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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1935-05-15 · 10 (15.5.1935) · p. Seite 227

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
11 (1935)
Issue
10 (15.5.1935)
Date
1935-05-15
Page
Seite 227 (sequence 11)
Language
German
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Mtl. Kulturbund in Bayern Ricarda Huchs „Römisches Reich Deutscher Nation" (Berlin, Atlantis-Verlag 1935) Von Dr. Lutz Weltmann. „Deutsche Geschichte" steht auf der Vorderseite von Ricarda Huchs neuem Werke „Römisches Reich Deutscher Nation". Ein zweiter Band ist angekündigt, aber der vorliegende bildet ein in sich geschlossenes Ganzes wie der Verfasserin „Der große Krieg in Deutschland" (Dreißigjähriger Krieg), „Stein" (Erwecker des Reichsgedankens) und „Alte und neue Götter" (1848). Da der erste Band vom Ausgang der Antike bis zu den Vorwehen der Reformation reicht, dürfte der zweite die Lücke von der Reformation bis zum Dreißig1]ährigen Kriege zu fühlen bestimmt sein. Aus zahlreichen Inseln wächst allmählich ein von einer Dichterin gestaltetes deutsches Geschichtswerk organisch zusammen. Organisches Wachstum zeichnet das Werden dieser Frau aus. Der Geschichtssinn, der bei der Niedersächsin früh entwickelt war, ist durch ihre Altersreife noch vertieft worden. Das Erlebnis der Gegenwart, zu deren Geschehen sie mit einer Ausnahme nie Stellung nahm, hat in ihrer Darstellung der Vergangenheit seinen .geistigen Niederschlag gefunden, und die künstlerischen Mittel ihrer Geschichtsschreibung, mit denen sie die Ergebnisse eigener und fremder Forschung neu formt, haben sich so ungemein verfeinert, daß man angesichts eines Lebenswerks miit so wesentlichen Höhepunkten, wie es das Ricarda Huchs aufweist, doch der Versuchung nicht widersteht, zu behaupten, ihre letzte Schöpfung sei die Gipfelleistung. Wie in ihren Städtebildern („Im alten Reich") ist schon die bewältigte Gelehrtenarbeit höchster Bewunderung wert, aber in ihrem neuen Buche kamen noch besondere glückliche Umstände zusammen, die das Gelingen eines Meisterwerks verhießen: Ricarda Huch vereinigt in sich glücklich die männlichen wie die weiblichen Elemente, aus denen großes künstlerisches Schaffeh sich mischt. Das Männliche kam im Werten und Prüfen der Grundlagen zu seinem Recht, das Weibliche in der Füllung des Umrisses, im Beleben der Gestalten. Ferner: das Männliche hat sich bei früheren Werken der Huch gern in der Stoffwahl geäußert, in der Latinität, die sie (wie den Juden Alfred Neumann) die Zeit des italienischen Risorgimento wählen hieß, das Weibliche hat in ihrer Gestaltung von Epochen seinen Ausdruck gefunden, in denen unterirdische Sehnsüchte und irrationale Träume um ihr Dasein ringen („Romantik", „Luthers Glaube"), in ihren deutschen Themen vornehmlich. Im „Römischen Reich Deutscher Nation" kommen das Männlich-Lateinische wie das Weiblich-Deutsche als Organisation aus römischem Erbe und als freies Spiel der Kräfte des Deutschtums beide zu ihrem Recht. „Das Römische Weltreich liegt in Trümmern, aber es ist nicht tot. Es lebt ein gesteigertes Leben, seit es nicht mehr Wirklichkeit ist; denn es ist Idee geworden. Einem Liede gleicht es, das in das Ohr eines Schlafenden dringt und ihm wunderbare Träume erzeugt. Nichts, das man am Tage hört, tönt so laut, so hinreißend; erinnert man sich wachend' seiner auch nicht deutlich, so bleibt man doch seiner unvergleichlichen Schönheit bewußt, die ewige Sehnsucht erregt." Das ist der Anfang. „So war denn das Reich, war Deutschland auseinandergefallen. Das christliche Abendland, in dem Papst und Kaiser die Völker zu einer Einheit zusammengefaßt hatten, wie heftig sie sich auch bekriegen mochten, wurde zu einem Nebeneinander von Nationen, die sich eifersüchtig, mißtrauisch, gerüstet gegenüberstanden, ohne eine von allen anerkannte Macht über sich, die sie friedlich hätte verbinden können." Das ist das Ende. Ricarda Huch fragt bei der Entwicklung der Dinge nicht nach der Schuld, sie ist keine Moralistm und Rationalistin, ihre Weisheit erkennt in der geschichtlichen' Entwicklung Naturgesetze (der jüdische GescMchtsphilosoph Nachmal Krochmal, der die hegelische Dialektik von These, Antithese, Synthese durch den zyklischen Wechsel von Aufstieg, Blüte und Verfall ersetzte, war ihr darin verwandt), sie weiß um das vitale Sein geschichtlicher Prozesse, Geschichte, ist ihr ein genetischer Vorgang jenseits von Gut und Böse. Die Spannungen zwischen Papst Gregor VII. und Kaiser Heinrich IV., zwischen Friedrich Barbarossa und Heinrich dein Löwen waren Mächte, die das Leben des Römischen Reiches Deutscher Nation bezeugten, das Verhängnis begann erst, als sie aus ihrem Gleichgewicht geraten waren. Das gibt ctem Buch die erregende Gegenwartsnähe, daß man in der bekannten Wendung vom „europäischen Gleichgewicht" so etwas wie einen allzu rationalistisch aufgefaßten Rest von einer Konzeption „Christliches Abendland" wiedererkennt und man gerade aus dem Fehlen des Irrationalen, der deutschen Komponente in dem Kräfteparallelogramm „Römisches Reich" schließt, warum das deutsche Volk mit der Idee Paneuropa so wenig anzufangen weiß. Es ist nicht nur Versailles, das es mißtrauisch Tjtäätk Sitdii üuii Batk-HttiduM ##lFfJ"7"WfJ^w»F w"ff^ wWW^r ^WwWWWF ^rw^WwW f WWMPWVWWWTW^p HiuHikfH fitoftfmriftt itoAi WWWWWW^^ßwW^ßWw ^■'wW^^nnr^vnjw^n^^F^P IB'WWnPVn^^

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