Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 11 (1935)
- Issue
- 5 (1.3.1935)
- Date
- 1935-03-01
- Page
- Seite 108 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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«108 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 5 Am Stachus Neuhauserstr. / Weinstr. Dachauerstr. / Reichenbachstr. Fachgeschäft für Wäsche und Strümpfe Niemand bietet mehr! Büdierschau Kriegsbriefe gefallener deutscher Juden. Berlin, Vortrupp- Verlag 1934. Der Reichsbund 'jüdischer Frontsoldaten hat sich Verdienst und Dank erworben,' wenn er in diesem würdigen Buch jetzt noch einmal die Stimme derer ertönen läßt, die vor zwanzig Jahren für immer verstummten, — jäh auf dem Schlachtfeld oder nach schwerem Todeskampf im Lazarett. Die im Weltkrieg gefallenen Juden wenden hier noch einmal lebendig in Briefen, in Gedichten, in Zeugnissen ihrer Vorgesetzten, und dieser Chor der Toten bedeutet Rechtfertigung und ein Dokument einheitlichen Fuhlens vieler deutsch-jüdischer Menschen, ein Dokument der Menschlichkeit als Testament an 'die Menschheit. Zwei große Motive klingen durch diese Zeugnisse: das Bewußtsein der Pflichterfüllung und das Wissen um den nahen Tod. Mit unheimlicher Sachlichkeit schildern die jüdischen Soldaten ihre Taten und Empfindungen, als unpathetische, selbstverständliche Erlebnisse. Ein Student schreibt: „Ich war Tankgeschützführer, habe meine Pflicht und Schuldigkeit bis zum letzten Augenblick getan... Wir waren über zehn Stunden unter der Gasmaske... Ich selbst habe ziemlich Gas erwischt und habe sehr mit Atemnot zu kämpfen. Alle zwanzig Meter mußte ich wieder zehn Minuten verschnaufen. So habe ich denn bis zu unserer Batterie volle vierundzwanzig Stunden gebraucht Zweiundvierzig. Stunden hatte ich nichts über die Lippen gebracht, ein langer Jaum Kippur." Einige Tage später war er an dieser Gasvergiftung gestorben. Am ergreifendsten wirken auf den heurigen Leser jene letzten Briefe, die in Ahnung oder Bewußtsein des nahen Todes geschrieben wurden. Der Dichter Walter Heymann beichtet drei Tage vor seinem Tode seiner jungen Frau: „Mein Leben wäre ganz Anfang, wenns -bald enden sollte; Wie es auch komme, mir ist Frieden in der Seele." Und ein ganz Junger nimmt von seinen Eltern Abschied: „Falls dieser Brief in Eure Hände gerät, bin. ich nicht mehr am Leben. Dann bin ich, wie schon so viele meiner Kameraden, fürs Vaterland gefallen, und das ist, meine ich, ein Tod, den man mit demselben' Opfermute sterben kann, wie den für die Religion, den so viele unserer Ahnen starben." - Zu diesen Abschiedsbekenntnissen gehören auch die eingestreuten Gedichte, die alle vom baldigen Tod sprechen. „Die Fahnen flattern, blau blitzt die Luft — morgen vielleicht schon deckt uns die Gruft" (Seligsohn.) All diesen gefallenen Juden könnte das Schlußwort des Briefes gewidmet sein, in dem ein Divisionspfarrer den Tod eines Oberarztes dessen Vater mitteilt: „Das Wort des Herrn Jesu, dem ich -dienen darf, und das einst dem Nathanael galt, möchte ich auf unsern lieben Dahingegangenen anwenden: Siehe ein rechter Israeliter, in welchem kein Falsch ist!" Und allen jüdischen Kriegsgefallenen ist zu Beginn des Buches das feierlicheinfache Blatt gewidmet, das der eben entschlafene Max Liebermann für sie gezeichnet hat: an einer Bahre sitzt eine trauernde Mutter in ernster Landschaft, und über alles senkt sich die schwarz-weiß-rote Fahne des Landes, dem diese Toten entstammten, für das sie starben. —s WANNER & HECHT hof-schneider 40 Jahre.Qualitäts-Arbeit 1895 — 1935 Dienerstraße 9 . Fernruf 24972 Das AHjah-Spiel. Herausgegeben vom Keren Kajemeth Lejisrael, Vertrieb'der Buchhandlung Kedem, Berlin. Preis RM. 1.20. Das Bedürfnis nach Büchern und Spielen jüdischen Inhalts ist gegenwärtig so stark, daß es bis jetzt noch nicht im vollen Maße befriedigt werden konnte. Eine wertvolle Förderung dieser wichtigen