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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1936-05-15 · 10 (15.5.1936) · p. Seite 232

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
12 (1936)
Issue
10 (15.5.1936)
Date
1936-05-15
Page
Seite 232 (sequence 14)
Language
German
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232 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 10 "Von Millionen gesungen klingt auch mir aus tiefster Seele Scheffels Preislied zum Lob Alt-Heidelbergs. ' Es ist immer schwer, von dem Schloß da oben Abschied zu nehmen, diesmal besonders schwer. Schöner Erdenfleck, bleib, was Du bist, so, wie Du in meinem Herzen bleibenwirst. Schon manches Schicksal hast Du erlebt und wirst noch manches erleben. Wir wollen nicht traurig sein, wir wollen uns freuen, daß wir bei dir sein durften. Den Wolfsbrunnenweg geht es hinauf und hinab, unten wälzt der Neckar etwas trübe viel Sehneewasser zum Rhein. Alter Neckar, man hat dich mit Wehren und Schleußen eingefangen und gezähmt. Einst zogen sich die Dampfer an einer Kette, das „Kettchen von Heilbronn" genannt, mitten im Flußbett stromauf. Und wie ich so sinnierend den Weg hinunterlaufe, da kommt mir ein anderes Lied in den Sinn, das ich so oft gesungen habe und das sich mir nun wieder über die Lippen drängt: „Wo zwischen grünen Bergen munter des Neckar klare Woge rauscht, wo das duftge Tal hinunter die Burgruine sinnend lauscht, wo du von Kummer-mußt genesen, wie tief er auch im Herzen brennt, da bin auch ich einst jung gewesen. Ich war zu Heidelberg, zu Heidelberg Student." Vom anderen Neckarufer grüßt der Philosophenweg, Stiftsmühle, Ziegelhausen. In Schlierbach nimmt mich die schöne Neckartalbahn auf und führt mich nach Neckargemünd. An jeder Ecke ein anderer lieblicher Blick. Neckargemünd, kleines altes Neckarstädtchen mit den winkligen Gassen, in die die modernen Autos so gar nicht hineinpassen. Durchs Neckartal darf man nicht im 100km-Tempo jagen, das muß man fein sorglich auf Schusters Rappen durchmessen. In Neckargemünd gibt es eine Weinstube zur Stadt Athen. Was die „Sonne Homers" aus verkarstetem Boden ausgeglüht hat, das perlt hier im Glas. Die Weinkarte ist voll von griechischen Namen. Kann es eine Frage sein, welchen wir trinken? Nur „Lethe" kann es sein, den „Trank des Vergessens". „Trink ihn aus den Trank der Labe und vergiß den großen Schmerz. Wundervoll ist Bacchus Gabe, Balsam fürs zerrissene Herz." Ja, ein wenig krank ist wohl unser Judenherz, körperlich und — seelisch. Es muß ein wenig viel aushalten, als es die Kinder schon so früh weit hinaussenden mußte. — Goldene Lethe, leiste auch mir einmal diesen Dienst des Vergessens. Schwer und müde sinkt der Kopf auf die schwere Tischplatte aus Eichenholz, auf die unendliche Studentengenerationen ihre Namen eingeritzt haben, vielleicht ich selbst einmal. Hier steht die Zeit still. Wo bin ich, welche Schatten umschweben mich, wo sind sie, die mit mir einst hier jung waren? In Flandern, an der Somme, in den Rokitnosümpfen? Warum lebe ich noch? Warum? Wäre es besser gewesen, als unbekannter Soldat irgendwo zu liegen, keinem ungewissen Schicksal mehr ausgeliefert? Fort mit solchen Gedanken! Wir haben draußen nicht desertiert, wir desertieren auch vor dem Leben nicht. Wir bleiben auf unserem Posten, wo es auch ist. Sonne lacht von draußen, noch einmal wollen wir in den Abend hinein durchs Neckartal laufen. Rechts grüßt der Dilsberg, links über die Brücke muß der Weg nach Neckarsteinach gehen. Dort oben hausten einmal auf ihren Burgen die „Landschaden" von Steinach. Zitternd und zagend mögen einstmals unsere Vorfahren mit ihrem Packen auf die Landstraße gegangen sein. — Jetzt flitzen die Autos vorbei, ich freue mich, daß in einem ein besinnliches Pärchen sitzt, das an jeder Wegecke halten bleibt und schweigend die Schönheit des Tages genießt. Ich wandere weiter, tief, tief in die Gedanken eingesponnen. Und wieder ein Neckarstädtchen und ein Bahnhof. Ein Zug' verschluckt mich, in den hineinbrechenden Abend grüßen die Brurgen noch schattenhaft. Ein Jude hat von Euch Abschied genommen, .niemand hat ihn bemerkt. Nun will ich die große Fahrt über das Meer antreten, zwei Welten