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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1936-10-15 · 20 (15.10.1936) · p. Seite 442

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
12 (1936)
Issue
20 (15.10.1936)
Date
1936-10-15
Page
Seite 442 (sequence 14)
Language
German
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442 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 20 Durch □□BBSDDmil RESS C Vertretung« Reisebüro Carl Bierschenk Nacbf. Karlsplatz 3 Telephon 13377 REISEN nach PALÄSTINA nnd allen anderen überseeischen Ländern Buchungen für sämtliche Schiffahrtslinien Visenbesorgung . Kreditbriefe . Hotelgutscheine Sämtliche Karten zu ORIGINALPREISEN Sitte der Zeit folgte die Arcadia sehr genau ausgearbeiteten, strengen Gesetzen. Sie rechnete in ihrer Organisation zeitlich nach den griechischen Olympiaden; außer -den jährlichen Hauptversammlungen wurden alle vier Jahre literarische Feste gefeiert, die man als „Olympische Spiele" bezeichnete. Von Rom aus wurden in manchen italienischen Städten „Kolonien" gegründet, auch in Florenz, von wo die arkadische Poesie auf das nahe Livorno hinüberwinkte. Professor Alfred o Toaff, der ausgezeichnete heutige Oberrabbiner von Livorno, dem kürzlich erst beim Jubiläum seiner dreißigjährigen Amtsführung mannigfache Ehrungen von allen Seiten entgegengebracht wurden, hat in der Monatsschrift „La Rassegna Mensile di Israel" (8. Jahrg., Nr. 7/8) nach eigenen Forschungen einen interessanten Aufsatz über diese Zusammenhänge veröffentlicht („Vita artistico-letteria degli Bbrei a Livorno nel 1700"). Man ersieht daraus, wie die hebräischen Poeten sich ganz in den Dichtformen der Oden, der Sonette, der Ottave rime, der Sestinen und Terzinen bewegten, die allerdings von Hause aus der hebräischen Sprache fremd genug waren. Unter den Verfassern — es waren fast durchweg livornesische Rabbiner des 18. Jhdts. — treten die Namen A. I. Castello, Eliezer Ha-Cohen, M.A.R. Piazza, Angiolo Carmi, Salomoni di Jacob Michell, Isac V. Frosolone hervor. Mancherlei davon ist gedruckt worden, anderes handschriftlich Juden Münchens! Erklärt Euren Anschluß an die Staatszionislische Organisation die Freiheitsbewegung des jüdischen Volkes! A n s di r 1 f t: R e i di e n b a th s t r. 27/1 r. Lesen Sie die Broschüre: „Weg und Ziel des Staatszionismus" Zu erhalten In der Ewer-Buchhandlung, .Ottostrafee 2 Schrei bm a schi n e n für alle Länder Bürobedarf Büromöbel A. BRUCK, Sonnenstraße 12, Laden Inh. R. Lewin Telefon 10786 erhalten. Die Persönlichkeit, der die Juden von Livorno vor allem den kulturellen Aufschwung jenes Zeitabschnittes dankten, war Yoseph Attias (1672—1745), dessen Haus ein Mittelpunkt aller gelehrten Studien wurde. Attias. eigentlich Kaufmann, aber mit dem Rfbbinertitel geehrt, hob das geistige Leben seiner Glaubensgenossen auf eine neue Ebene, wo es in fruchtbaren Gedankenausausch mit der niohtjüdischen Welt trat, ohne im mindesten etwas von seiner jüdischen Besonderheit aufzugeben. Es ist vorbildlich, wie den Juden der Handelsstadt ohne alles Gezwungene und Gewundene, einfach aus der freien Natürlichkeit ihres Wesens, diese Synthese gelang. Wer an einem sommerlichen Tage nach Livorno kommt, findet eine Stadt von weit südlicherem Gepräge als die geographische Lage erwarten Meß. Die Sonne knallt auf die hellen Häuser, auf den weißen Staub oder die Steinplatten der Straßen, die das Licht blendend zurückwerfen. Von der See weht freilich ein erquickender Luftzug herein, der