Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 11 (1935)
- Issue
- 16 (15.8.1935)
- Date
- 1935-08-15
- Page
- Seite 353 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 16 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 353 wegen Wuchers der Garaus gemacht werden sollte. Er befreite in Innsbruck vor den beiden Fürsten die Juden von dem Vorwurf, heimlich Helfer der anrückenden Türken zu sein und verlangte zugleich eine Bestätigung der Privilegien, die Karl ihm 1520 bei seiner Königskrönung in Aachen gegeben hatte. ..für die J'üdischheit allenthalben im Reich und unseren erblichen Fürstentümern und Länder gesessen". Wer . sich gegen dies Privileg, also gegen einen Juden verging, sollte „50 Mark lötigen Goldes" Strafe zahlen, davon eine Hälfte an die Kaiserliche Kammer, die andere Hälfte an die Judenheit. Und dann in Augsburg, auf dem größten aller deutschen Reichstage, der schließlich die Bevölkerung Deutschlands durch die Augsburger Konfession endgültig in Katholiken und Protestanten spaltete, widerlegte er auf Wunsch des Kaisers den getauften Juden Antonius' Margarita und dessen judenfeindliche Schrift ..Der ganze jüdische Glaub" vor dem Reichstag, sodann vor einer geistlichen Spezialkommission derart, daß der Konvertit aus Augsburg ausgewiesen wurde. Josel erhielt darauf vom Kaiser, vor den Fürsten und Städten, welche doch die Juden hier existenzlos machen und austreiben wollten, die endgültige Bestätigung eines sehr humanen Privilegs, das fast Gleichberechtigung bedeutete (wenigstens auf dem Papier). Und er berief endlich, um die dauernden Angriffe wegen des Judenwuchers zu 'bereinigen, gleichzeitig einen jüdischenReichstag nach Augsburg, auf dem die Parnossim und Raibbinen aus ganz Deutschland erschienen, um eine „geziemende, und ehrbare Ordnung und Satzung aufzustellen", — die berühmte Augsburger Judenordnung, die in zehn Artikeln den Handelsverkehr zwischen Juden und Christen endgültig regelte, am Schluß des Reichstags öffentlich vorgelesen, bestätigt, gesiegelt und dann überallhin durch die deutschen Gaue verbreitet wurde. So stand Josel im Schnittpunkt aller großen Bewegungen, die damals Deutschland und Europa aufwühlten und umform- ten. Er rettete 1525 im Bauernkrieg seine Heimatstadt Rosheim und die elsässischen Juden vor den revoltierenden Bauern. Er warnte die dem Reichstag von Regensburg 1532 mit fliegenden Fahnen zu Verhandlungen sich nähernden messianischen jüdischen Schwärmer Reubeni und Molcho, die, als sie nicht auf ihn hörten, vom Kaiser vernichtet wurden. Josel stand schließlich in seinem härtesten Kampf gegen die Judenfeindschaft der Reformatoren. Der geübte Dispulierer versuchte immer wieder den vom Judenfreund zum Judengegner gewordenen Luther zu erreichen, aber Luther wich ihm aus. Doch gelang es Josel, im Elsaß ein Verbot der iudengegnerischen Schriften Luthers zu erwirken, besonders nachdem sich der jüdische Befehlshaber 1539 auf der Frankfurter Tagung den protestantischen Fürsten gestellt und die jüdische Sache verteidigt hatte, wobei Melanchthon, der ..Praeceptor Germaniae" ihm. dem Juden, zur Seite trat und die Unschuld der 1510 in Berlin wegen Hostienschändung verbrannten Juden aufdeckte. Dies geschah in Anwesenheit des Kurfürsten Joachim II. von Brandenburg, des Sohnes eben jenes Fürsten, der das Urteil vollstreckt hatte, so daß dieser Joachim nun zum Judenfreund wurde. Josel erlangte immer neue Schutzbriefe vom Kaiser, und zwar immer gerade dann, wenn den Juden Austreibung und Vernichtung drohte, so auch einen, in dem der Kaiser selbst sich-sregen Ritualmordorozesse erklärte. Bis ins höchste Greisenalter war Josel für seine Juden unermüdlich tätig, und noch als fünfundsiebzigjähriger Greis schloß er nach unendlichen Schwierigkeiten persönlich Verträge mit den Herzögen von Württemberg und von Bayern über das bisher in diesen-Ländern nicht vorhandene Durchzugs- und Aufenthaltsrecht der Juden. Freilich ließ sich die Befolgung all dieser Privilegien, infolge der geschwächten Macht des Kaisers im Kampf mit den emporwachsenden Autoritäten der Fürsten und Städte., .keineswegs immer sichern. Aber gerade deshalb ist es um so mehr zu bewundern, daß Josel dennoch sein Ziel durch um so zähere und emsigere Anstrengung erreichte. Dieser größte Politiker, den die Juden in Deutschland hervorgebracht haben, war ein bescheidener Mensch. Er nahm für seine Bemühungen um die Juden niemals die geringste Entschädigung an. sondern half jrity aus eigenen Mitteln. Josel scheint niemals offiziell zum .^Befehlshaber der gesamten deutschen Judenschaft" ernannfwor- INur 2 mal im «fahr können Sie so billig und vorteilhaft kaufen wie fetzt im Saison- Schluß-Verkauf des freundlichen Herrn! Nur bis 24. August. BAMBERGER & HERTZ die zuverlässigen Kleiderfachleute den zu sein, weder von den Juden, noch vom Kaiser. Dennoch wird er in den Dokumenten offiziell, immer wieder so genannt und galt unbestritten auf beiden Seiten und in ganz Mitteleuropa als der anerkannte Führer der Juden, als der „große Stadtlan" (= Sachwalter), der überdies durch trostreiche, manchmal auch durch heftig zurechtweisende Schriften seine Glaubensgenossen stützte. — eine Reichsvertretung der Juden von 400 Jahren, ein Vorbild für alle Sachwalter der Judenheit. Aus der Gemeinde München 75. Geburtstag Am 24. August 1935 feiert Herr Albert Spaeth in seltener körperlicher und geistiger Frische seinen 75. Geburtstag. Gleichzeitig sind es 65 Jahre, daß Herr Spaeth als Mitglied des Synagogenchores zur Verschönerung unseres Gottesdienstes beiträgt. In den letzten Jahren übt er auch das Amt des stellvertretenden Dirigenten aus. Wir gratulieren von Herzen und wünschen noch viele Jahre in Gesundheit und Freude. Kinder-Erholungsheim Haus Buchenheim in Söcking Post Starnberg (Söckinger Str. 31^). Tel. Starnberg 2418 Das bekannte, ärztlich und pädagogisch empfohlene Kinderheim (Leiterin: Schwester Thekla Dünkelsbühler) sieht sich gezwungen, am 1. Oktober seine Pforten für immer zu schließen, wenn nicht eine Mehr-Belegung von 5—6 Betten außerhalb der Ferienzeiten ermöglicht werden kann. Das Heim bietet erholungsbedürftigen Kindern einen gesunden Aufenthalt und beste Pflege. Eigene Badehütte. 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