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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1935-03-01 · 5 (1.3.1935) · p. Seite 106

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
11 (1935)
Issue
5 (1.3.1935)
Date
1935-03-01
Page
Seite 106 (sequence 14)
Language
German
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106 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 5 Quellen heran und ordnet sie nach ihrer doch vielfach umstrittenen Entwicklung — dabei konnte ihr der Golemartikel von Gerhard Scholem. in der Encyclopaedia Judaica Bd. VII wertvolle Dienste leisten. Sie mußte auch die Sagengeschichte hier aufs Neue darlegen, wollte sie die einzelnen Momente herausheben, die für die Dichtung maßgebend wurden. * * # Die Sage vom Golem bietet ein selten packendes Beispiel dafür, wie eine Überlieferung, die schon aus talmudischer Zeit stammt, sich durch alle Perioden der Geschichte fortpflanzt und noch heute im Volksbewußtsein, der Juden — und ich möchte gleich hinzusetzen: im geistigen Bewußtsein vieler nichtjüdischer Dichter und Mystiker — lebt. Zu der ursprünglichen Bezeichnung eines „Unförmigen und Unfertigen", die sich schon in einer schwer deutbaren Bibelstelle findet, kam die Sage vom künstlich geschaffenen Menschen — vom Homuneulus, den ja auch andere Völker und Dichtungen, kennen. Wie aber der Homunculus sich mit Faust verband, dem Magier, dem Astrologen, so suchte sich die jüdische Homuhculus-Sage den jüdischen Faust aus — den geheimnisvollen Hohen Rabbi Low aus Prag. Es bleibt auch in der besonnenen und gründlichen Darstellung Beate Rosenfelds ein ungelöstes Problem, wie die Sage vom Rabbi Low, die nach Scholem erst im 18. Jahrhundert entstand, dazu kam, sich gerade an einen Mann zu knüpfen, der ganz außerhalb aller kabbalistischen Tradition stand. Jehuda Low ben BezaleL, der bedeutende Ausdeuter der Agadah, der Moralist und Prediger — wie kommt er in den Ruf eines Zauberers und Kabbalisten? — Dies volkskundliche Rätsel wird auch bei Rosenfeld nicht gelöst. Vielleicht, daß doch seine erwiesenen astronomischen Studien (es heißt ja in alten Quellen sogar eine Mondformation nach ihm), sowie seine geheimnisvolle Audienz bei dem wundergläubigen Kaiser Rudolf nun zusammengewirkt wurden mit der gerade zu seiner Zeit erfolgenden Rechtfertigung der Prager Juden vor der als Lüge erkannten immer wieder auftretenden Ritualmordbeschuldigung. Genug — er wurde der Volkssage zum Schöpfer des „küntlichen Menschen", des Golem; übrigens nicht er allein, sondern auch der Chelmer, der Gaon Elijahu von Wilna, der Beseht und andere. Keinem aber wars bestimmt, in der Literatur der Juden und der Nichtjuden die gleiche fortwirkene Rolle zu spielen wie dem Rabbi Low. ' Drei Motive der Sage lassen sich in ihrem Fortwirken voneinander trennen: die Schöpfung des Golem, sein Knecht tum und die endlich eintretende Katastrophe. Diese drei verschiedenen Elemente wirken bis in die Golem- Dichtungen, und Golem-Betrachtungen der allerletzten Zeit fort. Denn der Golem wird zum Sinnbild der Naturgewalt, die sich aufbäumt gegen den Geist. Und so mußte eine Zeit, die sich selbst gegen die Mechanisierung, die von der Materie her drohte, empörte, hier ein besonderes Sinnbild entdecken; sehr interessant, in welcher Abwandlung z.B. dies Motiv etwa bei Walter Rathenau erscheint — um nur einen einzelnen Fall aus dem überreichen Stoffgebiet zu nennen. "Hier wäre vielleicht auch ein Blick auf Goethes Golem- Dichtung zu werfen gewesen, den allbekannten „Zauberlehrling". Gewiß, das Wort „Golem" erschient hier nicht. Aber der „Hexenmeister" ist da, der aus einem Besen (also aus einem rohen Stück Holz) sich den gefügigen) Diener schafft; und auch die Katastrophe der Überschwemmung erinnert fast wortgetreu an eine Fassung aus den „Wundern", die auch B. Rosenfeld erwähnt. Als Quelle Goethes wird allgemein Lucian angegeben; aber sollte nicht vielleicht durch Herder, den Kenner rabbinischer und talmudischer Sagen auch diese Golem-Sage dem allzeit Aufmerkenden zu Ohren, gekommen sein? * * * Eine wahre Blütezeit erlebte das Golem-Motiv dann aber in der deutschen Romantik, und zwar ebenso sehr in der ursprünglichen Romantik, die im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts ihre Träume träumte und ihre Bücher schrieb, wie in der Neuromantik um die Wende des 20. Jahrhunderts. Hier eint sich mit dem Golem-Motiv noch das Doppelgänger-Motiv, wie B. Rosenfeld meint, aus der „inneren Verbundenheit des Geschöpfes mit seinem Meister" zu erklären — was