Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 10 (1934)
- Issue
- 20 (15.10.1934)
- Date
- 1934-10-15
- Page
- Seite 426 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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426 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 20 durch ihre verschiedene Einstellung zur Welt. Während der Extravertierte nach „außen", auf die Objekte, gerichtet ist, dort seine Interessen liegen und er auch dort sein Schicksal erlebt, liegt beim Introvertierten der Schwerpunkt beim Subjekt, er ist eingestellt auf die „Innenwelt". Das bedeutet aber nicht, wie es oft mißverstanden wird, das er „nur subjektiv" urteile und handle. Die Innenwelt ist etwas ebenso Allgemeines und Objektives wie die Außenwelt. Der Extravertierte ist dem einen Teil der „Welt", der allgemeinen Struktur der Außenwelt zugewandt, der Introvertierte dem anderen Teil, der allgemeinen Struktur des Menschen. Erst beide Teile zusammen ergeben ein vollständiges Bild der Welt, jede einseitige Haltung aber, welche eine Weltseite unterdrückt und ausschließt, führt zu einer Gefahr. Gerade die Einseitigkeit aber kennzeichnet den psychologischen Typ. Im ersten Teil seiner Arbeit behandelt Rosenthal den Gegensatz Jude—Nichtjude. Das auffallendste Merkmal des jüdischen Volkes ist sein Bewußtsein, „auserwählt" zu sein, d. h. im Gegensatz zur Welt und allen übrigen Völkern zu stehen, nicht zu sein wie die Völker der Erde. Diese Haltung kennzeichnet sich aber, psychologisch gesprochen, als Introversion, denn „der Introvertierte stellt sich der Welt gegenüber". Diese Grundeinsicht wird aber von Rosenthal nicht bis in ihre sehr wichtigen Konsequenzen weiterverfolgt, sondern der Akzent seiner Arbeit liegt auf der Behandlung des Typengegensatzes als eines „innerjüdischen" Problems. Die Verfolgung des Typengegensatzes in der jüdischen Geistesgeschichte ist außerordentlich klärend. Die immer sich wiederholende Zwiespältigkeit in der jüdischen Entwicklung mit ihrem ununterbrochenen inneren Kampf bekommt ein ganz anderes Gesicht, wenn man sie als eine unausweichliche Auseinandersetzung der zwei sich bekämpfenden Grundtypen erkennt. Der Gegensatz Extravertiert—Introvertiert läßt sich durch alle jüdischen Grundgegensätze hindurch verfolgen, von der Polarität „Priester—Prophet", „Halacha-Aggada" bis zum Kampf des Rabbinismus gegen Kabbalah und. .Chassidismus und bis in unsere Tage. All dies ist in Rosenthals Arbeit nur angedeutet, doch wird von jetzt an keine sich um ein Verständnis bemühende Auseinandersetzung mit dem Judentum an dieser Betrachtungsweise vorbeigehen können, die manches Mißverständnis zu klären, manche Zweideutigkeit aufzuhellen imstande ist. Vom Typenproblem ausgehend, wendet Rosenthal fast das ganze Rüstzeug der analytischen Psychologie zur Analyse zweier sehr verschiedener Bibeltexte an. Er behandelt einmal die Gestalt Sauls in ihrem Gegensatz zu der Davids, wobei er zu einem umfassenden Verständnis der Persönlichkeit und des Schicksals dieses Königs kommt; von größerer Wichtigkeit als dieser Teil, gegen den einige grundsätzliche methodische Bedenken erhoben werden können, ist aber der andere Teil der Arbeit, der den Jakob—Esau-Gegensatz behandelt. Der Zweifel an der Zulänglichkeit einer psychologischen Untersuchung von Texten wie es die Bibel ist, ist heute nicht mehr angebracht, denn durch Jungs Entdeckung des „kollektiven Unbewußten" als des allgemeinen Fundamentes, auf dem die menschliche Kultur errichtet ist wurde eine adäquate Erfassung mythischer Stoffe und religiöser Phänomene möglich. Die Erzählung vom Kampf Jakobs mit dem Engel, der nach alter Auffassung der Schutzherr Esaus ist. stellt in gewissem Sinn als Mythos einen „Traum des Volkes" dar. Er wird von Rosenthal zum Gegenstand einer Analyse gemacht, welche die tiefsten Schichten des Volkscharakters aufdeckt, indem sie nachweist, daß in diesem Kampf der Kampf des Judentum mit sich selbst, seiner minderwertigen Seite „Esau" dargestellt ist. Die Verschränkung der Stammvätergeschichte mit dem mythisch-allgemeinen, das ganze Volk betreffenden Geschehen wird bis in die Einzelheiten des Textes hinein verfolgbar, und gerade aus der symbolisch-mythischen