Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 12 (1936)
- Issue
- 9 (1.5.1936)
- Date
- 1936-05-01
- Page
- Seite 200 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Bayerische Israelitische Geineindezeihiüg Nr. 9? i I \ Psalm 79 Übersetzung von Martin Buber Ein Psalm. Assafs. Gott! Die Weltstämme sind in dein Eigen gekommen, haben deines Heiligtums Halle bemakelt, Jerusalem zu Ruinen gemacht, hingegeben den Leichnam deiner Knechte als Fraß dem Vogel des Himmels, das Fleisch deiner Holden dem Getier der Erde, ihr Blut verschüttet wie Wasser rings um Jerusalem her, und keiner war der begrübe. Wir sind ein Hohn unsern Anwohnern worden, Spott und Posse denen rings um uns her. Bis wohin, DU, willst dauernd du zürnen, wird wie Feuer zünden dein Eifer? Schütte deinen Grimm auf die Stämme, die dich nicht kennen wollen, auf die Königreiche, die deinen Namen nicht rufen! Denn man frißt Jaakob, seine Trift veröden sie! Gedenke Fehle der Vordem uns nimmer! daß dein Erbarmen bald uns überrasche! Denn sehr schwach sind wir worden. Hilf uns, Gott unsrer Freiheit, wegen der Ehre deines Namens! Rette uns, bedeck unsre Sünden um deines Namens willen! Warum sollen die Weltstämme sprechen: „Wo ist ihr Gott!" An den Weltstämmen werde kund uns vor Augen die Ahndung des Bluts deiner Knechte, des verschütteten! Vors Antlitz komme dir des Gefesselten Ächzen! Nach der Größe deines Arms laß überbleiben die Kinder des Sterbens! laß auf unsre Anwohner sich kehren, in ihren Busen siebenfach, den Hohn mit dem sie dich höhnten, mein Herr! Wir aber, dein Volk, die Schafe deiner Weide, wollen in die Zeit hin dir danken, in Geschlecht um Geschlecht deine Preisung erzählen.? übergebt HausverwaHungen an die Firma S* A C K E R MI A MÜNCHEN, Ritter von Epp-Platz 9 Telefon 12502, 12587, 13394 Erste Referenzen! Beratung bei Immobilien . Verkäufen schließt kein Entweder-Oder ein; wenn irgendwo, dann galt es für Israel, daß, wer sein Innerlichstes zulänglich zu Worte brachte, eben damit der Gemeinschaft ihr Wort gegeben hat. Mancher Psalm mag seinem Wesen nach wie von selber den Weg in iden Tempelgesang gefunden halben; aber ich verrmag nicht zu glauben, daß unter 'den Psalmen der Not irgendeiner von denen, denen nun die liturgische „Objektivität" wie selbstverständlich .anhaftet, für «den Tempel gedichtet worden sei, wie man es etwa von den Psalmen der Gottesköniigsschaft wohl annehmen darf. Es gibt freilich Natpsal/men, die einen gleichsam persönlich-kultischen Klang oder doch Einschlag halben; das si'nd die, in denen der Glaube, auch das rechte Wort werde als Opfergabe angenommen, Gestalt gewonnen hat. Lebensgeschichtlich also sind die hier ausgewählten Psalmen angeordnet. Die Reihe beginnt mit dem Ruf „aus Tieifen", der die Not noch gar nicht zum Gegenstand macht, aber schon die weserihaifte Erkenntnis ausspricht, daß es, wenn man; zu Gott davon redet, nur <uim die eigene Schuld und das Harren •auf seine Vergebung .gehen kann. „Ich harre auf seine Rede", sagt die Seele von ihrem Herrn, und das ist das Gmwdmotiv des Psalms überhaupt, der sich selbst als /die Menschenstimme in einem erhofften Zwiegespräch versteht. Dieses Harren, dieses Dürsten, nicht nach dem Aufhören der Not, sondern „nach der lebenden Gottheit" selber, mit deren Erscheinen und Entgegnen alles gut wird, vergleicht der Sänger dem Röhren der Hinde am vertrockneten Wasserbett. Er erinnert sich an die Zeit der flutenden Gottesfreude und klagt, nicht: „Warum muß ich leiden?", sondern: „Warum hast du mich vergessen?" Nicht daß /die Feinde ihm hören/, mächt die eigentliche Bitterkeit, aus, sondern daß es seine Gottverlasseniheit ist. die ihnen den Hohn eingibt: „Wo ist dein Gott?" Zwar weiß er: „Noch werde ich ihm danken." Aber zuweilen ist die Qua! so schwer, daß er sterben zu müssen meint, und er kann nicht anders als fargen: „Bis wann noch —?" Und auf die Klage folgt die vielfältige Anklage der „Harmwirker", deren „Wege geraten". Aber auf die Anklage folgt die Einsicht: „Wenn aufgor mein Herz, ich mirs schneiden ließ in1 die Nierem, dumm war ich und erkannte nicht..." Und auf die Einsticht folgt die Unterwerfung: „Selig der Mann, den du in Zucht nimmst!" Wieder erklingt Mal um Mal das „Bis wann", aber die bebende Ahnung der nicht unverlioreneni Erwählung wächst; die einst aus Ägypten verpflanzte Rede, die nah daran ist, „versengt vom Feuer, verstümmelt" zu werden, erhofft die „Wiederkehr" der Befreiung. „Wird er nie mehr annehmen zugnaden? ist für die Dauer dahin seine Huld? der Spruch zuend auf Geschlecht um Geschlecht?" fragt der Verzagende, aber mitten aus der Verzweiflung erhebt sich die Schau der neuen Führung durch die Wasser, der „Kauz der Trümmer" sieht im Wach-Trauim ein „'neuerschaffenes Volk" um ein neuerbautes Zion erstehn, dahin „die Völker mitsammen ziehen zuihauf, die Königreiche, IHM zu dienen". Wohl, schwer ists, „bei dem Hasser des Friedens" zu gasten; aber im erstarkten Wissen um das Geheimnis der Geschichte;, daß ER es ist, „der für uns war, als Menschen Wider uns standen", darf sich die Seele dem Vogel vergleichen, „der dem Sprenkel der Fänger Entschlüpfte". Das Werk des Leidens erscheint als Aussaat: „die nun säen in Tränen, im Juibel werden sie ernten". Umd mit ermunterter Harfe spielt die Seele ihrem Herrn auf: „Schwinge dich über den Hümmel, Gott, über alles Erdreich deine Ehre!" Der Ankläger war gefesselt, der nur noch der Ehre Gottes Zugewandte ist befreit. Vox huanana ist der Psalm. Zu jeder Zeit, da es „aus ist mit der Treue unter den Adamskindern", sagt er neu unsere, des Menschen, Schwäche und unsre, des Menschen, Kraft.