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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1936-11-01 · 21 (1.11.1936) · p. Seite 466

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
12 (1936)
Issue
21 (1.11.1936)
Date
1936-11-01
Page
Seite 466 (sequence 14)
Language
German
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466 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 21 Livorno hat freilich besonders viel zu zeigen,und zu erzählen. Die Schränke des Museums sind angefüllt mit reichstem Silber*-; gerät für alle Zwecke des synagogalen und häuslichen Kults^ mit den kostbarsten Stoffen, die als Parochoth, als Mithpahotfo als Mappoth dienten, wundervollen Geweben vielfach noch spanischer Herkunft edelsten Brokaten und Stickereien. Bei allen diesen Stücken wird wieder bestätigt, daß die Gestaltung, jüdischen Kunsthandwerks allenthalben von den Formgedanken der Umwelt aufs stärkste beeinflußt worden ist und letzten Endes dennoch von spezifisch jüdischen Zügen ihre charakteristische Prägung erhalten hat. Diese Rimonim, diese Chanukl'.a- Lampen, diese Tora-Mäntel und Tora-Wimpel aus dem 17. und 18. Jahrhundert sind formal durchaus bestimmt vom italienischen Geschmack des gedrängten Dekors, in. geschlossenem Gesamtumriß. Die große breite Bank aus t Nußbaumholz, die vor dem Almemor stand und den fünf Massäri beim Gottesdienst Platz gewährte, trägt vornehmste Flachschnitzereien völlig italienischer Renaissancehaltung. Daneben stehen die Zeugen der älteren Zeit die aus Spanien und Portugal mitgebracht worden waren. Unter ihnen besonders-interessant eine Stehlampe von schlankem Aufbau, mit Löwenfigürchen seltsamer Art geschmückt die das wertvolle Stück als portugiesische Arbeit des 16. Jahrhunderts erkennen lassen. Mannigfache Erinnerungen an das jüdische Leben zu Livorno in vergangenen Zeiten werden lebendig. Höchst merkwürdig ist dabei ein Kupferstich der feierlichen Veranstaltung, mit der die Gemeinde sich an den Feierlichkeiten bei Anwesenheit des Großherzogs Franz III. von Lothringen und seiner Gattin Maria Theresia am 9. März 1739 beteiligte. Es war der Landesherr, der Livorno besuchte, denn nach dem Aussterben der Medici war in jenem Jahre Toskana an die Habsbürger gefallen. Da galt es, eine besondere Anstrengung zu machen: Die Gemeinde ließ auf dem Hauptplatz der Stadt, vor dem damaligen großherzoglichen Palazzo. der heute als Präfektur dient, einen riesigen, phantastischen Aufbau errichten, den man als „Macchina della Cuccagna" bezeichnete — „cuccägna", das heißt auf deutsch „Schlaraffenland"! Es war eine mächtige Pyramide, höher als der Palazzo. die ihren Namen mit gutem Recht trug: denn auf allen vier Seiten war sie dicht behängt mit den leckersten Dingen, die sich denken lassen, mit Hühnern, gebratenen Lämmern. Schinken. Würsten, Käsen und allem, was sonst des Menschen Herz oder Gaumen erfreut In sieben Reihen übereinander baumelten diese nahrhaften Herrlichkeiten. Oben auf der abgeplatteten Spitze der Pyramide stand eine Statue der „Abbondanza". der Göttin des Überflusses; unten zog sich eine zweistufige Basis hin, gleichfalls mit Eßwaren belegt. Und zur Seite stieg aus zierlichem Becken ein Springbrunnen auf, der roten Wein spendete. Das alles war „für das Volk" bestimmt. Ein Trompetenstoß gab das Zeichen, und nun stürzte sich die Menge auf die Überfülle der Gottesgaben! Sitten und Anschauungen ändern sich. Ein derartiger Festakt wäre gewiß nicht nach unserem heutigen Geschmack. Aber die' naivere Zeit vor zweihundert Jahren nahm keineswegs Anstoß daran; im Gegenteil, sie fand das höchst ergötzlich. Der Gedanke des „Schlaraffenlandes" war schon einmal von der livorneser Gemeinde mit großem Erfolg durchgeführt worden, als 1732 Don Carlos von Bourbon, ein Söhn Philipps V. von Spanien, den man anfänglich als Nachfolger der Medici in Aussicht genommen