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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1936-01-01 · 1 (1.1.1936) · p. Seite 14

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
12 (1936)
Issue
1 (1.1.1936)
Date
1936-01-01
Page
Seite 14 (sequence 14)
Language
German
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14 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr.l ganzen Linie. Die reite Kunst des musikalischen Begleiters, Dr. Max Lamm, darf von diesem Erfolg nicht übertönt werden: wir hörten auch selbständige Klavier-Vorträge" Lamms, der bei Kennern den Wunsch wach riefen; den Künstler später mit eigenen Darbietungen zu hören. Zu der kulturpolitischen Linie des Jüdischen Kulturbundes — eines Notgebildes -der Zeit — darf hier anläßlich des Auftretens der Dela Lipinskaja eine unpopuläre Bemerkung nicht verschwiegen werden: Die Kunst dieser Schauspielerin hält jeder Kritik, die an eine kabarettistische und szenische Leistung ersten Ranges anzulegen ist, unbedingt stand. Für das Programm des Kulturbundes kann aber diese Art von Kunst nur eine seltene Ausnahme, eine genußreiche, amüsante Extratour sein, die wir uns nur alle Jahre einmal gestatten können. Denn dem Kulturbund obliegen in der Hauptsache andere, viel weniger amüsante und weniger zugkräftige Aufgaben. Wir verfallen, wenn wir dies aussprechen, nicht in die Rolle des griesgrämigen, hypokritischen, alt gewordenen MoraLtrompeters und vertreten weiter mit Nachdruck, daß nur aus einem Fortiter peccare und Danebentreten heraus der Sinn für ethische Nuancen erwächst. Aber warum wurden wir unruhig, als die Dela Lipinskaja in einer bezaubernden Hosenrolle ein psalmodierendes „Jürigalich", einen lernenden Kaftan-Bocher mit Schläfenlöckchen und flachem Samthut vortanzte? Der ungeteilte, jubelnde Beifall, den diese Nummer hervorrief, belehrte uns. daß kaum jemand spürte, was hier vorging: Solche lernenden Bachurim sind noch nicht museums- und kabarettreif; diese Gestalten verkörpern ein verborgenes jüdisches Herzstück. Wir wissen uns von jeder falschen öder romantischen Sentimentalität und gouvernantenhaften, mit dem Finger drohenden Rechtgläubigkeit fern; aber hier — so zart und geschmackvoll die Dela Lipinskaja diese Rolle spielte — hier schien uns eine Grenze jüdischer Kulturbetätiigung in dieser Zeit schmerzlich überschritten. Wenn diese Überschreitung .niemand gespürt haben sollte, so wäre das nur ein Zeichen für ein sehr fortgeschrittenes Verfallstadium des deutschen Judentums trotz dem ihm angeschmiedeten eisernen Reif. F. Nachruf auf den Verleger Georg Bondi Die breitere Öffentlichkeit kannte den Namen des am 9. Dezember Verstorbenen kaum. Niemals ist er hervorgetreten. Er verbarg sich hinter seinem Werk, das allein von ihm Zeugnis ablegt. Aber dieses Werk ist so imposant, daß nun, da das Leben seines Schöpfers beendet ist, Pflicht und Dankbarkeit gebieten, seiner zu gedenken. Von seinem äußeren Leben ist wenig zu melden. Er entstammte einer wohlhabenden jüdischen Familie und wurde 1865 in Dresden geboren. Er studierte in Leipzig Germanistik und promovierte auch dort. Dann -begab er sich nach Berlin, wo er im Grunewald ein schönes Haus bis zu seinem Tode bewohnte. Verheiratet war er mit einer Tochter Hedwig Dohms1, die zugleich auch die Großmutter von Frau Thomas Mann ist. Als Verleger entwickelte er sich zu stärkster Eigenart und Prägnanz. Dadurch, daß er die Werke Stefan Georges und seines Kreises verlegte, bekam der Verlag Bondi ein