in meiner Brust vereinigen. Und auf meine Lippen, die heute so manches deutsche Lied gesungen haben, drängt sich das alte Wort: „Schechejono, wekijemonu las'man haseh! Ich danke Dir, Gott, daß ich diesen Tag noch habe erleben dürfen!" Dr. Willy Cohn. Schnifcler im Berliner Kulturbund Es geht auf den Sommer zu und die Kost wird traditionsgemäß ,leichter. Auch die Theaterkost des Berliner Kulturbundes soll anscheinend wieder leichter werden. Man schließt das nicht daraus, daß man Schnitzler bringt, sondern was man von ihm bringt und wie. Denn es ist gar nicht so einfach und die Regie von Fritz Jessner in „Komtesse Mizzi" (seine letzte Regieführung vor seiner Übernahme des Postens am Berner Stadttheater) hat das gezeigt. Er war sichtlich bemüht, etwas von der weichen Wiener Luft und der gelassenen Heiterkeit des österreichischen Stammes in die Atmosphäre .dieses Einakters zu legen — aber gerade in diesem Stück mit seinen weitausgesponnenen Dialogen am Anfang gehört dazu unbedingt eine glänzende Beherrschung des Wienerischen auch im Dialekt, viel mehr, als etwa dem Grafen Arpad Pazmandy des Schauspielers Arthur Lewin zur Verfügung stand; dieser Mangel ließ sich durch Lautstärke nicht ausgleichen und auch sonst blieb der alte Graf mit dem allzu jungen Lebenswandel zu 'steif für den „feschen" Kerl, dem eine solche Rolle zukommt. Wirkliche Wiener Typen waren dagegen seine Tochter Mizzi, Jenny Bernstein-Schaffer, und sein Freund Egon, Fritz Wisten; auch Sigmund Nunberg fand sich sehr nett in die winzige Rolle des Fiakerkutschers. Die Komtesse Mizzi der Jenny Schaffer zeigte jene stille und heitere Gelöstheit, verbunden mit dem Ernst und starken Willen, der aus einer großen Enttäuschung durch den ehemals geliebten Mann kam, wie es die Rolle erforderte und sie zeigte nebenbei versöhnlich, daß sie es im Grunde mit der kleinen Tragik der betrogenen Muttergefühle nicht so furchtbar ernst nahm, genau wie der Dichter selbst. Die Lolo Langhuber der Lilly Kann und der hübsche, freche Sohn Philipp des Jose Ernesto Lewy trugen wesentlich zu einer farbigen Belebung des Stückes bei. Aber trotzdem mußte die Frage auftauchen, ob gerade dieser Einakter überhaupt geeignet ist, heute dem Publikum des Jüdischen Kulturbundes vorgesetzt zu werden. Es ist ein Stück, das eigentlich nach der Tönung einer kleinen Kammerspielaufführung verlangt und daher in diesem Rahmen etwas arm und verloren wirken mußte — ganz zu schweigen von den Meinungen, die gegen die Aufführung eines Stückes mit so wenig positiven Tendenzen ,wie in diesem „Familientag" laut wurden , gegen die Aufführung, nicht gegen den Dichter natürlich. Das merkte man besonders deutlich nach dem zweiten Einakter des Abends, dem „Abschiedssouper" aus dem „Anatol", das weitaus bühnenwirksamer ist und mit reicheren Pointen und mehr versöhnlicher Heiterkeit die Stellen zu überklingen weiß, an denen ein jüdisches Publikum, so wie es heute eben geworden ist, eine tiefere Problematik des Gebotenen vermissen muß. Fritz Wisten, der diesmal auch die Regie führte, war ein glänzender Anatol, ein heiterer, leichtsinniger und dabei etwas melancholischer Genießer, dem das wirkliche Leben und das Erleben echter Liebe zwischen den vielen Abenteuern zerrinnt, von denen eines gezeigt wurde; vielleicht wäre es richtig gewesen, den Abend mit der Aufführung des ganzen „Anatol" zu füllen. Jenny Schaffer gab mit unendlich viel Grazie die leichtfertige, leicht verliebte Annie, wobei sie die Leichtfertigkeit ein wenig stark betonte; aber mit ihrem kleinen Schwips und ihrem „Ich hab g'sagt, daß es mich freut —" konnte sie bezaubern. Martin Brandt verfügte über die nötige Ironie und Überlegenheit, um als Freund Max den unverbesserlichen Anatol durch dieses wie durch manche andere Abenteuer lächelnd zu begleiten. „Sentimentalität ist' unter Preis erhandeltes Gefühl" hat Schnitzler selbst gesagt. Als Erkenntnis aus diesem Abend konnte man mitnehmen, daß es durchaus nicht so einfach ist, heute so etwas „unter Preis" an ein jüdisches Publikum zu bringen, auch wenn es sich bestimmt manchmal danach sehnt und auch wenn das Gebrachte wirklich gut und echt ist. H. M.

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