Aufgabe bedeutet die Herausgabe des „Alijah- Spieles" durch den Keren Kajemeth Lejisrael. Es führt die Kinder im Spiel von Deutschland nach Erez Jisrael und macht alle Schwierigkeiten und Freuden der Alijah lebendig. Die hübsche, farbenfreudige Zeichnung von Wallisch-Tel-Awiw gibt ein frisches und einprägsames Bild der Landschaften durch die und in die man reist. Sicher wird das Spiel bei Anlässen der nächsten Zeit vielen Kindern als Geschenk Freude bereiten. Die Denkwürdigkeiten des widerspenstigen Propheten Jona. In dem jungen Kunstverlag Dr. Herbert Loewenstein ist vor kurzem eine kleine Mappe erschienen, die in ihrer Art kurios ist: Der jüdische Maler Ludwig Schwerin unternimmt es, das Buch Jona auf seine Art zu illustrieren. Es geschieht auf eine besinnliche und humorvolle Weise, mit einem fabulierenden Griffel auf den Stein. Schwerin hält sich dabei weder an die Vorstellungswelt, noch an den Stil der Bibel, und wer in dieser Hinsicht nicht empfindlich ist, dem mag es so recht sein. Das Originelle an .dieser Mappe ist, daß das Buch Jona als eine Reisereportage aufgemacht ist, daß das Heroische des Bibelstoffes vor dem Menschlichen dieses „widerspenstigen Propheten" zurücktritt, und daß hierbei der Humor auf seine Kosten kommt. Bilder wie die Abfahrt nach Tharsis oder die Predigt Jonas auf dem Marktplatz von Ninive sind gewiß ergötzlich anzusehen, wenn man auch über einige Details, die nur knapp an einer Blasphemierung des Stoffes vorbeikommen, anderer Meinung sein kann. Das Erfreulichste an dieser Bilderfolge ist der gut durchgehaltene erzählerische Nerv und ihre besondere Lebendigkeit. Die trauernden Tiere in Ninive oder der resignierte Prophet unter dem' Rizinusbaum nach seiner Predigt in Ninive sind mit einer Eindringlichkeit gezeichnet, die überrascht. Weniger erfreulich ist der handschriftlich mitlithographierte Text unter den Bildern, der weder das Lesen erleichtert, noch eine ästhetische Aufgabe zu erfüllen hat. Wäre ich der Verleger, ich versähe die Neuauflage mit einem klar gedruckten Text Die Mappe ist als Purimgeschenk besonders zu empfehlen. Sie ist gehaltvoll, launig und wirklich preiswert — und zu ihrer Ehre sei gesagt: je öfter man sie durchblättert, um so mehr reizvolle Einzelheiten entdeckt man in ihr. nri „Der Morgen." Monatsschrift der deutschen Juden. (Philo-Verlag, Berlin W 15. Jahrg. 10, Heft 11.) Jahresabonnement 12 RM., Einzelheft 1 RM. „Der Morgen" hat in der Reihe seiner Sonderhefte diesmal ein besonders wichtiges Thema herausgegriffen: er behandelt die Frage der Bildung von verschiedenen Seiten aus. Der Leitartikel zeigt die der Bildung feindlichen Zeitströmungen auf und erweist ihnen gegenüber die jüdische Verpflichtung zur Bildung, als „Ewige Aufgabe". Das zentrale Gebiet der „Bildung und Weltanschauung" klärt Martin Bub er in scharf antithetischer Formulierung. Er wendet sich gegen die unechte Vorwegnahme von „Ergebnissen", die die Ziele der Bildung vorzeitig verengen, anstatt sich der Bildung in ihrer Totalität zu stellen. Er weist der Bildung die Aufgabe zu, sich über jede Weltanschauung hinaus und zur Vertiefung jeder Weltanschauung mit dem Ganzen der Welt und der Wirklichkeit des Judentums auseinanderzusetzen. I g na z May bäum verficht „Die Legitimität des Geistes gegenüber dem Glauben" in seiner temperamentvollen Weise. Fritz Friedlaender untersucht die Möglichkeit einer jüdischen „Kulturautonomie" und kommt im Hinblick auf die gegenseitige Bedingtheit aller Kulturkreise zu einem weitgehend negativen Ergebnis. Wichtige Eirizelfragen behandeln Paul Eppstein: „Zur Problematik der jüdischen Erwachsenenbildung", Kurt B e r g el: „Religiöse Jugenderziehung", Fritz Bamberger: „Zur Forderung einer jüdischen Pädagogik" und Kurt Julius Riegner: „Brücken zum Deutschtum". Es ist unmöglich, im Rahmen einer kurzen Besprechung den Inhalt eines so ernsthaft um die Tiefe der Probleme und das