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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1931-11-15 · 22 (15.11.1931) · p. Seite 351

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
7 (1931)
Issue
22 (15.11.1931)
Article
Orient und Occident [Rezension]
Date
1931-11-15
Page
Seite 351 (sequence 1)
Language
German
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Nr. 22 Bayerische Israelitisch« Gemeindezeitung 351 Jsakobslnum am A.jllovembtt. Dheres siehe Dilteilungen Des Jugendheims. Orient und Oecident. Blätter für Theologie und Soziologie. In Verbindung mit Nicolai Berdjajew, herausgegeben von Privatdozent Fritz Lieb und Pfarrer Lic. Dr. Paul Schütz. Leipzig (Verlag I. C. Hinrichs) 1930/51. Die ersten sechs Hefte des l. Jahrgangs behandeln in ausgereiften sachverständigen Abhandlungen ohne Übergescheitheit und literarische Gespreiztheit folgende Themen: I. Rußlandheft: Orthodoxie und Protestantismus. — 2. Europa zwischen Ost und West. — 3. Der russische Mensch und die Kirche. — 4. Der russische Geist im Kampf um seine Existenz und der Protestantismus. — 5. Politisch-religiöser Synkretismus. — 6. Zur Soziologie Sowjet-Rußlands. — Die widerspruchsvolle Smndeutung des östlichen Phänomens Rußland ist erstens einmal in der entgegengesetzten Gcfühlseinstellung, Weltanschauung und Willensrichtung der Beurteiler begründet, zweitens aber auch in der mangelhaften Erfassung der Schlüsselstellung, die das Bauerntum in der revolutionären Frontlinie innehat. Wir müssen immer daran denken (auch das lehren uns die vorliegenden Hefte), daß auch nach Beseitigung des politischen Willens der bolschewistischen Partei das Alte nicht wiederkommen kann, daß vielmehr ein von Grund auf gewandelter Organismus Rußlands mit seinen neuen Klassen und seiner neuen Psychologie aller Schichten als Substanz bleibt. Was ein eiliger Besucher Rußlands aus dem Westen gar nicht sehen und erfahren kann, wird uns hier von einheimischen, im Volk wurzelnden Kennern mit moderner Bildung berichtet. Man lese etwa im letzten 6. Heft die Abhandlung „Neue Gesellschaftsformen im heutigen Rußland"; der Artikel stammt von einer Persönlichkeit — M. Artemjev —, die erst vor kurzem aus Sowjet- Rußland gekommen ist und dort selbst eine veranwortungsvolle Stelle eingenommen hat. Noch kein aus Rußland herrührender Bericht hat so deutlich das dort pulsierende geistige Leben beleuchtet wie diese auf eigener Anschauung der Dinge beruhenden Aufzeichnungen. Der Sonderberichterstatter der „Frankfurter Zeitung" über Rußland, Hans Kohn, hat jüngst in München einer zahlreichen gespannten Zuhörerschaft seine Eindrücke und eigenen Appercüs über „Religion und Bolschewisinus" vorgetragen; er hat etwas später gerade dieses Thema unter der zugespitztcn Überschrift „Bolschewismus als Religion" in Aufsehen erregender Weise in der „Frankfurter Zeitung" (in der Nummer vom 1. November 1931) behandelt. Aber gerade in diesem Bericht fällt stark auf, daß Hans Kohn weniger berichtet, was er wirklich gesehen hat, als daß er seine eigenen geistreichen Abstraktionen expliziert. Kohn steht wie Buridans Esel zwischen zwei Lebensformen, denen seine Liebe in gleicher Weise dient: Zwischen den unmittelbaren starken aufbauenden, aufs höchste gesteigerten Kräften des neuen Rußland und der alten breiten und tiefen westeuropäischen Bildung, der er selbst angehört. Darum sagt er: „In dem harten Eifer des Bolschewismus ist mehr religiöse Glut und Unbedingtheit als in den offiziellen theistischen Religionen des Westens, die, skeptisch und zu Kompromissen bereit, sich hier auf der Erde, wie sie ist, eingerichtet oder über ihr selig und unberührt schwebend ein luftiges Haus gebaut und mit Staat, Krieg und Mammon ihren Frieden geschlossen haben." Aber gleichzeitig schränkt Kohn diese Bewunderung aufs entschiedenste ein und analysiert den Bolschewismus als eine verkappte Religion der Vernunft. Die denkbar wohltätigste Ergänzung der Kohnschen Gedankengänge sind die vorliegenden Blätter, die hauptsächlich dem tieferen Verstehen des heutigen geistigen und religiösen Rußland gelten. Mehr als ein eindringlicher Hinweis auf diese wichtige Zeitschrift kann hier nicht gegeben werden. F. Eine neue Talmud-Ausgabe mit Interpunktionszeichen — Traktat Berachoth. Ediert Rabbiner Sch. Bornstcin (Jerusalem). Der Talmud und die Midraschim, im Gegensatz zu der Bibel, haben bis jetzt in den jüdischen Volksmassen, vor allem Westeuropas, nicht die Popularität gewonnen, die ihnen wegen ihrer jüdisch-ethischen und literarhistorischen Werte gebührt. Ohne diese Urquellen ist ein Eindringen in den Geist