Mannheim
Compact Memory

Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1935-04-01 · 7 (1.4.1935) · p. Seite 158

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
11 (1935)
Issue
7 (1.4.1935)
Date
1935-04-01
Page
Seite 158 (sequence 14)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2727810-2728025-2728032--10015-2743318
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

158 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 7 Professor Michael Wittels, Köln Zu dem Symphonie-Konzert am Donnerstag, den 11. April für Musik wirkte, aber auch in der übrigen Musikwelt gilt er als einer der namhaftesten Klavierpädagogen. Noch mehr aber ist sein Ruf als einer der ersten Konzertpianisten in Deutschland begründet; die gesamte Fachpresse zollt ihm uneingeschränkte Anerkennung. So schrieb vor nicht allzulänger Zeit gelegentlich eines Münchener Konzerts H. Ruoff in den „Münchner Neuesten Nachrichten" über diesen jüdischen Künstler: .....man wußte schon nach dem ersten Werk, daß hier mehr als ein Pianist mit blitzblanker Technik und einem farbenreichen Anschlag, daß hier eine künstlerische Persönlichkeit mit scharfem musikalischen Verstände und feinfühlig empfindender und leidenschaftlich erglühender Seele am Flügel saß." Das Symphoniekonzert wird Sonntag, den 14. April, abends 8 Uhr in der A u g s b u r g e r Synagoge (gelegentlich der Landestagung des Jüdischen Kulturbundes in Bayern) nochmals aufgeführt. An diesem Abend übernimmt Liselott Weiß (München) den Solopart des Schumannschen Klavierkonzerts. Konzert des Münchner jüd. Volcalquarfefts Das von den Damen Sonja Ziegler und Emma Färber, sowie den Ttferren Dr. Paul Kuhn und Walter Ries gebildete Vokalquartett hat seit seinem vorjährigen Auftreten an künstlerischen Qualitäten unbedingt gewonnen, was sich nicht nur bei der rhythmisch gesteigerten Wiederholung der Brahm's'schen Zigeunerlieder, sondern auch in der sorgfältigen Vorbereitung von zwei weiteren "Quartetten von Brahms „Der Abend" und „Neckereien" dokumentierte. Besonders das erstere wurde in seiner tiefgründigen Stimmung künstlerisch ausgeschöpft, wobei man wiederholt ein feinabgestimmtes Piano bewundern konnte. In bewegten Stellen könnten die Stimmen noch mehr aufeinander abgestimmt werden. Der Vertreter der Tenorpartie trat dem Baß gegenüber öfter zu stark in den Vordergrund. Frau Färber brachte als Solistin neben zwei vielleicht zu bekannten Liedern von Mendelssohn als Neuheit „Die rote Rose" von Max Ettinger, welcher in München kein Unbekannter ist und in der Vertonung eines Gedichts von Li-Tai-Pe stilistisch sich als bedeutenden Repräsentanten des Impressionismus bekannte. Mit der stimmprächtig vorgetragenen Segensarie der Fides aus Meyerbeers Prophet konnte die geschätzte Künstlerin auch ihre dramatischen Qualitäten vorteilhaft zur Geltung bringen. Walter Ries vermochte sich, durch eine anfängliche Indisposition behindert, in einem Lied von Schumann noch nicht so recht zu entfalten, dagegen gelang es seiner reifen Vortragskunst zwei Liedern von Josef Z i e g 1 e r zu starkem Erfolg zu verhelfen. Die Musik zum Heine'schen Gedicht „Es war ein alter König", im Balladenstil gehalten, wirkt mehr untermalend als gestaltend. Dagegen verriet die Vertonung des Goetheschen „Fischer" stark persönliche Eigenart. Aparte Harmonien, welche mitunter an Hugo Wolf gemahnen, umreißen die Grundstimmung. Mit dem Gesang der Nixe steigert sich der Vortrag zu bewegter Eindringlichkeit, um schließlich in der Einsamkeit des Anfangs wieder auszuklagen. Josef Ziegler, welcher am Flügel begleitete, ward sich selbst sein bester Interpret. Im zweiten Teil des Programms überraschte Sonja Ziegler mit dem ausgezeichneten Vortrag jiddischer Volkslieder, welche nicht nur stimmlich, sondern auch in ihrer Charakteristik, zum Teil von graziösem Humor durchdrungen, ganz famos herauskamen. Das rhythmisch geschlossene Quartett vom „Zigele" aus der Hagadah beschloß den abwechslungsreichen Abend, für dessen Ei-nstudierung Josef Ziegler mit sämtlichen Mitwirkenden warme Anerkennung fand. Ba. Konzerf des Frey-Quarfetfs (Streichquartett des Berliner Kulturbund-Orchesters) Dem erstmaligen Auftreten dieses ganz vorzüglich aufeinander eingespielten Quartetts in München danken wir die Bekanntschaft mit dem äußerst interessanten Streichquartett von Ernest Bloch. Ein neueres Werk dieses bedeutsamen Künstlers wäre uns noch wertvoller gewesen, denn diese Arbeit wird doch zu sehr von den Einflüssen eines wohl auch vom Komponisten selbst längst überwundenen Impressionismus beschattet. Neben ausgeprägter Rhythmik dominiert in dieser Partitur ein üppiger Farbenreichtum, wodurch dem Stimmungsmäßigen die Vorhand gelassen ist. Dabei tritt mitunter eine starke Abhängigkeit von Strömungen zutage, welche uns heute, wenig innere Werte geben, obwohl sie vor wenigen Dezennien die musikalische Literatur noch magisch beeinflußten. Die Farbenskala von Debussy bis Stravinsky feiert hier Auferstehung, wodurch der Originalität des Werkes Albbruch geschieht. Für diese phantastische Auseinandersetzung zwischen Ruhe und Kampf strebt Bloch eine adäquate Form des Ausdrucks an; er gerät dabei mitunter mehr ins Breite, als es dem schöpferischen Gehalt der Thematik zuträglich erscheint. Dessenungeachtet zeugt das Werk für einen Vollblutmiusiker von starkem Können. Der große Eindruck auf die Hörerschaft war nicht zuletzt auf die vollendete Wiedergabe durch die Herren Willy Frey (1. Violine), Basia Polischuck (2. Violine), Manuel Steuer (Viola) und Stefan Auber (Violoncello) zurückzuführen. Man bewunderte bei diesen Spielern jene homogene Geschlossenheit des Ausdrucks, die wir im Beethoven'schen C-dur-Streichquartett op. 59 Nr. 3 gelegentlich noch vermißt hatten. Willy Frey, im Ton mitunter zu spitz, hatte die Führung allzusehr dem ganz hervorragenden Cellisten (prachtvolles Pizzicato!) überlassen. Auch dem tüchtigen Bratscher gelang es erst im Bloch'sohen Quartett seine Persönlichkeit zu erweisen. Das unbeschwert freundliche F-dur-Quartett von Dvorak (op. 96), mit virtuoser Lebendigkeit vorgetragen, beschloß den genußreichen Abend.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.