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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1931-11-01 · 21 (1.11.1931) · p. Seite 329

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
7 (1931)
Issue
21 (1.11.1931)
Article
Bei Lesser Ury
Date
1931-11-01
Page
Seite 329 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 21 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 329 *ütsü Lesser Ury: Jakob segnet Benjamin. Aus A. Galliner, Bilder und Bibel. Mit Genehmigung des Verlags I. Kauffmann, Frankfurt a. M. Cr malt es, upd sollte es auch seinem Atelier verbleiben, wie andere Werke von tiefstem Seelengehalt und formaler Größe. Noch stand dort der Jeremias, jenes erhabene Bild der tragischen Prophetengestalt, ruhend in gezügelter Leidenschaft, die den Körper zu sprengen droht. Aber „er tobt nicht und läuft nicht auf der Straße umher", er blickt hinauf zu den ewigen Sternen, die ihm Beides verheißen und gewähren können: dem Kämpfer neuen Mut und frische Kraft, dem Ruhelosen den ewigen Frieden der Seele. Und noch Eines stand dort, das große Triptychon „Der Mensch". Ein Dokument der Lebens- und Weltanschauung des noch nicht Vierzigjährigen: Die Jugend hingegeben an die ewig junge Natur, voller Vertrauen auf ihren nie versagenden Reichtum und ihre freigebige Güte, das Mannesalter in kristallener Klarheit nur sich selber verttauend und der eigenen Kraft, die allen Gewalten, irdischen und himmlischen, Trotz zu bieten vermag, der Greis endlich zusammengesunken, zerdrückt von den irdischen Mächten, dem Erdboden geweiht, als wär er nicht gewesen. Diese drei Werke sind Bekenntnisse des Menschen und Künstlers Lesser Ury. Was er als Maler in mehr als fünf Jahrzehnten für die deutsche Kunst geleistet, ist allgemein bekannt. Er, der neben Liebermann als einer der ersten deutschen Impressionisten zu gelten hat, dessen Berliner Straßen- und Kaffeehausszenen wie Entdeckungen wirkten, wie auch seine Bilder von den märkischen Seen, von Holstein und 'dem Gardasee Neues, Unerhörtes an Licht und Farbe offenbarten, er, der das flimmernde Sonnenlicht wie die flackernde Laterne in den dunklen Straßen der Großstadt, der den Regen und die Dämmerung wie Tageshelle und Klarheit so überzeugend darzustellen weiß, weil er allen Phänomene der Natur mit leidenschaftlicher Liebe sich hingibt, er hat sich nicht lange — eigentlich nie! — mit dem „bloßen Naturalismus" begnügen können. „Kunst ist Seele", ruft er einmal aus: „sie kann nicht bloße Abschrift der Natur sein." Darum sind auch seine Landschaften durchpulst von der Erschütterung seiner Seele. Schon in ihnen erscheint der Impressionismus nicht mehr in seiner reinen Gestalt. Cr geht aber darüber hinaus. Es widerstrebt ihm, seinem ganzen Wesen, sich einer „Richtung" zu verschreiben. Seine Sehnsucht drängt ihn zu monumentaler Gestaltung sozial-menschlicher Ideen, denn er hält es für unmöglich, daß der Mensch und Künstler unserer Zeit existieren kann, ohne von den Problemen des sozialen Lebens aufs tiefste berührt zu werden. So werden seine Werke zu Dokumenten seiner Lebens- und Weltanschauung. Zwei Wesenszüge hat er immer wieder und wieder gestaltet: Kampf und Einsamkeit. Alle seine Helden sind einsame Kämpfer, wie er selbst. Das erste Menschenpaar schreitet einsam hinaus in die Welt, um den Kampf mit dem Dasein zu wagen; einsam ringen drei Menschenleiber ums Leben vor den brausenden Wassern der Sintflut; einsam und nackt steht der junge Joseph im weiten, kahlen Feld, umlauert vom Hasse der Brüder; einsam David, um sich durch Gebet zum Kampf mit dem Riesen zu rüsten; einsam ragt Mose auf heller Höhe mit erhobenen Armen, um die Finsternis zu beschwören und für des Volkes Freiheit zu kämpfen; einsam hängt er an steiler Felswand, um mit sterbender Seele das Land der Sehnsucht zu schauen. Einsam ist schließlich Jeremias, der Gottesstreiter, der mit Fürsten und Völkern gerungen, und den schwersten Kampf, den Kampf der Seele, durchkämpft, ruhend zwischen Himmel und Erde, sich rettend in die unermeßliche Weite des Weltalls. Cs sind biblische Gestalten, in denen Leser Ury seine sozial-menschlichen Ideen verkörpert, weil in ihnen diese Ideen vorgebildet sind, und zwar in solcher Größe, daß sie in ihm — nach seinen eigenen Worten — stets neue Gefühle der Erhebung und der Begeisterung ausgelöst haben. Sie sind ihm aber mehr als nur Gestalten der Bibel, sie sind ihm Symbole seines Daseins und Symbole des Menschentums überhaupt, das im Kampf mit äußeren und inneren Mächten sich behauptet, sich unter Qualen erhält durch die ewige Sehnsucht nach dem Unendlichen, Heiligen. Sein Jerusalembild ist Symbol dieser Sehnsucht: Die Einsamen, Vertriebenen, Verfolgten, Zerquälten, geeint durch die Sehnsucht, die Hoffnung auf Heimkehr in das Land ihrer Väter. Hier kündet ein jüdischer Mensch von jüdischem Leid und jüdischem Schicksal, hier enthüllt ein jüdischer Künstler, der die Formensprache westeuropäischer Kunstübung sich zu eigen gemacht und mit seiner ganz persönlichen Ausdrucksweise vermählt hat, das Wesen der jüdischen Seele, ihre Einsamkeit und ihren Kampf, ihre Sehnsucht und ihre Hoffnung, ihre tiefe, stets neu sich gebärende religiöse Kraft. Das jüdisch-menschliche Problem hat im Werk Lesser Urys eine ergreifende künstlerische Gestaltung erfahren.

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