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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1931-11-01 · 21 (1.11.1931) · p. Seite 328

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
7 (1931)
Issue
21 (1.11.1931)
Article
Hegel als Lehrmeister
Date
1931-11-01
Page
Seite 328 (sequence 2)
Language
German
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328 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 21 nozistisch-pantheiftische Weltgefühl Goethes. Zu Füssen des Meisters saß eine Jugend, Bannerträger künftigen Konservativismus und Radikalismus, Gemeinschastsmenschen und Individualisten, Rechtgläubige und Atheisten. Die Christlich-Konservativen hat Hegel in ihrer Richtung bestärkt, indem er den Mythos vom Volksgeist und das Postulat des Staates als Selbstzweck verklärte und miteinander verwob. Die Radikalen hat er radikalisiert, indem er sie die Selbstverwirklichung des Individuums wollen und das unerbittliche Walten des Weltgeiftes schauen lehrte. So uniform Hegels Anziehungskraft auf die jüdische Jugend wirkte, so vielältig waren die Kräfte, die er in ihr auslöste. Unverändert durchschritt keiner das Läuterfeuer von Hegels Gedanken. Eduard Gans als Rechtslehrer und Friedrich Julius Stahl als preußisch-konservativer Staatsdenker betonten die Elemente in Hegels Philosophie, die aus Thesis und Antithesis die letzte Synthesis bereits gezogen wähnten, und nach der es eigentlich keiner Weiterentwicklung mehr bedurfte: die konservative Monarchie mit ständisch abgeftuftem Recht. Auch Karl Marx hat recht eigentlich mit Hegel das Herannahen des ausgeglichenen End zuftandeö, wenn auch mit dem umgekehrten Vorzeichen der revolutionären proletarischen Synthese, verkündet. Welche Kühnheit, welch Irrtum, sich selbst, die eigene Zeit als Höhe- und Endpunkt der Weltgeschichte zu erfassen! Folgerichtiger hat Heinrich Heine die Bedeutung von Hegels Philosophie abgeschätzt. Seine logische Begründung mochte schwächer ausfallen als die Hegels und seiner Schüler, sein boshafter Spott über ihre mystische Ausdrucksweise ihrer geistigen Leistung nicht gerecht werden; so griff doch sein Ahnungsvermögen weiter als das ihrige, wenn er aussprach, daß erst „die spätesten Enkel" über das Wirken Hegels zu befinden haben würden. Hundert Jahre sind seit Hegels Todestag vergangen, nicht ganz hundert Jahre, seit Heine die BayerischeV ereinsbank Kredit- und Hypothekenbank Niederlassungen an allen größeren Plätzen Bayerns rechts des Rheins Sicherheit und hohen Zins gewährleisten unsere Bank-Sparbücher und Gold-Pfandbriefe Die nach dem 2. Januar 1931 fälligen Zinsscheine sind kapitalertragskeuerffrel Worte niederschrieb, die wie eine Vorwegnahme unserer Zeit anmuten: „Wienn die Hand des Kantianers stark und sicher zuschlägt, weil sein Herz von keiner traditionellen Ehrfurcht bewegt wird; wenn der Fichteaner mutvoll jeder Gefahr trotzt, weil sie für ihn in der Realität gar nicht existiert: so wird der Naturphilosoph dadurch furchtbar sein, daß er mit den ursprünglichen Gewalten der Natur in Verbindung tritt, daß er die dämonischen Kräfte des altgermanischen Pantheismus beschwören kann, und daß in ihm jene Kampflust erwacht, die wir bei den alten Deutschen finden, und die nicht kämpft, um zu zerstören, noch um zu siegen, sondern bloß um zu kämpfen. Das Christentum - und das ist sein schönstes Verdienst — hat jene brutale germanische Kampflust einigermaßen besänftigt, konnte sie jedoch nicht zerstören, und wenn einst der zähmende Talisman», das Kreuz, zerbricht, dann rasselt wieder empor die Wildheit der alten Kämpfer, die unsinnige Berserkerwut, wovon die nordischen Dichter soviel singen und sagen. Jener Talisman» ist morsch, und kommen wird der Tag, wo er kläglich zusammenbricht. Die alten steinernen Götter erheben sich dann aus dem verschollenen Schutt und reiben sich den tausendjährigen Staub aus den Augen, und Thor mit dem Riesenhammer springt endlich empor und zerschlägt die gotischen Dome... Der deutsche Donner ist freilich auch ein Deutscher und ist nicht sehr gelenkig und kommt etwas langsam herangerollt; aber kommen wird er, und wenn ihr es einst krachen hört, wie es noch niemals in der Weltgeschichte gekracht hat, so wißt: der deutsche Donner hat endlich sein Ziel erreicht..." Der „Naturphilosoph" in Heines „Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland" ist der Hegel-Schüler. Hegels Saat scheint im Aufgehen. vei Lesser Ury 7. November 1861 bis 18. Oktober 1951 Au seinem 7 0. Geburtstag am 7. November 1931 Von Dr. Arthur G a l l i n e r Der nachstehende Festartikel des besten Kenners des Künstlers wird zum Nachruf: Am Sonntag, den 18. Oktober, mittags, verstarb plötzlich in seinem Berliner Atelier der große jüdische Maler kurz vor Vollendung seines 70. Lebensjahres. Die Kunstwelt war eben damit beschäftigt, seinen 70. Geburtstag würdig zu begehen. Die Nationalgalerie bereitete eine Sonderausstellung seiner Gemälde vor, die Berliner Sezestion und andere Künstlervereinigungen, sowie der preußische Staat und die Stadt Berlin rüsteten sich zu Huldigungen für den Siebzigjährigen, die geplanten Feste werden nun zu Trauerfeiern werden. Als ich vor einiger Zeit in Lester Urys Atelier war, stand auf der Staffelei eine riesige Leinwand, mit der Bildseite zur Wand gekehrt, noch nicht bestimmt für die Augen der Besucher. Erst nach Verlauf einer längeren Unterhaltung entschloß er sich mit innerem Widerstreben, mit einer gewissen Scheu, das unvollendete Bild umzuwenden. Eine biblische Szene: Ein Knabe kniet vor einem Greis, der sich schützend über ihn beugt und zitternd die Hände zum Segen über ihn breitet. Jakob segnet Benjamin. Leuchtend lösen sich riesenhaft die beiden Gestalten vom dunklen Grund, aus dem die harrenden Brüder, zur Reise bereit, hervortauchen. Erschütternd die Sorge des Vaters um seinen Liebling, der wie ein williges Opfer sich hingibt. Ein menschliches, ein .religiöses Bild! „Es ist Wahnsinn, so etwas heute zu malen", murmelt der Meister, „Wahnsinn"! „Heute in einer unmenschlichen, religionslosen Zeit!" Aber dennoch. Cr malt es, denn er muß; es brennt in seinem Innern wie heiliges Feuer, gleich dem Gotteswort in den Gebeinen des Propheten. Seit Jahrzehnten schon hat er sich mit diesem Werke gettagen, seit jener Zeit, da er (um 1880) bei Portaels in Brüssel studierte.

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