Und die Träume von den Fiebern schwer, Ist dein Wort den Ängsten Hemmnis und Gebot, So als schritten Engel um mich her. Deine Nähe hält den Abgrund fern, Bist du nahe, blüht die Freude auf, Und es ist ein neuer heller Stern Aufgegangen über meinem Haupt, Und ich rüste mich zu neuem Lauf, Wie der Baum im Lenz sich neu belaubt. ■

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