unverwechselbares, fest umrissenes Gesicht, einen ausgeprägten Stil, der jede seiner Veröffentlichungen bis zum kleinsten Prospekt und Inserat beherrscht. Alle seiner Bücher waren von gediegenster Qualität, von einem erlesenen, kultivierten Geschmack ausgestattet, der sich jedes Zuviel fast puritanisch verbot und durch zweckbewußte Einfachheit wirkte. Ebenso war die Annahme von Manuskripten von dem strengsten Gefühl für das ihm Gemäße und Zukommende diktiert. So hat er manche Bücher aus dem Georgei-Kreis nicht bei sich aufgenommen, nicht weil er ihre Qualität bezweifelte, sondern weil sie nicht ganz zu ihm gehörten. Ein Mann mit einem so sichern und unbeirrbaren Stilwillen war dazu prädestiniert, Stefan Georges Verleger zu werden. Bondi berichtet selbst in seinen Erinnerungen an den Dichter, wie gleich die erste Begegnung mit seinem Werk für ihn;vSchicks*a1haft<f:''waf>Tiija-- den Wunsch in ihm weckte, es zu f Manfred Sturmann liest am 7., 8. und 9. Januar im Kulturbund aus eigenen Dichtungen. verlegen. Das war im Jahre 1897. Mit diesem Jahre beginnt die lebenslange, ungetrübte Freundschaft zwischen diesen beiden Männern. Mit diesem Jahre beginnt die große Produktion des Verlages Bondi, die in der Geistesgeschichte der Neuzeit einen besonderen Platz einnimmt. Denn zu dem gesamtein Werk Georges, das erst in Einzelausgaben und dann in der großen würdigen Gesamtausgabe, in 18 Bänden, herauskam, gesellten sich die bedeutenden Darstellungen dieses Werks, wie die von Friedrich Gundolf, Friedrich Wolters, Melchior Lechter, Ernst Morwitz, die gesamten Dichtungen Kiarl Wolfskehls und von Wolters die Übersetzungen der Hymnen und Lieder der christlichen Zeit. Hinzu kamen die wissenschaftlichen Werke aus dem Kreise der Blätter für diel Kunst. Es sei nur erinnert an den Nietzsche von Ernst Bertram, den Piaton von Kurt Hildebrandt, an die grundlegende zweibändige Monographie Kaiser Friedrichs II. von Ernst Kantorowicz, an Gundolfs Goethe und Shakespeare -und an seine zehnbändige Shakespeare-Übertragung. Damit ist nur ein Überblick über die wichtigsten Publikationen des Verlages gegeben, aber man ersieht schon, welche Summe von Arbeit, von Opferbereitschaft zu diesem Aufbau nötig war. Denn von heute nach rückwärts gesehen, zeigt sich zwar, daß Georg Bondi einen glücklichen Griff tat, als er George und seinen Kreis in seinen Verlag aufnahm. Versetzt man sich aber in das Jahr 1897, in die Zeit der Hochflut des Naturalismus, so bekommt man erst einen Begriff von der Uneigennützigkeit, dem Wagemut und dem reinen Enthusiasmus, die Bondi eigen waren, als er sich zu dieser gewaltigen Unternehmung anschickte. Ein völlig unbelkannter Dichter, der nur Lyrik schrieb, die dem Zeitgeschmack völlig entgegen war und darum unverständlich, in jedem Falle befremdend wirkte, ist kein gutes Verlagsobjekt. Um so mehr ehrt es Bondi, daß er schon damals das Bedeutsame, das Zukunftreiche dieser Kunst zu erkennen vermochte, daß er an seinen Dichter glaubte, als ihm noch wenige anhingen und sein Wesentliches der Menge verborgen war. Aber er hat es gewagt. Gleich den anderen Pfadfindern und Wegbereitern hat er an seine eigene Person vergessen und alle Kräfte an die Verwirklichung der Idee gesetzt. Und wenn er jetzt in seinem siebzigsten Jahr seinem großen Freunde in die Ewigkeit gefolgt ist, so dürfen wir ihm nachrufen, daß seine Lebensleistung, seine Werktreue des Dichters würdig waren, dem er sie gewidmet hat. Erich Lichtenstein.

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