die Hitze mildert. Prächtig ist der Strand ausgebaut, mit gärtnerischen Anlagen, weiten Promenaden, fröhlich-bewegten Bade-Revieren, ansehnlichen Gebäuden. Vom blauen Ozean, der die herrlich-klare Farbe der Himrrielskugel spiegelt, grüßt von fern wie eine Märchenvision der Umriß eines felsigen Vorgebirges aus dem toskanischen Archipel. In der sauber gehaltenen, von Kanälen durchschnittenen Altstadt stoßen wir auf den malerischen freien Platz, der den Juden der Stadt heilig ist. Er trägt seinen Namen nach einem großen jüdischen Gelehrten der jüngsten Vergangenheit. „Piazza Elia Benamozegh" ist auf der Marmortafel an der Ecke zu lesen; darunter steht, um der Öffentlichkeit zu sagen, wer hier geehrt wird: „Teologo e leterato. n. 1835. m. 1900". Aber neben dem in der Judenheit der ganzen Welt berühmten Rabbiner Benamozegh ist noch ein anderer Name auf diesem Platz heimisch. Der stattlichen Fassade der Synagoge gegenüber trägt ein himmelhohes, vielstöckiges Haus mit einer Unmenge kleiner Fenster eine Marmortafel, die besagt, daß dies das Geburtshaus von Sir Moses M o n t e f i o r e sei, der von 1784 bis^ 1885 lebte: ..in Siria. in Russia, al Marcco, in Rumania in — defesso apostolo di tolleranza". So sind wir in der rechten Stimmung, das monumentale Bauwerk zu betreten, das den Plate beherrscht und ihm seinen Hauptakzent gibt: die berühmte Synagoge von Livorno. Es ist einer der schönsten Tempel, die für den jüdischen Kult auf europäischem Boden errichtet wurden, 1581 gebaut, bald nachdem die Einwanderung aus Portugal stattgefunden hatte, 1603 zuerst erneuert und im 18. Jahrhundera noch einmal erweitert und reicher ausgestaltet. 1742 ist der Aron ha--Kadesch in Marmor und farbigem Gestein eingefügt worden, drei Jahre später, 1745. m gleichem Material und Stil der geräumige Almemor, nach dem Entwurf von David Nunes, ..vlece-cancelliere della Naz'one Ebrea"; schließlich wurde noch gegen Ende des Jahrhunderts eine zweite Empore für die Frauen eingebaut und der Stuckdekor der Decke im Geschmack des späten Rokoko erneuert. Der Eindruck des weiträumigen Riesen^aals ist höchst imponierend. Die Fülle der gedrängten hohen Kerzen und der herabhängenden Ampeln weckt übrigens wieder, wie in fast allen Synagogen Italiens, eine merkwürdige Erinnerung an katholische Kirchensitten. Noch heute wird das Gedenken der Zeit, da die Vertriebenen aus Portugal hier an der Küste des Tyrrhenischen Meeres gastlich aufgenommen wurden, in Ehren gehalten: mit den Torarollen und anderen Kulteegenständen hatten die Wanderer auch einen Schrank für die heiligen Bücher in kostbarsterHolzschnitzerei ausgesprochen snanisch-portueiesischen Charakters mitgebracht — er steht seitdem in der Synagoge. Der Ruhm des Gotteshauses war vor zwei Jahrhunderten in aller Munde." Als Franz I. von Lothringen, nun auch G'-oßnerzO'g von Toscana. 1739 mit seiner jungen Gattin Maria Theresia, der künftigen Gegnerin Friedrich"? des Großen, in d'e Städte seines neuen Herrschaftsbezirkes kam. besuchte er rn Livorm auch den Tempel der Israeliten: eine lateinische Inschrift kündet auf marmorner Tafel von diesem Ereignis. Was aber sonst noch an Kultgerät kunstreicher und wertvoller Art im Besitz des Tempels und der Gemeinde sich befindet, das hat seit einiger Zeit Unterkunft gefunden in dem Jüdischen Museum von Livorno, dem einzigen seiner Art in dem museumsreichen Lande Italien. Von ihm soll -in einem späteren Aufsatz die Rede sein.

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