Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 10 (1934)
- Issue
- 21 (1.11.1934)
- Date
- 1934-11-01
- Page
- Seite 447 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 21 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 447 JiitL Kiilfiirliiiiul in IkiYcni Zur Bialik-Feier des Kulturbundes am Donnerstag, den 8. November abends 8 Uhr im Museum Der 60. Geburtstag des größten hebräischen Dichters im vorigen Jahr, sein Tod im Sommer dieses Jahres hat in der jüdischen Presse eine unübersehbare Fülle von Aufsätzen, Nachrufen, Erinnerungen, Proben aus seinen Werken gebracht. In diesen Blättern waren wiederholt Gedichte von ihm in hebräischer und deutscher Sprache abgedruckt; Hans Kohn hat 1933 in unserer Zeitung ein ausführliches Lebensbild Bialiks gegeben. Wir lassen aus einem Essay von Leo Hirsch zum Tode des Dichters einen zusammenhängenden Auszug folgen. Der Dichter Sein Sinn, der Sinn seines Dichtens und Trachtens, war nicht mit modernen europäischen Maßen zu messen. Bialik war kein üblicher Schriftsteller, kein armer Tintentropf und kein reicher Tantiemeschlucker. Er lebte weder in der allzu gemeinen Welt, in der auch das Schreiben ein Gewerbe ist, noch in der allzu erhabenen, in der auch das Gewerbe eine Schande ist, sondern in der Welt der Pflanzen, der Tiere, der Musik, der Liebe, des Zornes, er lebte noch in Gottes großer, weiter Welt. Sein erstes Gedicht hieß El ha Zippor, An den Vogel, und da er die Sprache der Vögel verstand, und da die Musik der Natur schon damals, schon im Gedicht des Achtzehnjährigen erklang, ließen diese Verse die wenigen aufhorchen, die sie lesen konnten. Denn das Gedicht, das 1891 erschien, war hebräisch geschrieben, in der alten Sprache der Väter, die Bialik aus dem Dornröschenschlaf geweckt, wachgesungen hat. Es wurde zwar auch vor Bialik hebräisch gedichtet. Aber überaus didaktisch, mehr gereizt als gestaltet. Es war Papier, und Bialik gab Leben, entdeckte die Natur für die hebräische Poesie und hob die Anschauung an die Stelle der Meinung. Er war es, der die ersten klingenden Natur- und Liebeslieder schrieb. Nicht eben viele, und doch wurde er von Anfang an wie ein Klassiker angesehen. Von seinen Gedichten war um die Jahrhundertwende jedes ein Ereignis, wurde jedes besprochen, begrüßt, diskutiert, wie sonst ein ganzes Buch. Die Bedeutung, die in der deutschen Literatur Bürgers „Leonore" ■hatte, kommt in der hebräischen fast jedem Gedicht von Bialik zu. Einfachheit und Schönheit seiner Anschauung, Schlichtheit und Tiefe seiner geistigen Sprache, dies alles wirkte wie ein Geschenk, wie ein Wunder. So wunderbar und einmalig, daß es unübersetzbar ist. Bialiks Verse sind in viele Sprachen, auch ins Deutsche übertragen, aber die Übertragungen wirken nur wie Inhaltsangaben in Reimen, die Atmosphäre, das Aroma fehlt. Denn im Hebräischen ist es. um mit Bialik selbst zu sprechen, so, daß die Worte ihm „unter den Händen zucken, sie erlöschen und verbrennen, gehen unter und leuchten auf gleich der Schrift auf dem Schilde des Hohepriesters, leeren und füllen sich, tun eine Seele von sich ab und hüllen sich in eine andere. In den sprachlichen Stoff kommt dadurch eine Ablösung der Wachtposten und eine Veränderung der Standorte ..." Seine Art und sein Leben Vor einigen Jahren, beim Gastspiel eines jüdischen Theaters. Vor mir saßen nebeneinander Chajim Nachman Bialik und Max Liebermann. Und mitten im Spiel, obwohl es schöner und hin- Oberkantor Israel Alter (Hannover) der als Solist bei dem Chorkonzert des Kulturbundes am 21. November in der Hauptsynagoge mitwirkt reißender war als irgendein Schauspiel sonst, hatte ich plötzlich den Eindruck, als ob das eigentlichste jüdische Schauspiel nicht auf der Bühne, sondern in der ersten Parkettreihe vor mir in den Köpfen sich vollzöge. Sie sind, schon im Aussehen, die beiden Extreme jüdischer Gestalt: der bäuerliche und der Großstadtmensch, kräftige Breite und schmale Höhe, Fülle und Kontur, Herz und Kopf. Ja, Bialik hatte oft ein fast bäuerliches Aussehen, einen großen, vollen, runden Kopf, eine ruhige Stimme, stetige, gemessene Bewegungen, eine auffallend ungesellschaftliche, unsalonmäßige Sicherheit des Auftretens. Er hatte etwas Väterliches. Er war der beste Freund der Kinder, und seine Kinderlieder haben fast mozarthafte Naivität. Bialik war ein Jude ohne Witz und voller Heiterkeit. Er war von einem frohen Ernst erfüllt, und das hob selbst noch alles Lehrhafte an ihm auf, wenn er einen mit sprühenden Eifer belehrte und bekehrte. Der Zauber seiner Persönlichkeit bestand wohl in seiner Harmonie. Er hatte keine zwei Seelen in seiner Brust. Obwohl er die Tragik des Judentums schmerzlicher empfunden hat, als irgendein Zeitgenosse, hatte er selbst nichts von der Zerrissenheit des jüdischen Herzens. Er war, ohne Zwiespalt zu empfinden, der Jude der großen Büchertraditionen und des Naturlebens. Er war der ewig lernende Talmudbachur im ewigen Beth hamidrasch, dessen alte Mauern fielen und der mitten in der Natur erwachte, zwischen Bäumen und Nachtigallen. (Fortsetzung Seite 450.) Jjuqek Sk die gute BatU-HteiduttQ ttöuuhe* SemMüqet Stcoßi