Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 7 (1931)
- Issue
- 20 (15.10.1931)
- Article
- Die finanziellen Beziehungen jüdischer Bankiers und Heereslieferanten zum bayerischen Staat im 18. und im beginnenden 19. Jahrhundert
- Date
- 1931-10-15
- Page
- Seite 314 (sequence 2)
- Language
- German
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314 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 20 annullierte er durch einen absolutistischen Machtspruch einen Teil der Mischen Forderungen und die Juden mußten sich um den ihnen zugebilligten Rest und um die Kapitalzinsen jahrzehntelang mit dem FiSkuS streiten. Begreiflicherweise hüteten sich die jüdischen Finanzleute in dieser Zeit, neue Anleihegeschäfte mit dem bayerischen Kurhaus einzugehen. Nur als Heereslieferanten sehen wir die Juden im weiteren Verlauf des 18. Jahrhunderts in finanziellem Konnex mit dem bayerischen Staat; in bedeutendem Maß jedoch nur während des österreichischen Erbfolgekriegs. Die eigentliche Blüteperiode für die jüdischen Heereslieferungsgeschäfte beginnt in Bayern nach Ausbruch der Koalitionskriege gegen Frankreich und endet mit dem Friedensschluß von 1815. Im gleichen Zeitraum entfaltet sich in Bayern das jüdische Staatsanleihegeschäft. Unter den jüdischen Heereslieferanten und Anleihenegozianten Bayerns nimmt der Hofbankier Aaron Elias Seeligm a n n eine ganz überragende Stellung ein. Er stammte aus Leimen bei Heidelberg, wo er 1779 eine Tabakfabrik gründete. Seeligmann war bereits kurpfälzischer Hoffaktor, als er 1786 zum K. u. K. Hof- und Kammeragenten ernannt wurde wegen seiner Verdienste als Lieferant an die kaiserlichen Truppen in den Niederlanden. Als Verpflegungsadmoniäteur der bayerischen Armee errang er im Jahr 1800 eine Monopolstellung, nachdem er die übrigen Lebensmittellieferanten in den vorhergegangenen Jahren verdrängt hatte. Im Jahre 1802 gewährte Seeligmann dem bayerischen Staat eine 5 Millionen-Gulden- Anleihe zu 6 A Zinsen gegen Verpfändung der Steuereinnahmen, 1804 eine 500000 Gulden-Anleihe zu 5 % und 1808 eine 4 Millionen-Anleihe zu 5 % gegen Verpfändung der Zolleinnahmen. Im Jahre 1804 wurde dem Hofbankier A. E. Seeligmann das Rechnungswesen des „Ministerialauswärtigen Departements" übertragen. Der Hofbankier hatte die Gehaltsauszahlungen an die Beamten des auswärtigen Dienstes in München und im Ausland vorzunehmen. Insoweit nicht jeweils im gleichen Monat der Rückersatz durch die Staatskasse geleistet wurde, erhielt Seeligmann eine Zinsvergütung. Da die Bezahlung der Staatsbeamten viele Jahre hindurch großen Unregelmäßigkeiten ausgesetzt war, so wurde wenigstens dem bayerischen Gesandtschaftspersonal im Ausland die Gehaltszahlung durch den Hofbankier -gesichert. Auch für den sonstigen Geldbedarf des auswärtigen Dienstes, für Geschenke, Reisekosten und dgl. hatte Seeligmann die Mittel bereitzustellen. Neben der Finanzierung des diplomatischen Dienstes leistete der Hofbankier fortwährend Vorschüsse an den immer geldbedürftigen bayerischen König Max I. So gewährte Seeligmann der kgl. Kabinettskasse vom 22. Februar 1809 bis 10. Februar 1810 nicht weniger wie 12 Vorschüsse, welche zusammen 255224 fl. ausmachten. Seeligmann erfreute sich des vollsten Vertrauens und der besonderen Gunst seines Königs, der ihm am 22. September 1814 den Adel als Freiherr von „Eichthal" verlieh. Ein anderer jüdischer Finanzmann, der durch Max I. von Bayern geadelt wurde, war Jacob Hirsch aus Königshofen bei Würzburg.Durch Kriegslieferungen und feit 1800 als Bankgeschäftsinhaber in Ansbach vermögend geworden, konnte er durch Anleihen und Bargeldvorschüsse zur Linderung augenblicklicher Finanznöte des bayerischen Staates beitragen. Er war auch Hofbankier des Großherzogs von Würzburg, der ihm