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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1931-11-15 · 22 (15.11.1931) · p. Seite 350

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
7 (1931)
Issue
22 (15.11.1931)
Article
Die Entwicklung der sittlichen Persönlichkeit [Rezension]
Date
1931-11-15
Page
Seite 350 (sequence 2)
Language
German
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350 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 22 (in der Deutschen Literatur-Ztg. vom 4. Oktober 1931) in einer überaus produktiven Kritik geäußert. Darin wird Aufgabe der medizinischen und seelsorgerischen Psychologie in erfreulicher Eindeutigkeit voneinander abgegrenzt und jeder Grenzverwirrung aufs entschiedenste widersprochen. Wir müssen uns damit begnügen, hier auf das Isserlinsche Referat, ein Muster klarer Begriffe und klarer geistiger Entscheidungen mit Nachdruck hinzuweisen. F. Ernst Simon, Ranke und Hegel. Beiheft 15 der Historischen Zeitschrift. München (Verlag K. Oldenbourg) 1928. XVI, 204 S. Preis 7 M. Hegel, der vor 100 Jahren, am 14. November 1831, auf der Höhe seiner Wirkung und Wirksamkeit, der Cholera erlag, hat den jüdischen Geist seither auf das mächtigste immer wieder angezogen. Keine hervorragende jüdische Persönlichkeit in dem letzten Jahrhundert, die — von Karl Marx über Hermann Cohen zu Walther Nathenau — sich nicht mit ihm in leidenschaftlicher Weise auseinandergesctzt hätte! Aus der jüngsten jüdischen Generation haben Ernst Simon und Franz Rosenzwcig Hegel-Bücher geschrieben, die weithin in der Wissenschaft allgemein anerkannten Klang und Rang haben. Der „Unsinnschmierer", wie Schopenhauer Hegel nannte, erwies sich auf die Dauer als der stärkere, größere Geist, der seinen romantischen Gegner überdauern wird. Hegel kann nicht popularisiert werden. Davor bewahrt ihn die unerhörte Abstraktheit seiner Begriffe, vor allem die mangelnde Geneigtheit der Heutigen, „die Anstrengung des Begriffes" auf sich zu nehmen, und auch zuletzt wohl die Unmöglichkeit (wie der Artikel von Simon über Hegel in der vorigen Nummer dieser Zeitung zeigt), aus einer Einzeläußerung oder seiner Stellung zu einem Einzelthema (wie zu dem der Juden) Hegel selbst, sein geschlossenes System zu erfassen. Vergegenwärtigen wir uns doch wieder, daß Hölderlin, der größte und modernste deutsche Dichter, der innigste Jugendfreund Hegels war, ferner, wie überraschend die neuere Forschung den erheblichen Anteil und die Mitwirkung Hölderlins, des ckoetor serupliieus des deutschen Idealismus, am Werden des Hegelschen Ideenbaues festgestellt hat; und denken wir auch wieder daran, daß er, der Weltphilosoph, in seiner Rechtsphilosophie mit einem seiner schönsten Worte die Fragwürdigkeit der philosophischen Erkenntnis als einer Erscheinung des Alterns der Menschheit angcdcutet hat, in den sublimen Sätzen: „Wenn die Philosophie ihr Grau in Grau malt, dann ist eine Gestalt des Lebens alt geworden, und mit Grau in Grau läßt sich nicht verjüngen, sondern nur erkennen; die Eule der Minerva beginnt erst mit der einbrechendcn Dämmerung ihren Flug." Die Schriftleitung hatte zwei vorzügliche Hegel-Kenner zu den kurzen Darstellungen über Hegel in der vorigen Nummer eingeladen. Der Aufsatz von Simon beweist, daß die Geschlossenheit und ungewöhnliche spekulative Kraft des Hegelschen Systems aus Einzelerkenntnissen, die bei Hegel bezüglich der Juden konventionell bleiben und nicht sehr von der christlich-dogmatischen Lehre hinausgehen, nicht sichtbar werden kann. Aber die