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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1936-05-01 · 9 (1.5.1936) · p. Seite 208

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
12 (1936)
Issue
9 (1.5.1936)
Date
1936-05-01
Page
Seite 208 (sequence 14)
Language
German
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208 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung land. Seit 1838 war er Sekretär der Wiener Kuitusgemeiinlde lwd ihr Archivar, 1850 munde er Vorstandsmitglied der Wiener Gemeinde -und 1875 ihr erster Vorsitzender. Frank! trat am 11. März 1856 seine berühmt gewordene Reise nach Palästina an, um in jerusalem aus Stiftuogsmitteln der Wiener Kultusgemeirade die Lämel-Schufle zu 'begründen. Dieser Fahrt ins Heilige Land verdanken wir eine sehr genaue Beschreibung der damaligen aOigemeineaii und 'kulturellen Zustände unter den Juden Palästinas vor 80 Jahren. Rings um -die Stadtmauern Jerusalems war in jener Zeit noch eine Wüstenei. Die drei Stadttore (Jaffa-Tor. Damaskus-Tor, Zions-Tor), die bei Tage offen waren, wurden bei Sonnenuntergang geschlossen. Frankls zweibändige Beschreibung seiner Orientreise in den Jahren 1856/57 („Nach Jerusalem! Reise in Griechenland!, Kleinasien, Syrien, Palästina", 1858) dst für die Kenntnis der damaligen jüdischen Zustände in Palästina und die allgemeine Landeskunde von Erez Israel von hoher Bedeutung. Eines der letzten Sohooken-Bändchen (Nr. 39), von dem schon früher in diese'ri Blättern kurz die Rede war, gibt einen Auszug aus dem Fränkischen Reisebericht. Daraus entnehmen wir im Folgenden ein charakteristisches Stück. Frankl sieht den Orient, Jerusalem, Palästina noch mit deutschen Romantiker-Augen. Eintritt in die Stadt Das Land, das den Anblick einer von der Sonne verbrannten Hütweide gewährte, fing nun immer mehr an, hügelig zu werden. Die Straße, wenn öi'ni seit Urzeiten nicht gebauter Weg so genannt wenden kann, wurde steinicht und den Pferden beschwerlich. Nach drei Stunden waren wir in den Bergen.. Wir ritten, zur Rechten und Linkem hohe Felsen, durch enge, steimchte, schimal zusammengedlrüokte Täler. Überall ragten, bald in Gruppen bald einzeln, uralte Oliven? und Johannisbrotbäume empor, und durch Felsenritzen und Spalten drängte sich grünendes Gesträuch. Wir waren bereits an zwei Quellen vorübergekommen und hielten an einer dritten Rast. Wir lagerten unter uralten Bäumen. Eine Adler flog von einer Felsenkuppe hoch auf. und über die graugrünen umliegenden Felsblöcke blickte aufgeschreckt zuweilen eine Eidechse an uns vorüber, zwei Spannen lang. Während wir lagerten, ritt ein schön bewaffneter Scheich mit fünf Begleitern durch Felsen hervor und an uns vorüber. Die malerisch gekleideten Reiter wunden von kleinen, schlanken feurigen Pferden geträgen. Ich grüßte den Scheich, worauf er auffallend ehrerbietig dankte. Mussa, der Kawaß, sagte mir: ..Das habt Ihr gut gemacht, Herr! Er hält Euch für einen wichtigen Mann, weil Ihr ihn zuerst gegrüßt habt." Wir brachen nach einer halbstündligen Rast auf und erreichten durch dichte 01ivenbaumpflan>zu!ngen immer mehr empor zwischen Felsen und Bergen reitend Kuryet-el-Enab. „die Stadt der Weintrauben". Eine mäßige Anhöhe baut sich von der Kante derselben herab bis ans Tai mit weißen steinernen Häusern, mit einer Moschee, einer verfallenen, einst größten Kirche in Palästina, von Wein, Feigen- und OMvenpflanzungen umgeben, die sich auch jenseits der Talhöhe einen Abhang emporziehen und dem ganzen Bilde ein bewegtes, frisches Ansehen geben. Jetzt haust die Familie Abu Gösch hier, deren Häuptling noch vor wenigen Jahren jedem Reisenden einen Tribut abverlangte. Ihre Driickarlftcifeii durch Up. Heller BUCHDRUCKEREI HELLER GMBH ■ MÖNCHEN 25 PLIN GANSERSTRASSE 64 FERNRUF 73664 Der Weg fing jetzt an, beschwerlicher zu werden, die Berge kahler, imd endlich war kein Baum, kein Grashalm sichtbar. Wir wußten uns Jerusalem nahe, und die Unruhe, es zu erblikken, ließ den Weg -mach länger und beschwerlicher erscheinen. Ich spornte mein Pferd einen Bergrücken hinan, dla erhob sich wieder ein zweiter, ebenso traurig