Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 7 (1931)
- Issue
- 22 (15.11.1931)
- Article
- Eine Geschichte der Juden [Rezension]
- Date
- 1931-11-15
- Page
- Seite 345 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 22 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 345 Jesu, weil sie als Mensch danach die Paffion auf sich nahm. Die Entstehung deö Christentums: die Anhänger Christi standen nach dem Tode ihres Heilands (bei allem Unterschied des Charakterformats) vor der Wahl, in ihm den gekommenen MeffiaS zu sehen oder nicht - wie die Juden später bei Sabbatai Zewi. Der Mythos Christi entsteht — für die heidnische Welt heidnischer Mythologie angepaßt. Erft das Christentum als Kirche, nicht das Christentum als Religion wird dem Judentum feind. Mit Konstantin dem Großen wird das Christentum Staatsreligion, die Iudenfrage zu einer politischen Frage. Kaftein weiß um das Anderssein des jüdischen Menschen unter seinen Wirtsvölkern. Darum sagt er lebte Dinge über das Wesen des Antisemitismus. Der Antisemitismus mußte zum erstenmal in Erscheinung treten, als Griechentum und Judentum zusammentrafen, zwei Völker, die einander nicht verstehen konnten — weil sie ihre Gegensätzlichkeit nur zu gut verstanden. (In Ägypten, wo es kein politisches Problem war, konnte ein Amalgamierungsprozeß zwischen beiden Kulturen stattfinden.) Politik ist des Judentums Schicksal: die gewaltsame, seiner Religion nicht gemäße Bekehrung der Idumäer brachte ihm Herodes und die Zerstörung des Tempels. Der Antisemitismus - unsere Zeit ist in der Geschichte der Juden vorweggenommen — ist ein wirtschaftliches Problem: die Länder, die die Juden in der Diaspora aufnahmen, erzogen sie zum neiderregenden Kapitalismus, weil sie aus ihnen recht viel Steuern erpressen wollten. KasteinS Buch ist doppelbödig: es zeigt die äußeren Wurzeln des Antisemitismus, aber es lehrt auch die ewige metaphysische Lebenshaltrmg des Juden, die tieferen Gründe seiner Absonderung. Es gibt keinen religiösen Antisemitismus. Unausgesprochene Folgerung: Mit einem Wachsen der religiösen Kräfte des Judentums muß auch der Antisemitismus schwinden. KasteinS Buch kann zu ihrer Erneuerung beitragen. Lutz Weltmann. Neich Lottes - Marxismus — Nationalsozialismus Erste Orientierung über den religiösen Sozialismus Der Sozialismus, die Vergesellschaftung der Produktionsmittel, ist rricht inehr Mittel zur Wohlfahrt der Besitzlosen und Selbstzweck, sondern Mittel zur Erfüllung geistiger, göttlicher Notwendigkeiten. Das ist der Kern der großen wachsenden Bewegung des „religiösen Sozialismus", so groß seine innere Vielfältigkeit ist, sowohl was das Verhältnis seiner Bekenner zur Religion als zum Sozialismus betrifft. Im Grunde sind seine Gedanken in der uralten Menschheitsfordcrung enthalten: Die Welt soll zur Stätte Gottes werden, an Stelle der Selbstsucht, Habgier und Machtbegicrdc soll das Gesetz der Liebe herrschen. Also die alte Auoersicht, daß die Welt, auch die materielle — und gerade sie — nur oom Geiste her verwandelt wird. Die Juden haben das brennendste Interesse daran, zu beobachten, ob diese ihnen urcigcntümlichen Ideen praktisch Einfluß in der Welt gewinnen. Die meisten unter den Juden wenden sich allerdings aufs tiefste enttäuscht ab und sehen nur Erbauung, Predigt, unwirksam und suspekt gewordenes Wortgeklingel in jener Forderung der Liebe. Und doch haben wir cs mit einer großen wachsenden Bewegung in Europa, in Deutschland zu tun. Aus der Fülle des Schrifttums und der Vielheit merkwürdiger echter idealer Gestalten seien hier ein paar Orientierungspunkte gegeben. Wegweisend in der Verkündung eines — mystischen — Ausammcnhanges der biblischen Idee des Gottesreiches mit dem nrodernen Sozialismus waren die beiden Blumhart, Vater und Sohn, vorangcgangen. Der Vater, ein württembcrgischer Pastor von wunderbarer Glaubcnsinnigkcit, die ihm die Kraft geistiger und seelischer Heilung verlieh. Der Sohn wurde aus gleichem Impulse Sozialdemokrat, stellte sich also der Partei der „Gottlosen" zur Verfügung in einer Zeit, da das noch Infamierung und Ausschluß aus der bürgerlichen Welt bedeutete. Weiter muß noch der vor kurzem verstorbene Pfarrer Kutter in der Schweiz genannt werden, der den Marxismus als ein unbewußtes Christentum wider Willen deutet. Jur Katholizismus halten sich die ebenfalls anschwellenden Stimmen, die eine