Mannheim
Compact Memory

Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1935-03-15 · 6 (15.3.1935) · p. Seite 132

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
11 (1935)
Issue
6 (15.3.1935)
Date
1935-03-15
Page
Seite 132 (sequence 16)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2727810-2728025-2728031--09991-2743290
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

132 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 6 Aus diesen weltlichen Bearbeitungen der heiligen Schrift, weltlich nicht nach ihrem Inhalt, sondern nach Ihrer Form und nach dem Ziel, sie als Unterhaltungsstoff zu gestalten, ist eine gute Kenntnis der damaligen deutschen Literatur zu ersehen. Nicht nur die literarische Form: Stropheitbau. Rhythmus, Metrik und Melodie wurden entlehnt, auch der Text weist mannigfache Beeinflussungen auf; in der jüdischen Spielmannsbearbeitung des Josua-Buches werden die kämpfenden Juden mit Dietrch von Bern verglichen. Der jüdische Volkssänger, der Spielmann, hat sich zunächst ebenso wie der nichtjüdische aus Spaßmachern und „Narren" rekrutiert, und seinen „Kunden", den Thoraurakuiidigen und" den Frauen, Belustigung und Unterhaltung geboten. Diese beiden letzteren Gruppen suchten nun Gelegenheit zu Kurzweil und profanen Vergnügungen — dies bot ihnen am ehesten das Purimf est. An diesem Tage darf man, sich ja belustigen und eine Vorschrift lautet: man trinke so lange, bis man nicht mehr unterscheiden kann zwischen „verflucht sei Haman" und ^gesegnet sei Mordechai". Schon im 5. Jahrhundert pflegten Juden nach der Vorlesung der .,Megillah" am Purim auf dem Schulhof unter allgemeinem Spott und Hohn eine Figur, die Haman darstellte, aufzuhängen. Später geriet dies infolge der Verbote der Regierungen in Vergessenheit und erst eine Quelle aus dem 18. Jahrhundert weiß von etwas Ähnlichem zu erzählen. Im Osten war es noch bis vor kurzem üblich, in den Bethäusern die Figur des Haman mit Kreide aufzuzeichnen, um sie nachher abzuwischen. Während des Megillahlesens pflegte man die Nennung des Namens Haman mit Klopfen zu begleiten. Aber noch andere und viel wichtigere Unterhaltung bot das Purimfest, auf die die christlichen Belustigungen während des. Karnevals abgefärbt haben. Auch Juden beginnen sich zu verkleiden und Maskenzüge zu veranstalten. Rabbiner erlauben im 15. und 16. Jahrhundert den Männern trotz des Verbotes der Bibel, am Purimfest Frauenkleider anzulegen. Nach der damaligen Sitte war es üblich, daß sich bei großen Mahlzeiten Spaßmacher und „Narren" einfanden, was sich nun auch bei den Juden am Purim einbürgerte. Die jüdischen Spielleute. Narren und Spaßmacher trugen bei diesen Mahlzeiten ihre „Kunst" vor, sangen Lieder und gaben Rätsel auf. Diese Darbietungen wurden, sicherlich wieder unter dem Einfluß der christlichen Fastnachtsspiele, in Narrenkostümen, später auch in anderen Kostümen vorgeführt. Von hier bis zur szenischen Darstellung ist nur ein Schritt. Auch der nichtjüdische Brauch des ..Narrenfestes", einen „Papst" zu wählen, der verpflichtet ist, die Umstehenden durch Spaß und Witz zu belustigen, hat seinen Niederschlag bei der jüdischen Purimfeier gefunden, schon im Mittelalter war es üblich, einen ..Purimrabbiner" zu wählen, der bei den gebotenen Belustigungen die zentrale Figur bildete. Die natürlichen Verbündeten der jüdischen Spaßmacher waren die jüdischen Musiker. Durch Musikbegleitung konnten ]ene ihre Kunst besser zur Geltung bringen. Ihnen gegenüber standen die Hilfssänger in den Synagogen und die Talmudjunger, die jüdischen „Scholaren", die stets bereit waren, bei gegebener Gelegenheit etwas durch ..Spaßmacherei" zu verdienen. Der Ubergang von der „Spaßmacherei" in der entsprechenden Maske zu größeren oder kleineren szenischen Darbietungen war daher schon sehr leicht. Und wie die jüdischen Spielleute der früheren Epoche schöpften auch die „Spieler" ihren Stoff aus der Bibel — die Form dagegen war von der Umwelt entlehnt. , Nach den Passionsspielen und Mysterien des ausgehenden Mittelalters beginnt mit der Reformation die Dramatisierung der Stoffe des Alten Testamentes. Zunächst folgt man genau dem Bibeltext und flicht nur moralisierende, manchmal auch polemisierende Stellen gegen den Katholizismus ein. Schon in den Mysterien war man gezwungen, komische Figuren einzuführen, um die Aufmerksamkeit der Zuschauer zu fesseln. Das wurde von den Fastnachtsspielen weiter ausgebreitet. Bei den englischen Komödianten, die zu Beginn der Neuzeit in Deutschland ihre Vorstellungen gaben, fand das possenhaft0 Element no'ch stärkere Pflege und wurr>e al<= spezieller