und' kahl. Und so einigemal. Auf einer Bergebene begegnete uns ein mohammedanisch gekleideter alter Mann, er ging hinter einem Esel her, auf dem ein junges Weib in blauem, weitem Gewände ritt; sie verhüllte ihr Angesicht,, als wir näherkamen. Der Alte sprach den arabischen Gruß: „Marhaba." Mussa war einige hundert Schritte vorangesprengt, und die Rechte ausstreckend, rief er mir zurückgewendet zu: „El Kuds!"; so heißt Jerusalem arabisch. Ich setzte mein Pferd in raschen Gang und sah vor mir — Jerusalem. Der Himmel war grau bewölkt, und die Stadt selbst mit ihren Kuppeln und Minarettein', Häusern und- Ruinen, umgeben von einer hohen, phantastisch gezackten Mauer, lag in einem matten Bleiglanze. Sie selbst schien mir ein altersgrauer Pilgrim, der hierherkam und hinsank, um zu sterben und vom Schmerz versteint worden ist, wie jene Mutter, nachdem ihr der Zorn des Gottes die Kinder getötet hatte. Dies also ist die Stadt des Helden, des Dichters, des Königs. Dies dst die Tempelstadt des weisen, des Menschen und Geister beherrschenden Salomo. Von hier 'leuchtete eine Zentralsonne der Geister; der Glaube an nur einen, ungeteiteh Gott der Welt über die ganze Erde hin und machte diese kleine Stadt zur Weltstadt, zu der man, wenn man sie erreichen will, nach den Worten der Schrift „hinaufziehen" muß. Sie zog die Geister hinauf, wie die Sonne die Milliarden Tautropfen, in denen sie sich in allen Fanbenibrechungen spiegelt. Ich hörte meine Reisegefährten hinter mir herkommen, die von .den Pferden gestiegen waren, um die Stadt zu Fuße pilgernd) zu betreten und gab, um von ihnen in meinen Gedanken nicht gestört zu werden, dem Pferde die Sporen. Nahe den Mauern der Stadt trat ein Mahn, den ich früher nicht bemerkt hatte, plötzlich an mich heran, faßte mit seiner Linken deii Kragen meines Oberkleides, "während die Rechte ein 'langes blankes Messer schwang. Meine Gedankenversunkenheit, aus der ich durch die plötzliche Erscheinung und ihren stummen Angriff emporgerissen wurde, wich einem unsagbaren Entsetzen, und! als ich fast automatisch die Pistole aus dem Halfter zog — jedenfalls korimbe der Angreifende mir mit seiner Waffe zuvorkommen —, ließ der Mann rasch von meinem Kleide ab, beide Arme sinken, und schrie bis. in die Lipepn erlblassend: „Schema Jisrael! Was wollen Sie vollbringen?" Alles dies war kaum in einer Minute geschehen!, und den Glaubensgenossen erkennend, mußte ich, 'der ich eben noch selbst blaß vor Schreck sein mochte, laut autflachen. Er aber erklärte mir, daß jeder indische Pilger, ehe er die Stadt betrete, in Trauer über ihre Zerstörung wie um einen blutverwandten Toten sein Keid zerreissen müsse. So ließ ich mir denn von Herrn Mosche Kurall, der von diesem Geschäft ein spärliches Einkommen hat, eine „Krie schneiden", das heißt das Kleid zerreissen, während ich ihm den üblichen Spruch nachsagte: „Zion ist zur Wüste geworden, es liegt zerstört." Der erste Gang in Jerusalem führte mich durch enge1, meist abwärts führende, ungepflasterte Gassen, die, je mehr sie sich vom Bazar entfernten, immer einsamer Und stiller werden. Zwischen hohen und steinernen Häusern mit kleinen verschlossenen Türen, mit engen Hollzgittern und den glaslosen) Fensterräumen, dann unter Wölbungen hin, über Schutthaufen, da und dort über Äser und Katzen, Hunden und' sogar über eine den Ouerrauim einer Gasse völlig versperrende Kamelledche, fühlte ich mich in den lebhaftesten u'nld schmerzlichsten Widerspruch mit all den Gefühlen und Gedlanken versetzt, welche ein Pilger in diie Heilige Stadt mitbringt. Selten nur begegnete ich einem Reiter, einer vermummten — nicht verschleierten — Frau, einem weiß beturbanten Moslem .einem schwarzen Sklaven, oder polnisch gekleideten. Juden. Man schreitet — und der Gedanke liegt in der von der Pest oft heimgesuchten Stadt nicht fern — wie durch eine Stadt, in der sie eben gewütet und einen großen Teil dpr Bevölkerung hingerafft hat. Vom Bimmel herab zittert ein .weißblaues heißes Glutmeer, und immer wieder sagt sich der Wanderer wie erstaunt: diubist in Jerusalem!

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