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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1936-01-01 · 1 (1.1.1936) · p. Seite 3

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
12 (1936)
Issue
1 (1.1.1936)
Date
1936-01-01
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 1 Bayerische Israelische! Gemeindezeitrag von Stande", einen geheimnisvollem Brief an ihn, der uns nicht erhalten ist — wir können aber mit ziemlicher Bestimmtheit in diesem Briefe 'das Projekt eines Judenstaats vermuten, das damals nicht selten auftauchte — veilleicht sogar schon mit der Wendung nach Palästina hin. Mendelssohn bekennt in seiner ablehnenden Antwort seine eigene Unfähigkeit zu politisch-historischem Denken, die er als ein Erbteil der Leidensgeschichte seiner Nation betrachtet, wie folgt: „Die Kühnheit meines Geistes, wenn ich anders etwas davon besitze, erstreckt sich bloß auf spekulative Dinge. Im Praktischen bin ich. stets in einer allzu engen Sphäre eingeschränkt gewesen, als daß ich die Fertigkeit hätte erlangen können, mich zu großen Dingen zu erheben und über gemeine Schwierigkeiten hinweg zu sehen. Wer kann seiner Größe eine Spanne zulegen? Die größte Schwierigkeit, welche mir dem Projekte-im-Wege 'zu stehen scheint,-ist der Charakter meiner Nation. Sie ist nicht vorbereitet genug dazu, irgend etwas Großes zu unternehmen. ■ Der Druck, unter welchem -wir seit so vielen Jahrhunderten leben, hat unserem Geiste' alle vigueur benommen. Es ist nicht unsere Schuld;, allein wir können nicht leugnen, daß der natürliche Trieb zur Freiheit in uns alle Tätigkeit verloren hat. Er hat sich in eine Mönchstugend verwandelt und äußert sich bloß im Beten und Leiden, .nicht.im Wirken..." , ....... Wer diesen Brief recht, zu lesen versteht, der kann aus .ihm das Geheimnis von Mendelssohns historischer Tragik verstehen lernen.. Gewiß, der Philosoph lehnt das. Judenstaatsprojekt.ab; aber nicht, ohne die. Größe des Planes anzuerkennen und sich schmerzvoll, seiner, eigenen Unfähigkeit, „sich zu großen Dingen zu erheben" und — was ihm hoch wichtiger .ist. und. für seinen psychologischen Scharfblick zeugt — der Unfähigkeit seiner Nation „sie ist nicht vorbereitet genug, etwas Großes zu unternehmen" — bewußt zu werden, daß aiber eine, solche Hoffnung, wie sie wohl im Herzen eines jeden unverbildeten und ganzen Juden aller Zeiten schlummerte, auch in seinem Herzen tief innen ihre. Heimat fand, 'das zeigt —. deutlicher vielleicht" .als er seihst es wollte r— der. QöMuiß des Briefes, Nacht allen diesen von ihm dargestellten Schwierigkeiten,, idie sich für jetzt dem Projekt in .den Weg stellen, fährt er in überraschender Weise fort:. „Alle diese Schwierigkeiten ungerechnet, scheint mir ein solches Projekt nur alsdann' ausführbar zu sein, wenn die größten Mächte Europas in1 einen allgemeinen Krieg verwickelt sind..." Hier zeigt sich plötzlich mit der ganzen Wucht eines ungewollten Selbstbekenntnisses, daß der Kluge und Verzichtende im Grunde seines Judenherzens trotz aller Vernunft und trotz aller bewußt gezügelten Empfindungen dennoch ein Judenstaatler ist. Dies Wort, das ihm wie unwill- Moses Mendelssohn kürlich entschlüpft, erscheint m unsern Tagen wie eine Prophezeiung und hat in den Tagen des Weltkrieges ungeahnte Verwirklichung gefunden. Daß auch der moderne Zionismus, daß eine Gestalt wie Theodor Herzl ohne Moses Mendelssohn nicht möglich gewesen wäre — das ist oft anerkannt worden. Aber daß in diesen Worten nichts Geringeres als die Balfour-Declaration von Moses Mendelssohn voraus gesehen worden ist, das macht den bescheidenen Mann aus Dessau nicht nur zum Fürsprecher seiner Nation, sondern geradezu zum P r o p hi.e t e n. B. B.-St. Der jüdische Dichter deutscher Zunge Von. Manfred Sturmann In diesen Tagen wird Manfred Sturmann im Jüd. Kulturbund, vor allem in München, aus seinen eigenen Werken, Gedichte und Prosa vorlesen. Wir setzen aus diesem Anlaß in den beiden folgenden wichtigen Beiträgen die Erörterung über Fragen der neueren jüdischen Dichtung in deutscher Sprache fort; diese Erörterung schließt sich an än den Rilke- Aufsatz und an den Versuch von Julius Bab „Neue jüdische -Dichtung?" sowie an die verschiedenen Gedichte in einer der letzten Nummern dieser "Zeitung (Nr. 22 vom IS. XL 35). Der jüdische Dichter deutscher Zunge wird nie — und darum ist er eine tragische Erscheinung — die jüdische Dichtung in jüdischer Form schaffen können. Darum ist es müßig, wie es jüngst in diesen Blättern geschehen ist, die deutsch-sprachigen Dichtungen jüdischer Autoren daraufhin zu untersuchen, in wieweit in ihnen der Weg zur jüdischen Form beschritten wurde. Solange der jüdische Dichter in der Sprache seiner räumlichen Heimat jüdische Dichtung schafft, solange ihm die jüdische Sprache, das Iwrith, nicht Muttersprache geworden ist — steht über ihm der tragische Schein z w e i e r Sterne, die Jüdischer Kulturbund in Bayern Ortsgruppe München Marionettenbühne Münchner jüd. Künstler am 4. Januar im Körperkulturhau» Germaniastr. SO (Sonderveranstaltnng) Autorenabend Manfred Sturmann am 7., 8. und 9. Januar im Körperkulturhaus Germäniastr, 20

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