den Erwerb fränkischer Rittergüter gestattete, so daß er in Deutschland der erste jüdische Großgrundbesitzer mit Patrimonialgerichtsbarkeit wurde. Jacob Hirsch hatte große Pferdelieferungen an bayerische Garnisonen und rüstete 1815 auf eigene Kosten 75 Mann für den Befreiungskrieg aus. 1818 in den Adelsstand erhoben, wurde Jacob von Hirsch drei Jahre später bayerischer Hofbankier in München. Der Bankier Iosuel Weftheimer in München ermöglicht durch seine Geldvorschüsse an die bayerische HauptstaatSkasse in den Jahren 1800 und 1801 die Zahlung der Kontributionen an die französische Revolutionsarmee, welche damals Bayern beseht hielt. 1802 gewährte die Firma Westheimer und Straßburger dem bayerischen Staat ein zu 5 % verzinsliches Anlehen von einer Million Gulden gegen Verpfändung der Steuereinnahmen. Auch die Stadt München bekam von Westheimer öfters Kredite, so noch 1820 zum Ausbau der Münchner Wasserleitung 500000 Gulden. Nach Schluß des Krieges von 1815 lieh Weftheimer und der Hofbankier v. Eichthal dem Ministerium des Innern und dem Finanzministerium bedeutende Summen zum Ankauf von Getreide im Ausland, um die Hungersnot von 1816/18 zu bekämpfen. Es würde zu weit führen, hier sämtliche Leistungen jüdischer Bankiers als Kreditoren des bayerischen Staates anzuführen, sowie die Scharen der jüdischen Heereslieferanten Bayerns zur Zeit der napoleonischen Kriege Revue passieren zu lassen. Allein an die bayerischen Heeresmagazine in Tirol lieferten jüdische Händler* innerhalb eines Dreivierteljahres von November 1809 bis Juli 1810 für rund 1 Million Gulden Lebensmittel und Furage. Fast den ganzen Bedarf an Fleisch, Mehl, Korn, Branntwein, Heu, Stroh und Hafer deckten die Juden, während die nichtjüdischen Händler nur etwa ein Fünftel des Heeresbedarfs an diesen Waren deckten. Die Bezahlung der Lebensmittel¬ und Furagelieferungen nach Tirol erfolgte durchwegs in der Art, daß ein Monat nach erfolgter Einlieferung in die Magazine das erste Drittel, eist Monat später das zweite Drittel und nach dem dritten Monat der Rest in Tratten der ZentralftaatSkasse vergütet wurde. Auf Grund der bisherigen archivalischen Forschungen kann wohl gesagt werden, daß für die napoleonische Ära Bayerns die Auffassung Werner SombartS zutrifft, daß die Juden die einflußreichsten Heereslieferanten und die leistungsfähigsten Geldgeber der Fürsten waren. Kann man deshalb im Falle Bayern von einer „überragenden Bedeutung" der jüdischen Heereslieferanten und Geldgeber^ für die staatliche Entwicklung sprechen? Der staatliche Finanzbedarf Bayerns wurde im Anfang des 19. Jahrhunderts, ebenso wie im 18. Jahrhundert, doch überwiegend durch Steuern, Abgaben, Aufschläge und Zwangsanleihen gedeckt; erst wenn die Steuerkraft der Untertanen erschöpft war, wurden jüdische Geldgeber in Anspruch genommen. In bedeutendem Maß geschah dies am Ende der Regierungszeit des Kurfürsten Max Emanuel in den 20 er Jahren des 18. Jahrhunderts und im Zeitalter der napoleonischen Kriege. Wenn auch die gigantischen Leistungen, welche Sombart den Juden für die Entwicklung des modernen Staates zuschreibt, am Sonderfall Bayern nicht demonstriert werden können, so ist doch festzustellen, daß die Juden in gewissen kritischen Phasen des Entwicklungsprozesses des bayerischen Staates diesen materiell wirksam unterstützten und somit zu der Entstehung des modernen bayerischen Staates nicht unwesentlich beitrugen. 4 Jakob Obermayer, Samson Binswanger und Joseph Wallersteiner aus Augsburg, Mendel Bachrach und Joseph Wolf Levi aus Vorarlberg, Jonas Nathan von Innsbruck, Israel Hirsch Pappenheimer, Gebrüder Marx, Abraham Uhlfelder und Jolson Uhlfelder aus München, David Levi von Kriegshaber bei Augsburg. 5 Sombart: Die Juden und das Wirtschaftsleben, S. 51