schwierige Arbeit „Das Judentum in der Hegelschen Philosophie" mußte einmal geleistet werden. Der ergänzende Artikel „Hegel als Lehrmeister" weist auf den Grund für die ungeheure Anziehungskraft hin, die Hegel für den jüdischen Geist hatte und von der am Anfang dieser Bemerkung die Rede war. Ernst Simons Untersuchung „Ranke und Hegel", die sich als Beiheft der Historischen Zeitschrift und als Arbeit aus der Schule Hermann Onckens als ein ausgcreiftes Werk von Rang ausweist, trägt zur Erhellung Hegelscher dunkler Begriffe durch Konfrontierung mit Leopold von Ranke, dem Klassiker moderner Geschichtsschreibung, in hervorragendem Maße bei. Ranke will sein Ich auslöschen und nur nach beurkundeten Tatsachen darstellen, wie cs eigentlich gewesen ist. Hegels objektiver und absoluter Geist springt scheinbar gewalttätig mit den Tatsachen herum. Simon spricht einmal (Seite 107) von dem Frevel der Hegelschen Selbstvergottung, von Hegels Intoleranz im Gegensatz zu Rankes Toleranz (Seite 133 f.) und bezeichnet den Unterschied zwischen Hegelscher und Rankescher Geschichtsmcthode als den Gegensatz zwischen dialektischem und quellenkritischem Vorgehen (Seite 155). Hegel kommt bei Simon zu schlecht weg, weil er nicht aus der Eigenbegrifflichkeit seines gewaltigen, maschenlosen Systems verstanden ist. Der Kern in der Hegelschen Geschichtsphilosophie wird von Simon nicht voll erfaßt; dieser Kern liegt doch wohl im Folgenden: Die Mittel, durch welche der Endzweck der Geschichte sich verwirklicht, sehen diesem sehr unähnlich. Ihre hohe Bestimmung ist in ihnen nicht zu erkennen. Die Mittel sind die kleinmcnschlichen Sonderinteressen, Wünsche, Triebe, der engherzigste Egoismus des Durchschnittsmenschen. Die Frage ist: wie kann die Idee in der Geschichte bestimmend sein, wenn sie mit solchen Mitteln arbeiten muß? Hegel beantwortet die Frage bekanntlich mit der eigentümlichen Konstruktion der „List der Vernunft". Die Vernunft ist um Mittel ihrer,Verwirklichung nicht verlegen, auch dort, wo sie nicht erkannt wird. Es ist das Wesen alles niederen Seins, daß es vorn höheren als Element zu etwas grundanderem, also gleichsam „gegen sich selbst gebraucht" wird. Die List der Vernunft ist, daß sie die Leidenschaften der Menschen für ihre Zwecke arbeiten läßt; die private Absicht ist vergänglich wie die Handlung selbst. „Daß aber in der Weltgeschichte durch die Handlungen der Menschen noch etwas anderes überhaupt heraüskomme, als sie bezwecken und erreichen," das ist die Bewegung des Unbewegten, das ist der Gang des Geistes in der geschichtlichen Zeit. Das sind die großen Gedanken Hegels. Simon fällt es leicht, Hegel in seiner Geschichtsdarstellung „Vorurteile" und „Mißgriffe" nachzuwcisen (besonders Seite 163). Aber Simon betont nicht genügend, daß Hegel außerhalb seiner eigenen geschlossenen Gedankenbewegung nicht kritisiert werden darf; die Kritik darf sich nur gegen die Fundamente dieses Systems richten . F. Vermögensverwalfungen Konirolle von Wertpapieren und Beratung Buchhalfungs- und Revisionsarbeifen sowie alle bankgeschäftlichen Transaktionen übernimmt gewissenhaft und streng diskret Abr. Hof mann, München, Thierschstr. 22, Tel. 21498 Imbißstube OBEROTTL und Passage-Kaffee Sendlinger Straße 55 Fernsprecher 93496 Täglich nachmittags und abends Künstler-Konzert E,Sohn Neuhauserstr.29 Münchens größte Pelz-Werkstatte Private Kraftfahrkurse Dr. phil. Alf%NFD Gegründet 1913 Diplomingenieur Fernruf: 51314 München, Gabelsbergerstrasse Nr. 62

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