mir nicht ganz glaubhaft erscheint. Mich dünkt vielmehr, als habe die Romantik, deren Grundproblematik in der Spaltung des Ichs lag — von hier aus ist ja auch vorwiegend die berühmte romantische Ironie zu. erklären —, hier eines ihrer eigenen Probleme an das ihr vorliegende und sie geheimnisvoll lokkende Golem-Motiv herangebracht. Auch Heids Hypothese (s. o. S. 43 und Held, Das Gespenst des Golem, München 1927) überzeugt mich nicht ganz. Der Doppelgänger, der „Automat", ist eine romantische Beigabe, wie man m. E. deutlich aus den romantischen Dichtungen sieht, in denen dies Motiv auch ohne das Golem-Motiv immer wiederkehrt. Als ich in Annette von Drostes fast unleserlichem Konzept zu ihrem Gedichte „Die Golems" neben den „wandernden Gebilden ohne Blut" in Klammern „starren Automaten" fand, da ergab sich der Zusammenhang mit romantischen Dichtungen wie etwa E. T. A. Hoffmanns „Automate" (vgl. meine Ausgabe der „Gedichte" von A. v. D.-H., Bd. I, 2, S. 490, München, G. Müller, 1925, die bei B. Rosenfeld irrtümlich als „herausgegeben von Schulte- Kemminghaus" zitiert wird [a. a. O. S. 75 und 76]). — Freilich hat wohl Annette von Droste-Hülshoff den Stoff nicht, wie ich damals annahm, etwa persönlich von wandernden Handelsjuden, wie sie in ihrer Judenbuctie eine Rolle spielen, übernommen; sondern sie hat die Golemsage, wie B. Rosenfeld meint, bei Arnim gefunden — wie ich heute vielleicht noch eher annehmen möchte: sie hat den Stoff der Grimmschen Einsiedler-Zeitung entnommen, oder ihn selbst von den Brüdern Grimm gehört, mit denen sie ja lange Zeit eng befreundet war. Jedenfalls ist es merkwürdig, welche Rolle jüdische Stoffe bei dieser adlig geborenen westfälischen Dichterin spielen — es ist manchmal fast, als ob sie den alten Uradel der Juden selbst bei den verachteten Hausierern der Landstraße ahnte: so etwa in der berühmten Novelle „Die Judenbuche", die Gundolf einmal als das bleibendste ihrer Werke bezeichnete, wo die Juden und ihr Urteilsspruch nichts. Geringeres als die ewige Gerechtigkeit darstellen. Es stimmte mir gut zu solchen Ahnungen, daß ich einmal unter den Entwürfen der Annette v. Droste auch eigene hebräische Schreibübungen fand, die offenbar sich auf den hebräischen Spruch am Ende der Judenbuche bezogen. Beate Rosenfeld hat richtig erkannt, daß die Droste von sich aus gegenüber den früheren Bearbeitungen zu einer neuen Kontrastierung der Golem-Menschen gelangt: der nur scheinbar lebenden, in Wahrheit seelisch abgestorbenen; eigene schmerzliche Erlebnisse verkörpern sich ihr hier im uralt jüdischen Bilde. * * * Es ist unmöglich, aus diesem überreichen Buche mehr als einzelne Fragmente herauszugreifen. Die Methode der stoffgeschichtlichen Betrachtung, in der B. Rosenfeld sich Alewyn nähert, führt sie dahin, in der Behandlung selbst ein Spiegelbild der sich wandelnden literarischen Epochen zu finden: in der rationalistischen Zeit wird die Sage polemisch und satirisch, in der erwachenden neuen Romantik mystisch behandelt, wovon besonders der viel gelesene Golem-Roman von Meyrink Zeugnis ablegt. Aber die Urkraft dieses alten Stoffes scheint noch immer nicht erschöpft: während ihn das vorliegende Buch bis zu dem Wegnerschen Film hin verfolgt — die Gestalt Wegners ist' seitdem für wohl jeden, der den Film damals oder jetzt sah, zum unvergeßlichen Urbilde des Golem-Menschen geworden — so hat, seitdem das Rosenfeldsche. Buch erschien, der Stoff bereits wieder zwei neue Bearbeitungen erfahren. Eine Erinnerung daran findet sich in dem ungeschlachten und bärenstarken Diener des Prager Rab¬ bis in dem kürzlich erschienenen Roman Gerson Sterns „Weg ohne Ende". Und eben kündigt Hermann Sinsheimer eine neue Bearbeitung an unter dem Titel „Kaiser, Rabbi und Golem". * * * Man sieht,. daß dieses dankenswerte Buch eine Fülle von Gedanken erweckt, die hier kaum angedeutet werden konnten. Die junge Verfasserin hat darin eine sehr erfreuliche erste Probe ihrer wissenschaftlichen Begabung gegeben. Sie hat sich seitdem, wie man hört, andern Aufgaben zugewandt. Aber, da man nach dem alten jüdischen Sprichwort „aus einem gescheiten Bachur alles machen kann", so hoffen und erwarten wir mit Zuversicht, daß sie auch diese neuen Aufgaben, die ihrer im Lande Israel warten, mit gleicher Sicherheit und Zuverlässigkeit erfüllen wird, wie sie die Aufgabe, ein Bild von der' Wandlung und Verwertung der Golemsage zu geben, gelöst hat. Und wir wünschen ihr Glück auf ihrem neuen Wege. Dr. Bertha Badt-Strauß.

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