des Judentums und der jüdischen Geschichte der ersten Jahrhunderte der christlichen Zeitrechnung unmöglich. Glaube und Empfindung des jüdischen Volkes in seinem Alltag, vor allein jene Urwüchsigkeit der Masse, die mit das Wesen der Geschichte ausmacht, ist nur in den Originaltexten des Talmud und der Midraschim faßbar. Deshalb ist die Vertrautheit mit diesen Werken für die Erfassung des Judentums unerläßlich. Der Talmud ist nicht nur wegen seines Inhaltes, zu dessen Verständnis Kommentare notwendig sind, sondern auch wegen seiner Forrn und der Knappheit seiner Ausdrucksweise auch Kennern der hebräischen Sprache schwer zugänglich. Die besondere Schwierigkeit beim Studium des Talmuds verursacht das Fehlen der Interpunktionszeichen. Die soeben erschienene Neuausgabe des Talmud, von der bis jetzt der Traktat „B e r a ch o t h" vorliegt, hat zum Ziel, den ganzen Talmud mit Interpunktionszeichen zu edieren. Der vorliegende Teil des Traktats „Berachoth" enthält Interpunktionszeichen, die vor allem für das Verständnis der schwierigsten Fragestellungen (Kuschjot) und ihrer Beantwortung wichtig sind. Die Ausgabe zeigt immer den Beginn eines neuen Themas durch einen neuen Absatz an. Außerdem ist der „Raschikommentar", der in den bisherigen Ausgaben regelmäßig in der sogenannten Raschi-Schrift wiedergegeben ist, zum erstenmal in den gewöhnlichen hebräischen Quadrat-Buchstaben gedruckt. Wenn es dein Herausgeber gelingt, das große Gesamtwerk zu vollenden, so wäre damit ein großer Schritt zur Popularisierung des Talmuds getan. A. P. Eduard König, Hebräisches und aramäisches Wörterbuch zum Alten Testament. 4. u. 5., vermehrte Auflage. X, 665 Seiten. Leinenband 9 M. Leipzig (Dieterichsche Verlagsbuchhandlung) 1931. Seit 1910 ist dieses Wörterbuch in Gebrauch und hat sich allgemein bewährt. Sein besonderer wissenschaftlicher Wert für die Erkenntnis des Bedeutungswandels der hebräischen Wörter, ferner für die Erklärung der Eigennamen und für die Etymologie sollen hier nicht neu hervorgehoben werden. Das Werk ist wegen seines niedrigen Preises und seiner großen Zuverlässigkeit für die praktische Bibellektüre ganz besonders jüdischen Lesern zu empfehlen. Wer sich daran gewöhnt hat, in oder außerhalb der Synagoge dem Wochenabschnitt und der Haphtara regelmäßig einige Zeit zu widmen, wird in der Eindringung in den Bibeltext ganz besonders dadurch gefördert, daß er sich von einer neben dein Urtext stehenden Übersetzung befreit und selbständig mittels Grammatik und Wörterbuch eine sinnvolle, selbst erarbeitete Übersetzung wiederherstellen kann. Dazu leistet das Königsche Lexikon hervorragende Dienste. Überall ist zudem der Zusammenhang mit den übrigen semitischen Sprachen deutlich gemacht. Auf die wertvollen Ergänzungen durch das Wörterbuch zu den aramäischen Abschnitten der Bibel und durch ein deutsch-hebräisches Vokabular sei noch besonders hingewiesen. F. Psychotechnik und Arbeitswissenschaft im neuen Rußland. Bericht über den 7. internationalen Kongreß für Psychotechnik vom 6.—13. September 1931 in Moskau von Or. med. et phil. W. Eliasbcrg München) (Sonderdruck aus Zcntralblatt für Psychotherapie und ihre Grenzgebiete, Bd. IV, H. 10; Verlag Hirzel, Leipzig 1931). Dieser Bericht des Münchener Nervenarztes Eliasbcrg, der an dem Moskauer Kongreß persönlich teilgenommcn hat, bietet auch dem Laien wichtige neue Einsichten in die Vorstellungswelt des heutigen Rußland, die Psychotechnik hat bekanntlich zum Gegenstand Untersuchungen über Berufseignung; sie bilden die Grundlage für die Rationalisierung der industriellen Arbeit. Bei uns sind die bekanntesten Erscheinungen der Fordismus, das Taylorsystem und die Kettenarbeit; sie dürfen keineswegs nur wegen des „Zeitgewinns" unabhängige von der Berufseignung eingeschätzt werden. Die Arbeit des Menschen wird dann mühelos vor sich gehen, wenn jeder nach wissenschaftlichen Methoden an diejenige Stelle gesetzt wird, die seinen persönlichen körperlich-seelischen Fähigkeiten am meisten gelegen ist. Die Psychotechnik wendet die Lehre des Sokrates „Erkenne dich selbst" auf die Gütcrproduktion an; eine höhere Zivilisation wird sie auf alle Lebensgebicte ausdehnen. Die wenigen Grundbemerkungen müssen hier genügen, um für das Verständnis des äußerst wichtigen Berichtes von Dr. Eliasberg vorzubereiten. F. FQr Nachkuren, bei Herz-, Nerven-, Frauenleiden BiOX-SAUERSTOFF-BÄDER Es gibt nichts Besseres zur Beruhigung von Herz und Nerven, ebenso zur Erfrischung bei Mattigkeit u. Ueberanstrengung. Bad M1.80 n Apoth. u. Drog. Max Elb A.-G.. Dresden 28

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