hatte, in der Stadt weilte. Der Beifall, den die ..Macchina" damals fand, ermutigte nun zur Wiederholung. Wiederum waren die Fürstlichkeiten und das Volk begeistert. Auf dem im Museum erhaltenen Stich erkennt man, wie Franz ITT. mit seiner Umgebung vom Balkon aus dem eigenartigen Schauspiel zusieht. Die habsburgischen Herrschaften waren so erfreut daß sie einige Tage später, am 13. März 1739, der jüdischen Gemeinde im Tempel einen Besuch abstatteten, um den Vorstehern das großherzogliche Wohlgefallen und den Dank für? 2lbenMieb Tldfföon weiften £)eme Xofeit Utto td> fcl>Ue$e meine =£tfc>er, Uno bae JLxtyK. ber ^etmatlofen üDitftet f<^on: oer SternenfUeber. Unb es wetyt an meinen Schlafen Stvnt, t)pn bem fc^dnen 4£anbe, 04m>ebenb in bie 2U>enb^>&fen 33in ify Schiff 3» deinem Btranbe. Xttlly 6a#s das gelungene Fest auszusprechen. Wenn wir hören, daß das Schlaraffenland die Kleinigkeit von 6000 „pezze", in heutige Währung umgerechnet etwa 30 000 Lire gekostet hatte, so können, wir daraus einen Schluß auf die Wohlhabenheit der Gemeinde ziehen. Aber ein Vierteljahrhundert später erschien diese Form des Festefeierns nun doch überlebt. Als der Großherzog Leopold I. von Lothringen nach seiner Thronbesteigung 1765 Livorno besuchen wollte, wurde eine Deputation nach Florenz geschickt, um bei Hofe eine abermalige Wiederholung der zweimal so freundlich aufgenommenen Veranstaltung vorzuschlagen. Leopold bat indessen, mit Rücksicht auf die Höhe der Kosten davon Abstand zu nehmen, und die Gemeinde stiftete nun ihm zu Ehren eine freilich noch größere Summe zum Bau eines Militärspitals. Das Gebäude trägt noch heute, da es als Infanteriekaserne. dient an der Fassade eine Marmortafel, die von seiner Entstehung als einer jüdischen Stiftung Kunde gibt. Eine Abteilung von besonderem Interesse ist die Sammlung der Ketuboth. der Heiratskontrakte angesehener jüdischer Familien Livornos. von denen immer wieder die Ergas und die Medina hervortreten. Die Blätter sind erheblich größer als die Pergamenturkunden dieser Art, die uns sonst geläufig sind, und viel reicher in der künstlerischen Ausführung. Es hatte sich im 17. und 18.' Jahrhundert eine außerordentliche Fertigkeit in dieser subtilen Miniaturkunst entwickelt. Ob die Künstler Juden waren, ist nicht ausdrücklich bezeugt, aber man möchte es unbedingt annehmen. Die genaue Kenntnis der jüdischen Symbole, die Besonderheit der Ornamentik, die Auswahl der biblischen Motive, die zu ungemein reizvollen Aquarellbildchen benutzt wurden, deuten darauf hin. Die jüdische Kleinmalerei, die sich seit dem Mittelalter an der Illustrierung der Hagaden und Megillen geübt hatte, feiert in diesen dekorativen Schaustücken von Livorno Triumphe. Von den Handschriften geht es dann zu den Büchern: seit 1650 bestanden in Livorno hebräische Druckereien von ungewöhnlicher Tüchtigkeit und Leistungskraft., Erlesene Proben liegen im Museum aus. Ein wichtiges Hauptdokument für die Geschichte der Juden von Livorno aber stellt der große Lederkasten dar, der die Originalurkunden aller Privilegien der „Nazione ebrea" seit 1593 aufbewahrt. Der Deckel trägt als Schmuck eine Kartusche mit sechs Kugeln: dem Wappenzeichen der Medici, die damals die jüdischen Flüchtlinge aus Spanien Und Portugal in ihr Land gerufen hatten. Der vom Ruhm der Jahrhunderte umstrahlte Name der machtvollen Florentiner Kaufmanns- und Herrscherfamilie, der die Menschheit so Unendliches dankt, gewinnt durch diese Tat der Großherzigkeit und Staatsklugheit für uns Juden noch eine besondere Bedeutung. Max Osborn. M ÖBEL5TOFFE-~- ODERNE COUCH-STOFFE ATRÄTZENDRELLE ARKISENDRELLE 1 ML & L. BACH Builermelchersfr. 1 Fernruf 27559 Nicht nur . . . sondern auch HERREN-SOCKEN und DAMEN-STRÜMPFE kaufen Sie preiswert und gut beim HANDSCHUH-LOHR am Sattlerbergl FUrstenfelderstraBe 17

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