Umgestaltung der Gesellschaft von Grund auf fordern, im Rahmen der kirchlichen Lehre, die in der letzten Zeit in eindringlichen Kundgebungen ihre sozialen Forderungen und die Ermahnungen christlicher Gerechtigkeit wiederholte. Aus dem Protestantismus sind die Schriften von Leonhard Ragaz in Zürich die wichtigsten. Ragaz ist eine Bckcnnernatur großen Stils; mit ihn gruppiert sich das Beste aus den so verschiedenen Bestrebungen des religiösen Sozialismus. Wir halten uns hier an die drei umfassenden eben im Druck erschienenen zentralen Vorträge der Schulungswoche in Caub in diesem Jahre*. Der erste Vortrag ist von Professor v. Ragaz: „Von der schweizerischen religiös-sozialen Bewegung zur dialektischen Theologie." Dieser bedeutende christliche Geistliche bekennt: „Eine ungeheure Schuld des Christentums enthüllt sich: Die Schuld des Abfalls von sich selbst, die ein Abfall vom lebendigen Gott war: Die Schuld an 1 Reich Gottes — Marxismus — Nationalsozialismus. Ein Bekenntnis religiöser Sozialisten. Herausgegeben von Georg Wünsch. Verlag von I. C. B. Mohr, Tübingen 1931. V, 116 S. 8°. NM. 4—. den vorhandenen gesellschaftlichen Zuständen, für deren Entstellung die Christenheit doch die wesentliche Verantwortung trug; die Schuld auch am sogenannten Atheismus und Materialismus der Sozialdemokratie und all dein ihm so oft vorgeworfenen Mängeln ches Proletariats.... Das alles wäre nicht möglich gewesen, wenn das Christentum nicht auf eine fast unglaubliche Art seiner Aufgabe untreu geworden wäre und alle Grundwahrheiten der Bibel wie seines eigenen Lippenbekenntnisses vergessen hätte." Es ist kein Grund vorhanden, selbstgerecht sich darüber zu freuen, daß die Juden es praktisch in der modernen kapitalistischen Welt anders gemacht hätten. In hinreißender 'Art hat Ragaz in Caub die religiös-soziale Bewegung erklärt: Der Sozialismus als Gericht Gottes über das Christentuin und als Verheißung eines Erwachens göttlicher Gerechtigkeit. Das sozialistische System ist eine religiöse Geschichtsdeutung von der Art, wie die Bibel Geschichte deutet. „Iin Kapital von Marx haben rnir nicht die Lehren von dem Mehrwert, der Akkumulation, der Dialektik der ökonomischen Entwicklung einen entscheidenden Eindruck gemacht, sondern die Botschaft von Gericht und Verheißung, die mir daraus cntgegcnkam." Der Schweizer Pfarrer und seine Anhänger haben erkannt: Göttliches Wirken bindet sich nicht an einen von Menschen geheiligten Bezirk, mag er sich auch mit Betonung „Kirche" nennen, nicht an „froimne" in christlichen Vereinen organisierte Kreise, nicht an kirchliche Ämter; sondern es hat zuin Schauplatz die gesamte profane Geschichte. Von dieser Auffassung aus schildert der zweite Vortragende Georg Wünsch, „Die Ausgabe des Marxismus in der Bewegung des Reiches Gottes". Wünsch, der Marburger protestantische Theologe, hat in den letzten Jahren nanrentlich in seiner „Evangelischen Wirtschaftsethik" (Tübingen, Mohr 1927) das Bedeutendste nach Max Weber und Troeltsch über „Religion und Wirtschaft" geschrieben. Immer wieder hebt er nrit Nachdruck hervor: Wir haben höchst mißtrauisch zu sein gegen jede Forderung, die sich als göttliche ausgibt, ob sie nicht in Wahrheit doch eine menschliche ist. Wie Gotteslästerung klingt cs in den Ohren, wenn so selbstverständlich dies und jenes als Gottes Wille mit dem Anspruch der Unbedingthcit gepredigt wird, was doch sich als Ausdruck menschlichen Strebens und menschlicher Lieblingswünsche entpuppen mußte. Dein Wesen des Menschen liegt es so nahe, das, was c r will, unter dem Mantel göttlichen Wollens zu verbergen und dainit ihm eine unbedingte Kraft der Forderung zu verleihen. Die Geschichte der christlichen Kirche ist reich am bewußten und unbewußten Mißbrauch der Formel: „Gott will es!" Oder: „Gott mir uns", das das Koppelschloß unseres vorrevolutionären Militärs zierte (a. a. O. S. 69). Die neun Thesen, die Wünsch über den Marxismus als das einzige Mittel, das religiöse soziale Gebot der Stunde zu erfüllen, am Schluß aufstellt, sind. von eindringlicher Wucht. Wir merken hier nur zwei Grundsätze daraus an, die auch für das echte Judentum von heute gelten müssen: Die „Gläubigkeit" ist Sache des persönlichen Crgriffcnseins, über das niemand Macht hat und dessen Mangel deshalb nie Gegenstand von menschlichem Tadel , sein kann. Die Gläubigkeit fügt dem sachlichen Handeln nichts