Teil (ln'prmezzo) eingefügt. Die jüdische Belustigung am Purimfest die wie gesagt, von dem nichtiüdischen Karneval und der Fastnacht stark beeinflußt war. fand nun in Deutschland sehr leicht Zugang zu diesen deutschen biblischen Dramen und Singspielen. Schon die Sprache (das Jüdisch-Deutsche) ermöglichte ohne große Änderungen die Übernahme ganzer Partien. Man mußte aber teilweise umstellen, um diese Ubernahmen dem jüdischen Geist anzupassen; andererseits wieder waren diese jüdischen Schöpfungen doch nur für den eigenen Gebrauch bestimmt und daher erlaubte man sich, solche Fragmente deutschen Ursprungs mit Szenen, die man aus dem Midrasch holte, zu verbinden. Dabei erfuhren auch die Personen der Dramen mannigfache Umgestaltungen. In dem jüdischen „Ahaschweroschspiel" wurde die Figur des Hanswurst mit der Figur des Mordechai vereinigt und Mordechai tritt einmal als Vorsteher der Juden, dann wieder als Spaßmacher und Narr auf. Wie aber aus Fragmenten nicht mehr erhaltener jüdischer Purimspiele hervorgeht, war die Figur des Mordechai zunächst von der des Spaßmachers getrennt. Dieser trug den Namen „Prinz Mondrisch" und wohl erst die Spieler selbst haben die beiden später in eine Figur zusammengeschmolzen. Außer der Ähnlichkeit der Namen mag dabei noch mitgesprochen haben, daß die jüdischen wie die niehtjüdischen Spieler die Kunst in die Häuser trugen und dadurch gezwungen waren, ihr Ensemble möglichst zu verkleinern. „Mordechai der Jude" war nun am besten geeignet, den, Spaßmacher zu verkörpern und scharfe Witze auf Rechnung der Nichtjuden zu machen. Die erhaltenen jüdischen Purimspiele reichen nicht weiter als bis zum Schluß des 17. Jahrhunderts zurück. Aber sie sind schon Aufzeichnungen der „traditionell" erhaltenen Spiele, die bereits durch die - „Praxis" entstellt worden sind. Außer den Spielen mit der komischen Figur gab es noch solche, die m ganz ernstem Ton gehalten waren. Davon sind nur wenige bekannt : ein gedrucktes Fragment und eine letztens' vorn Schreiber dieser Zeilen aufgefundene Handschrift, die aus Frankfurt am Main stammt und um die Mitte des 18. Jahrhunderts niedergeschrieben wurde. In diesen „ernsten" Spielen versucht man die Zuschauer dadurch zu fesseln, daß man Gerichtsverhandlungen und Hinrichtungen auf. die Szene bringt, abermals vom deutschen biblischen Drama und den Haupt-und Staatsaktionen beeinflußt. Solche szenische Effekte erforderten selbstverständlich schon eine Bühne, wenn sie auch noch so primitiv gewesen sein mag. Und tatsächlich gibt manches Aufschluß über Aufführungen auf einer solchen Bühne. Schudt weiß von Gastspielen in Frankfurt zu Beginn des 18. Jahrhunderts zu erzählen, die von einer wandernden jüdischen. Truppe veranstaltet wurden. Dieselbe Truppe hat auch Gastspiele in Metz gegeben. Einem Titelblatt der Prager Ausgabe der „Akta Esther mit Achaschwerosch" (1720) ist zu entnehmen, daß die Schüler der Jeschiwah des Prager Rabbiners David Oppenheim dort dieses Stück in einem Theater aufgeführt haben. Der Abschreiber der oben erwähnten Frankfurter Handschrift informiert uns auch über Aufführungen in Frankfurt um die Mitte des 18. Jahrhunderts. Diese wandernden Truppen und die Spieler, die die Kunst ins Haus getragen haben, haben den Text der Purimspiele verschieden umgestaltet. Das Ziel war doch die Unterhaltung der Zuschauer und darum fügte jeder seine eigenen Witze hinzu, die oft sehr geschmacklos und noch mehr derb waren. Es war ja auch kein festgesetzter Text im Sinne eines modernen Dramas vorhanden. Und noch eines: die „Spieler" setzten sich aus Personen der niedrigeren Schichten zusammen und diese fügten oft Witze und Parodien auf die verhaßten Reichen und Gemeindevorsteher hinzu. So wurde der Text allmählich verdorben, bis er zu einem Konglomerat der mannigfachsten Geschmacklosigkeiten und Derbheiten wurde. Dies und die Gefahr für die Reichen, dem Spott der Spieler ausgesetzt zu sein, beschwor den Zorn der Gemeindevorsteher gegen die Spiele herauf. In Frankreich verbrannte man sogar die Exemplare. Aber auch seitens der Staatsgewalt waren die jüdischen Aufführungen mannigfachen Angriffen ausgesetzt. So wurde im Jahre 1705 in Brandenburg die Vorführung einer solchen „Komödie" untersagt und ein Jude, bei dem sie im Geheimen gespielt wurde, mußte 70 Taler Strafe zahlen. In Frankfurt wurde die Aufführung ries Purimspiels sogar in seiner ernsten Fassung schon im Jahre 1751 verboten. Mit der ..Aufklärung" und der modernen Kultur verschwanden dann vollends diese Spiele in West- und Osteuropa. -.„

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.