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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1931-10-15 · 20 (15.10.1931) · p. Seite 315

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
7 (1931)
Issue
20 (15.10.1931)
Article
Der Papst aus dem Ghetto
Date
1931-10-15
Page
Seite 315 (sequence 1)
Language
German
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Nr. 20 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 315 „Der Papst aus dem Ghetto" Zu diesem Aufsatz über den Roman von Gertrud von Lefort im vorletzten Hefte der Gemeindezeitung schreibt uns Herr Hosrat Dr. Michael Berolzheimer in Untergreinau: Sie'schreiben in Nr. l? der Bayerischen Israelitischen Gemeindezeitung vom I. Sept. 1931, Seite 26?—266 in einem sehr interessanten Aussatz über den Papst Anaclet II. (1130—1138) und seine Familie, die nach seinem Vater Petrus Leonis benannten Pierleoni. Erlauben Sie mir gütigst, hiezu einige Bemerkungen zu machen: 1. Die Darstellung von Gregorovius, die Paläste der Pierleoni seien verschwunden, trifft nicht ganz zu. Das Zentrum ihrer Macht war das Marcellustheäter. Dieses steht noch zum Teil, ebenso der angebaute Palast der Orsini, den vor diesen die Savelli, vor ihnen die Pierleoni inne hatten; und dieser Palast trägt noch ganz das romanische Gesicht, rührt also noch aus dem 12., spätestens 13. Jahrhundert und wurde demnach noch von den Pierleoni bewohnt, übrigens war auch der Vorticus der Octavia in die Festung der Pierleone eingebaut, dessen Ruinen noch stehen. Dort war es, wo Vespäsian und Titus die gefangenen Juden nach Einnahme Jerusalems an sich vorüberziehen ließen. (Hätten sie dies alles unterlassen, so gäbe es heute wohl keine Judenfrage.) Die Pierleoni hielten aber auch die Cngelsburg, die sic am 24. August 1098 gewonnen hatten. 2. Die Burg der Pierleoni grenzte nicht unmittelbar an das alte trasteverinische Ghetto, sondern unmittelbar neben ihr entstand später das zweite Ghetto. Sie selbst gingen aus dem ersten Ghetto, dem trasteverinischen, hervor; Gregorovius schildert natürlich das zweite Ghetto und nicht das nicht mehr bestehende erste. 3. Cs ist nicht richtig, daß die Eltern des Vaters des Papstes Anaclet II. noch rein jüdisch waren. Vielmehr ließ sich der Urgroßvater des Papstes taufen; er erhielt den Namen Benedictus Christianüs und heiratete ein adeliges Fräulein. Sein Sohn Leo de Benedicto Christiano war demnach nicht mehr rein jüdischer Abkunft. Er ermöglichte es, daß Gerhard am 24. Januar 1059 als Nicolaus II. als Papst eingesetzt werden konnte; er war auf Seite Hildebrands bei der Wahl Alexanders II. (1061); er war Bevollmächtigter dieses Papstes bei den Verhandlungen mit dem Gegenpapst Honorius II. (April 1062); unter seinem Schutz floh Gregor VII. am 2. Juni 1083 in die Cngelsburg, nachdem Heinrich IV. die Leostadt eingenommen hatte. Der Sohn des Leo de Benedicto war Petrus Leonis (Pierlcone); er war Beschützer der Päpste Urban II. und Paschalis II., dessen Bevollmächtigter er 1110 bei der Zusammenkunft mit den Boten des Kaisers Heinrich V. war. Cr starb am 2. Juni 1128 und wurde in einem altromischen großen Steinsarkophag beigesetzt, der noch heute in dem berühmten Kreuzgang von San Paolo fuori in Rom steht. Einer seiner Söhne, der gleichfalls Pierleone hieß, wurde der Papst Anaclet II. Eine Tochter des Pierleone, also eine Schwester des Papstes, war es nun, die die Gattin des Königs Roger II. von Sizilien geworden sein soll, und von ihr sollen also zahlreiche europäische Herrscherhäuser abstammen, vor allen die Hohenstaufen, und durch diese wieder andere, so die Habsburger und die Hohenzollern. Andererseits wird es bestritten, daß sie mit Roger verheiratet gewesen sei; die alte Nachricht hievon sei auf ein Mißverständnis zurückzuführen; überdies habe Roger, ganz abgesehen von seinem Harem, mehrere rechtsgiltig angetraute Frauen gehabt, so daß es nicht bewiesen sei, daß er von der Tochter des Pierleone Nachkommen gehabt habe. Es ist nun aber für die Beantwortung der Frage, ob die Hohenstaufen von den Pierleoni abstammen, gleichgültig, ob die Tochter des