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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1935-12-15 · 24 (15.12.1935) · p. Seite 552

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
11 (1935)
Issue
24 (15.12.1935)
Date
1935-12-15
Page
Seite 552 (sequence 19)
Language
German
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552 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 24 baren Ochsemhändlers, ein mächtiger Puszta-Ochse, seinen weißen hornbewerrrten Kopf hineinsteckt man wird dann das kleine Puppentheater mit neuen Augen ansehen. Sonicin ürfcl der Haupttreffer Tr agikomödie in 3 Akten von Semen Jus chker witsch. Erstaufführung am 27. November 1935 durch den Jüdischen Kulturbund München. Die Bühnen der jüdischen Kulturbünde stehen vor großen künstlerischen Aufgabear und ringen mit den zwingenden Gegebenheiten der Lebensumstände. Es gibt jüdische Dramen, alte Tradition und junger Wille sie aufzuführen sind stark, aber nur die besten Mittel, die Berlin, vielleicht auch Frankfurt, Hamburg haben, schaffen schon den klaren Weg. Die Bünde anderer Großstädte, bestem Streben zugetan* müssen naturgemäß tasten und können durch erste Versuche kein gültiges Bild geben. Das darf aber nicht ihr gutes Wollen unterbinden, im Gegenteil der schwere Anfang muß gefördert werden. In München, der Kunststadt, die soviele jüdische Begabungen ans Licht geführt hat die Zeitkrise den einst so breiten und hellen Weg am meisten beschattet, gerade weil die Ansprüche sehr hoch sind und die reiche Vergangenheit der belädenen Gegenwart sich nicht anpassen möchte. Der Anspruch muß unbedingt seine Höhe wahren, aber es gilt auch ein Entgegenkommen vom einstigen Besitz zum Möglichen. So betrachtet ist die erste theatralische Darbietung des Münchener Kulturbundes ein Verdienst. Es mag im Feuer der Urteilsempfmdlichkeit von manchen als keine glückliche Wahl empfunden worden sein, als Erstes nicht ein Werk der in Deutschland ringenden Dramatiker des Judentums zu erwecken, auch abgesehen von technischen und finanziellen Hindernissen. Der Mut, einen der Unseren zu fördern, in München, der altjungen Kunststadt, wäre schließlich durch wahre Anteilnahme belohnt worden. Aber wenn es nicht so weit sein konnte, und da es doch die Tatkraft, die überhaupt einen Anfang macht, gilt, konnte auch das Russenstück bestehen. Ein sehr starkes ist „Sonkin und der Haupttreffer" nicht, aber auch kein schwaches, und es zeigt neben deutlichen Fehlern die immer wieder bannenden Vorzüge russischer Kunst. Deshalb wurde die Komödie ja auch vom Berliner Kulturbund, zuvor von Max Reinhardt, dem bahnbrechenden Theaterkünstler, der- Aufführung wert gehalten. Es sind auch hier die schwer wägbaren Lebensreize, die ein primitives Werk zu Höhen und Tiefen führen. Semen Juschkewitsch zeigt in seinem Sonkin den armen Preisgegebenen dieser Welt, der vom Traum des Glücks, nicht von seiner fragwürdigen Erfüllung leben darf. Geld ist Hoffnung und Fluch, Seligkeit und Abgrund. Ein sauberer, anständiger Arbeiter findet die Erkenntnis, was eigentlich der Dämon Geld bedeutet, nicht. Im Bedeuten liegt aHein, was den Menschen des Besitzes froh machen kann. Sittliche Herrschaft zwingt den. Mammon in die Knie. Sonkin ist sittlich, gütig, gebefroh, aber er hat zu lange im Staube gelegen, im Traum vom Möglichen — Erfüllung stößt ihn in Unmöglichkeit zurück. Von Banknoten ist der Gewinner umgeben, er fühlt seine kleine echte Existenz verzerrt, er steht entsetzt vor der Habgier der Mitmenschen, er kann nicht zurück und nicht vorwärts. Frau und Mutter erleben, wie das arme Glückskind in Wahnsinn stürzt. Der Weg dieser Tragikomödie führt durch schwere Gefahren bis zur endlichen Wirkung. Allzu primitiv ist die Lotteriespannung, die Reaktion der Gewinner und Nichtgewinner, das übliche Lustspiel versperrt der Tragikomödie fast den Ausklang. Dennoch kommt es dazu, und darin liegt ein beacnt- Iicher Wert des Stückes. Die Aufführung, die Hugo Magnus-Groß inszeniert, gab eine wichtige Hoffnung unter dem Druck der Umstände: ein sicheres, abgestimmtes Ensemble tat den ersten Schritt. Es kann sich an künftigen Aufgaben weiterbilden. Die darstellerischen Kräfte gaben zumeist Menschliches in einem der Erinnerung . haftenden Milieu: Lilly Marschütz, Ida Kraft, Charlotte Magnus, Henny Weiß, Erich Rosenthal, Paul Kuhn, Walter Ries... Eine Entdeckung;*war Benzion Renkozis^^k^, der den^^fikin^ mit* wacHsie^dpr^-KönneEr gestaltete. Ernährte #u delpträgischen*' Schluß, er zeigte den rührenden Sinn des Rüssenstückes. Georg Hi rschfe 1 d Palästinensische Theaferprpbleme Die Tatsache, daß die Dachorganisation jüdischer Kulturbünde und die Berliner Zionistische Vereinigung — wohl zum ersten Male gemeinsam — zu einem Ausspracheabend über „Palästinensische Theaterprobleme", einluden, kann in heutiger Zeit, in der sich die Juden in Deutschland um eine würdige und befriedigende Form der Gestaltung ihres kulturellen und künstlerischen Lebens bemühen nicht unbeachtet bleiben. Im Mittelpunkt dieser Veranstaltung, die am 28. November in Berlin stattfand, stand das Referat von Frau Margot Klausner, Tel-Awiw, über „Die Habima und ihr Weg". Den meisten von uns verbindet sich mit dem Wort Habima sofort der Begriff eines ganz bestimmten Theaters. Dennoch aber ist es wichtig zu wissen wie das Theater zu seiner heutigen Existenz kam, und wo seine Probleme, auch heute noch, liegen. Frau Klausner, Vorstandsmitglied der Habima, oder — wie Dr; Kurt Singer sie bezeichnete — „die Sachwalterin und Mutter der Habima", war in ganz besonderer Weise dazu berufen, über die Habima und ihren Weg zu berichten; steht sie doch mitten in der Arbeit um dieses Theater, und hat sie doch auch diesen Weg wirklich miterlebt. Wir wollen hier nicht diesen ganzen Weg nachgehen, sondern nur einige Punkte, Meilensteine oder Merkmale herausgreifen. Die Habima begann im Jahre 1917/18 in Rußland, beim Zusammenschluß nationaler Einheiten, als eine solche Einheit und war Staatstheater. Erst als das Wirtsvolk ihr die Türen verschloß, ging die Habima in die Welt, um ihre jüdisch-nationale Mission zu erfüllen. Berlin, Amerika, Europa und dann erst Palästina! Zunächst war Palästina ein Versuch. Man bereitete hier diesem Theater einen ungeheuer herzlichen Empfang; man hatte zu ihm, das einst in Europa die erste Bresche zwischen Ost und West geschlagen hatte, kein so großes Distanzgefühl wie in Europa. Aber trotz dieser warmen Aufnahme sah die Habima noch keine Möglichkeiten eines dauernden Bleibens in Erez, zu große Schwierigkeiten hatten sich ihr entgegengestellt. Aber nach nicht zu langer Abwesenheit kehrte das Theater 1930 nach Palästina zurück, fest in dem Entschluß, im Lande zu bleiben. Was Bialik einst von der Habimaj gefordert hatte, „die Habima solle in Palästina die Mode angeben, sie solle die Sprache schaffen und den Habitus, wie die Gomedie in Paris oder, die Burg in Wien", dieses Vermächtnis Bialiks wurde jetzt akut. Sehr treffend bezeichnete Frau Margot Klausner als Schicksal des Juden neben dem steten Wandern die Assimilation und die darauf folgende Isolierung. Gleichsam unter einem Choc des Alleinseins hat die Habima lange Zeit gelitten: Veränderung der äußeren Bedingungen, andere Beziehungen zwischen Theater und Publikum. Schwierigkeiten für das Repertoire. Hatte in Rußland das Ghettto die Stücke geschrieben, so wollte man hier zunächst ein europäisches Repertoire; es ergab sich die Gefahr desjiEklektizismus. Dieser zu entgehen, kam die große jüdische, resp. antijüdische Welle in der Welt zu Hilfe. Man wollte ein aufbauendes jüdisches Programm. Die Habin$a sah ihre Aufgabe darin, ein Programm zu schaffen, in dem man die Bibel gestaltete, die jüdische Geschichte belebte. Es fehlte das aktuelle Stück, das die Probleme unseres Lebens darstellt. Nun ist das palästinensische Publikum so zwiespältig und uneinheitlich, daß man vielleicht diese aktuellen Fragen am ehesten in antithetischer Form behandeln sollte. Aber diese Form ist noch nicht gefunden. Es gibt noch kein dichterisches Werk, das das neue Palästina gestaltet. Nach diesem Bericht über die künstlerischen Fragen der Habima sprach Margot Klausner auch über organisatorische, technische Dinge, die für die Existenz des Theaters von gleicher Bedeutung sind, in diesem kurzen Bericht aber nicht interessieren dürfen. Auch die auf den Vortrag folgende Diskussion beleuchtete weiter die von Frau Klausner angeschnittenen ' Probleme. Hörte man hier, wie sich die Habima, deren Leistungen uns als in sich geschlossen, fertig erschienen, immer noch vor neue Probleme gestellt sieht und keineswegs mit sich zufrieden ist, , so 'kann man vielleicht daraus für uns hier schließen, daß es nicht möglich sein kann, sofort und ohne viele Schwierigkeiten eine Lösung zur Gestaltung unseres kulturellen, künstlerischen Lebens zu finden, Dr. Lotte Pulvermacher

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