Realität der Ereignisse läßt sich ableiten, wie der Kampf der Gegentypen über den Kampf mit der eigenen Minderwertigkeit hinauswächst zum Gotteskämpfertum Israels. Diese Andeutung des Inhalts ist naturgemäß ärmlich und unzureichend, es ist aber auch nicht ihr Sinn, die Lektüre der Rosenthalschen Arbeit zu ersetzen, die, auch wenn manches gegen sie einzuwenden ist, eine Fülle bedeutsamer Ergebnisse birgt. Die Anwendung der analytischen Psychologie auf die Religionswissenschaft, von der die Rosenthalsche Arbeit ein erster Anfang ist, vermittelt nicht nur neue Antworten und Fragestellungen, sondern sie kann einen entscheidenden Beitrag liefern zur Wiedereinwurzelung des Juden ins Judentum, indem sie dem modernen Menschen einen persönlichen Zugang zu den religiösen und allgemeinen Fundamenten des jüdischen Schrifttums ermöglicht. Ein Kafka-Abend im Kulturbund München Manfred Sturmann hat sich die Aufgabe gestellt, Franz Kafkas Dichtung zu deuten, im Werke den Menschen Kafka zu erkennen und nachzuzeichnen. Denn immer ist es die gleiche Gestalt, die uns entgegentritt: Kafka selbst, dessen religiöses Urerlebnis, das radikale Getrenntsein des Menschen von Gott, bei aller thematischen Wandlung das Grundmotiv seiner Dichtungen bleibt. Gott ist für den Menschen in unerreichbare Ferne gerückt; die Welt hat Gottes Gesetz verloren. Kafka aber ahnt das Vorhandsein einer transzendenten Macht, die nach uns unverständlichen Regeln das Leben regiert. Gerade die Fragwürdigkeit und Unzulänglichkeit diesseitigen Geschehens läßt ihn das Wirken eines übermächtigen Gesetzes spüren, dessen Sinn für uns aber unerkennbar ist. Weil der Mensch Kafkas um die Existenz dieses Gesetzes weiß, sieht er sich gezwungen, seinen Inhalt zu ergründen. Doch es gelingt ihm nicht, seine Aufgabe zu erfüllen; er vermag das Gesetz, das überall zu fühlen ist, nicht zu erfassen Er kann den Abgrund nicht überwinden — es führt kein Weg von Mensch zu Gott —, er muß dem Gericht Gottes verfallen Der Mensch ist verurteilt, in hoffnungsloser Einsamkeit zu leben, da er den Anschluß an Gott nicht findet, ihm aber auch der Zusammenhang mit den Menschen fehlt, von denen er nichts zu erwarten hat; er lebt nur in der Erwartung des unheimlichen Gerichts, dem er keinesfalls zu entrinnen vermag Sturmann kam es vor allem darauf an, das Jüdische in der Dichtung Kafkas aufzuzeigen, hält erd och das Werk Kafkas für so sehr jüdisch, daß es darin kaum ein Problem gibt, das Dichtung Kafkas aufzuzeigen, hält er doch das Werk Kafkas der unser ureigenstes Schicksal dichterisch gestaltet hat, zum Leben zu verhelfen. Wir können Sturmann nicht ganz folgen wenn er meint, in Kafkas Werk speziell die jüdische Problematik erkennen zu müssen, die eine zeitlose ist. Denn dazu ist Kaftas Dichtung zu sehr unsere Zeit verhaftet ist ihr doch unsere Zeit nicht nur Hintergrund, sondern selbst Problem. Kafkas Werk ist das Gleichnis einer versachlichten alles rationalisierenden Welt, in der die Seele vollkommen unterdrückt ist, in der Gott und sein Gesetz nirgends meh zu finden zu sein scheint. Zugegeben: Hiobs Frage nach der göttlichen Gerechtigkeit ist auch die Kafkas, ist sie doch die Frage menschlichen Geistes überhaupt, wenngleich die Ant wort der verschiedenen Religionen eine verschiedene ist. Viel leicht bedurfte es auch gerade eines jüdischen Geistes, um die Verwirrung und Sinnlosigkeit unserer in Dunkel gehüllten Welt, in der die unwirklichsten Dinge Wirklichkeit werden so vollendet mit dieser Nüchternheit und Sachlichkeit zur Darstellung zu bringen. Doch so vollkommen Kafkas Werk in sich auch ist es ist unvollendet. Die Spannung des um Er lösung ringenden Menschen wird nicht behoben.- Der Strahl der Hoffnung auf endgültige Befreiung ist zu schwach um durchzudringen, um die Wirkung dieses düsteren Pessimismus — „dieses Leben scheint unerträglich, ein anderes unerreich bar" — abzuschwächen. Darin das Fazit eines jüdischen Lebens erblicken, bedeutet ein Bekenntnis zu einem gewissen Nihilismus, der. aber nur schwerlich mit wahrem jüdischen Wesen vereinbar wäre. Elisabeth Springers Sprechkunst verhalf Kafkas Gedanken und Sätzen zu einer entsprechenden Wirkung. ______ Dr. Hertha Lieber.