Pierleone eine Gattin des Königs Roger war oder nicht. Denn Konstanze, die Tochter des Roger, die Gattin des Kaisers Heinrich VI., die Mutter des Kaisers Friedrich II., war eine posthuma, eine nach dem Tod ihres Vaters Geborene. Da nun Roger II. am 26. Februar 1154 starb, so muß Konstanze im Jahr 1154 aeborcn worden sein. Sie muß also ein Kind der letzten Gattin des Roger gewesen sein. Dies war nun Beatrix, Tochter des Grafen Günther von Rethel, welche Roger um 1152 heiratete, nachdem seine Gattin Sibylle am 19. September 1151 im Kindbett gestorben war. Also ist es unmöglich, daß die Hohenstaufen von der Tochter des Pierleone abstammen. Daß sie oder die Habsburger oder ein anderes Fürstengeschlecht von einem anderen Familienglied der Pierleoni stammen, ist bisher nicht bewiesen worden. Dr. Michael Berolzheimer Aus der Gemeinde München Rabbiner Baerwald. und Kantor Neu im Rundfunk Der Münchener Sender hatte in seinem Programm für Donnerstag Abend, den 8. Oktober einen Vortrag von Herrn Rabbiner Dr. Baerwald über „Althebräische Kunst" mit Gesängen von Herrn Kantor Neu angekündigt. Die mit Spannung von allen Seiten erwartete Rundfunkstunde bot einen vorzüglichen Überblick über die Schönheiten und religiösen Lebenswerte der Bibel. Die epische Kunst, die religiöse Lyrik, endlich Redegewalt und Spruchweisheit unserer heiligen Bücher kamen in einer überaus ansprechenden Art zu Wort; der darstellende Teil und die Beispiele, für den Zweck in besonders glückliche» Weise gewählt, unterbrochen durch den herrlichen Vortrag von Kantor Neu, ergänzten sich zu einem eindrucksvollen Ganzen. In jüdischen und nicht-jüdischen Häusern, weit über unsere heimatlichen und großstädtischen Grenzen hinaus, öffnete eine unzählbare anonyme Gemeinde ihr Ohr diesen selten auf diese Weise gehörten Klängen. Den Mitwirkenden und Veranstaltern gilt der Dank für diesen gelungenen Abend, besonders der Leitung des Münchener Rundfunks, die Herr Rabbiner Dr. Baerwald cingeladen und das Thema gewählt hat. Eine Wiederholung in anderen Sendern wäre weit über eine Programm-Bereicherung hinaus ein Gewinn für unser gesamtes öffentliches Leben. Feiern der Jugend Am 1. Oktober hielt der Jüdische Jugendvcrein in den Räumen der Gesellschaft Concordia unter zahlreicher Beteiligung seiner Mitglieder und vieler Gäste seine Simchas-Thora-Feier ab. Musik, Tanz, heitere Vorträge und eine Verlosung mit hübschen Gewinnen sorgten für ein gutes Gelingen des Abends. Leider ließ das ziemlich anspruchslose Programm jede Beziehung zum Anlaß der Feier und zu Jüdischem überhaupt vermissen. Die hebräische Sprachschule hatte für Sonntag, 4. Oktober, zu ibrer / Simchas-Thora-Feier im Lessingsaal eingeladen. Im Rahmen einer Radio-Sendung aus Tel-Awiw hörte man ein sehr reichhaltiges, gutes Programm: Hebräische Lieder (Soli, Chor und Schallplatten), jüdische Melodien, für Violine und Klavier bearbeitet, eine hübsch erzählte Simchas-Thora-Geschichte u. a. m. Besonders gut waren die „Pressemeldungen", die sehr treffende Bemerkungen über bekannte jüdische Münchener Persönlichkeiten, Vereine und Veranstaltungen enthielten. Der Abend erhielt dadurch, daß Ansage und Programm ausschließlich in hebräischer Sprache durchgeführt wurden, ein besonderes Gepräge. Im Lessingsaal fand am Montag, 5. Oktober, ein Jugendheim-Abend statt, zu dem Jugendliche aus allen Lagern eingeladen und gekommen waren. Cs wurde musiziert, vorgelcsen, getanzt und gespielt. Die geselligen Abende sollen denjenigen, die sich meist nur zu Heimabenden, Arbeitsgemeinschaften usw. im Jugendheim treffen, Gelegenheit geben, sich näher kennen zu lernen und gemütlich zu unterhalten. Verkaufsstellen J Hiltensbergerstraße 8 Fernsprecher 370646 Glückstraße 10 Fernsprecher 2 96 9 44 Thierschstraße 19 Fernsprecher 220 82 Franz-Josef-Straße 29 Fernsprecher 30452 SchleißheimerStraßelOO Fernsprecher 370 326 Winzererstraße 92 Belgradstraße 28 Für Säuglinge und Kinder nur Boschhof*Vorzugsmilch Hauslieferung durch Boschhof-Verkaufszentrale Schleißheimer Straße 100 / Tel. 370326

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