Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 10 (1934)
- Issue
- 23 (1.12.1934)
- Date
- 1934-12-01
- Page
- Seite 506 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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506 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 23 Synagogen Iconzerf des Kulfurbundes Israel Alter und der Synagogen-Chor Das von Kapellmeister Josef Ziegler mit großem Geschick ausgewählte, meist liturgische Programm begegnete gerade um deswillen besonderem Interesse, weil es jüdische Musik bieten wollte. Wirft die Frage auf: Gibt es überhaupt jüdische Musik? Ist Musik schon um deswillen als jüdisch anzusprechen, weil deren Autor Jude ist? Wohl haben sich jüdische Melodien in der Liturgie Generationen hindruch vererbt und erhalten. Über das Alter dieser Klänge lassen sich unbestreitbare Feststellungen nicht treffen. Überdies sind sie Gegenstand mannigfacher Bearbeitungen geworden. Unvermeidlich blieb, daß trotz eifrigsten Bestrebens, den Charakter der altiüdischen Weise nicht anzutasten, die Zeiteinflüsse dennoch manche Primitivität beseitigten. Und je stärker die Persönlichkeit der meist im Fahrwasser westeuropäischer Kultur steuernden Bearbeiter künstlerisch sich auswirken wollte, um so mehr mußten hierducrh dem Zeitgeist Konzessionen eingeräumt werden. Je geschlossener die Künstlerschaft des Nachschaffers, um so mehr mußte der ursprüngliche Gedanke sich seines altiüdischen Charakters eniäußern. Dessen ungeachtet haben vergangene und gegenwärtige Generationen an Werken neujüdischer Kuns,t wie z. B. des Wiener Sulzer oder unseres berühmten Oberkantors Emanuel Kirschner jene tiefe Sammlung gefunden, welche sie befähigten mit ehrfürchtigster Andacht ihrem Gottesdienste zu obliegen. Das Chor-Programm eröffnete Sulzers einprägsames „Ono towo" für gemischten Chor, an welchem neben dem aparten chasonischen Thema besonders der Aufbau des Werkes besticht. Von Kirschner brachte man ein in seinen Gegensätzen beinahe dramatisch anmutendes und besonders in der Chorbegleitung eindrucksvolles „B'rosch haschonoh" für Solo, Chor und Orgel, welches in der klassischen Interpretation durch seinen Autor selbst noch in bester Erinnerung steht. Rosenblatts lineares „Elohai ad schello" und I. Alters warmfühlendes „Jaal eh" bedeuteten schon dank der noch später zu besprechenden Ausführung durch Israel Alter ganz besondere Höhepunkte des Abends. Josef Zieglers „Ma towu" für Solo, Chor und Orgel zeichnet sich durch starken Stimmungsgehalt aus, wenn auch die zwar originellen, jedoch an Glockengeläute mahnenden, von einem Baßkontinuo gehaltenen Stimmen dem jüdischen Charakter des Werkes sich zu entfremden schienen. Im Präludium zu „Col nidre" für Orgel behandelt Ziegler die alte Gebetsmelodie in aparter Phantasie und gibt ihr in wuchtigen Harmonien feierliche Einführung und Beschluß. Ziegler stellte sich hierbei nicht nur als ein feinsinniger und auf starke Wirkungen zielender Komponist, sondern auch als vortrefflicher Organist vor, der seinem Werke der beste Führer war. Altmeister Felix Mendelsohn-Bartholdy, des großen jüdischen Denkers getaufter Enkel, bewies mit seinem von Jubel erfüllten 98. Psalm, daß er in der romantischen Umwelt seinerzeit selbständig Wurzel gefaßt; keine Brücke führt von seiner Gedankenwelt ins Bereich jüdischer Kunst. Auch Heinrich S c h a 1 i t s „Sehnsucht" (aus Hymnen der Seele) streift jede Fessel liturgischer Tradition bewußt ab und zeigt einen Komponisten vollkommen selbständigen Gepräges, der aus neuzeitigem Empfinden heraus östlichem Stilgepräge Form schaffen will. Ein Weg,-der vielleicht zu moderner jüdischer Kunst führen kann. Verschieden hiervon die durch Originalität in ihrer rein ostjüdischen Einstellung ganz unmittelbar wirkenden Werke wie S. Almans „Ribbono schel olom" für Solo und Chor. Ein ganz anderes Kolorit, fremdartig gegenüber der westeuropäischen Musikeinstellung tritt uns hier in bezwingender Weise entgegen; ebenso in den schlichien jiddischen Weisen, welche in einer geradezu erschütternden Gottes-Versunkenheit zum Vortrag gelangten. Und damit komme ich auf den Solisten dieses Abends zu sprechen, Herrn Oberkantor Israel Alter aus Hannover, eine geradezu ideale Vereinigung von Künstler und Kantor. Ein banitonal gefärbter Tenor, dessen sämtliche Register eine seltene Wärme. Tonschönheit und Ausgeglichenheit bezeugen. Eine trefflichst geschulte, edle Stimme vollen Tonumfangs, die nicSht nur über ein tragfähiges Piano, sondern auch über eine strahlende Höhe verfügt. Eigenschaften, welche diesem, begnadeten Sänger im Konzertsaal den Weg zu Triumphen eröffnen würden. Was aber die Kunst dieses Sängers zum nachhaltigen Erlebnis adelt, ist die ungeheure religiöse Verinnerlichung und Ausdrucksfähigkeit, welche Alter aus tifstem Miterleben seinem Organ abzuringen weiß. Seine andächtige Versenkung ließ den Hörer keinen Augenblick vergessen, daß das Konzertpodiium mit einer religiösen Weihestunde im Tempel vertauscht war. Wir beneiden Hannover um diesen „göttlichen Sänger" im wahren Sinne des Wortes und hoffen, daß wir ihn in München nicht zum letztenmal erlebt haben. Josef Z i e g 1 e r, welcher das umfangreiche und schwierige Programm mit Sorgfalt einstudiert und im Rahmen der ihm zur Verfügung stehenden Kräfte verwirklicht hat, gebührt hiefür ein uneingeschränktes Lob. Sein Chor wies tonliche Präzision und rhythmische Schulung auf; klanglich und dynamisch hätte manches vielleicht noch wirksamer abgestuft werden können, insbesondere geriet der Psalm etwas eintönig. Die Stärke des Chores liegt naturgemäß in den hebräischen Gesängen; im Interesse der Deutlichkeiit der deutschen Texte dürfte für kommende Aufgaben der Aussprache ein besonderes Augenmerk zugewandt werden. Als Solisten im Psalm seien noch rühmend hervorgehoben Frau Sonja Z i e g 1 e r mit den Herren Walter Ries und Ernst Mosbach er. Alles in allem ein eindrucksvoller Abend, wofür man allen Beteiligten und den Veranstaltern herzlichst danken darf.Ba. Phot.: Mahrenholz, Berlin Charlotte Rosen (Berlin), die bekannte Geigerin, spielt am Donnerstag, den 20. Dezember, im Symphoniekonzert des Münchener Kulturbund-Orchesters das Violinkonzert von Mendelssohn