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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1931-10-15 · 20 (15.10.1931) · p. Seite 283

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
7 (1931)
Issue
20 (15.10.1931)
Article
Inhalt
Date
1931-10-15
Page
Seite 283 (sequence 1)
Language
German
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Bayerische Israelitische Gemeinöezeitung Kachrichtenblatt üer Israelitischen Kultusgemeinöen in München/ Augsburg/ Bamberg unö öes Verbanöes Hagerischer Israelitischer Gemeinüen Erscheint am i. unö 15. jeüen Monats. — Verlag: B. Heller/ München/ plinganserstraste <$4/ Kernruf 75<5<54 unö 73663/ Postscheck München 5?87/ Schristieitung: Vr. Luöwig Keuchtwanger/ München/ Grillparzerstraste 58 Bezugspreis für nicht eingewiesene Bezieher: Reichsmark 4.80 für üa< Jahr. Anzeigenpreis: Sie 4 gespaltene Millimeter-Feile 40 RetchSpfenatg Kamilienanzeigen/ Stellengesuche unö ähnliche Angebote 15 ReichSpfrnalg VII. Jahrgang München, 15. Oktober 1931 rilr. L0 Inhalt: Macht und menschliche Natur — Bei den Maranncn in Persien — Die finanziellen Beziehungen jüdischer Bankiers und Heercslieferanten zum bayerischen Staat im I8. und im beginnenden 19. Jahrhundert — „Der Papst aus dem Ghetto" — Aus der Gemeinde München — Aus der- Gemeinde Augsburg — Aus bayerischen Gemeinden — Aus dem Reiche — Mitteilungen des Jüdischen Lehrerbereins für Bayern — Vereine — Bücherschau — Personalien Macht und menschliche Natur' Philosophische Begründung der Gebundenheit an ein Volk Max Scheler hat in einem weithin berühmten Aufsatz „M e n s ch und Geschichte" (aus dem Jahre 1920) in einer äußerst scharf umrissenen Darstellung fünf verschiedene noch jetzt im Abendland herrschende Theorien vom Wesen und Werden des Menschen aufgestellt: I.' Die jüdisch-christliche Theorie des Gottmenschen (Schöpfung des Menschen durch den persönlichen Gott); 2. die rational i st i s ch - h u m a n i st i s ch e Theorie, eine Erfindung der Griechen: die sogenannte Vernunft im Menschen wird als eine Teilfunktion des göttlichen Logos angesehen, der die Welt und' ihre Ordnung immer neu hcrvorbringt. Diese Lehre vorn „homo sapiens" hat heute für ganz Europa den gefährlichsten Charakter angenommen, den eine Idee überhaupt annehmen kann: Selbstverständlichkcitscharakter. Erst Hegel hat wenigstens die Konstanz der menschlichen Vernunft als Mythus erkannt; 3. d i e positivistisch-naturalistische Theorie: Der Mensch ist nur ein besonders hochentwickeltes Lebewesen. Geist, Willensfähigkeit, Zwecksetzung, Werterfassung bedeuten nur eine andere Bezeichnung, eine andere Symbolik für eine ähnlich wie beim Tier gelagerte Tricbkonstellation; 4. die dionysistische Dekadcnztheorie: Der Geist eine Todeskrankheit der Menschheit, eine Art von Schopenhauers „Verneinung des Willens zürn Leben". Der Geist, das „Nein" zu Leben, Trieb, zu Sinnesanschauung, zu Instinkt, kurz „die Todeswunde der Menschheit"; 5. der p o st u l a t o r i s ch e Atheismus des Ernstes und der Verantwortung: Ein Gott darf und soll nicht existieren um der Verantwortung, der Freiheit, der Aufgabe, um des Sinnes vom Dasein des Menschen willen. Alle diese fünf grundverschiedenen Auffassungen vom Wesen, Aufbau und Ursprung der Menschen muß man in ihren verschiedenen historischen Systemen beherrschen und kennen (Plcßncr setzt ste und ein vollkommenes Vcrtrautsein mit den Problemen der modernen „Philosophischen Anthropologie" voraus), um überhaupt an die streng fachphilosophischen Gedankengänge des Verfassers heranzukonnnen; init irgend einem Tagesproblem steht die in straffster, auch sprachlich nicht leichter Gcdankenspannung durchgeführte Schrift in keincrn Zusammenhang. Sie ist weder „geistreich", noch „anregend", sondern fordert in jedem Satz eigene geistige Entscheidungen, den Willen zur gleichen Logik wie der des Verfassers und das gleichmäßige Mit-Voranschrciten in dem eigenwilligen Hergang dieses Gcdankenaufbaues. Kein Zweifel: Eine streng theoretische Affektenlehre, also eine Theorie 1 H c l in u t h P l e ß n e r, Professor an der Universität Köln, Macht und menschliche Natu r. Ein Versuch zur Anthropologie der geschichtlichen Weltansicht. Berlin 1931 (Verlag Junker & Dünnhaupt). der menschlichen Triebe und Leidenschaften, verstanden aus der Grundverfassung des Menschen als einer ursprünglichen Einheit von Geist, Seele und Leib, könnte für die politische Praxis von größtem Nutzen sein. Das will Pleßners Versuch nicht sein; seine L-chrift will vielmehr „ein Fundament für die Betrachtung politischer Dinge finden, das der Möglichkeit eines politischen Apriori in der Wurzel philosophischer Überlegung selbst gewachsen ist"; die Philosophie selbst soll „aus dem Geist der Politik" im Innersten bewegt werden. Also schon die Sachlichkeit, Objektivität und Voraussetzungslosigkeit der politischen Handlung und der vorausgehenden Willensbildung ist nur scheinbar, eine naive Annahme des klassischen Liberalismus. Pleßner stellt und bejaht die Frage, ob die mit der urwüchsigen Lebensbeziehung von Freund und Feind (nach einer berühmten Theorie Carl Schmitts) gegebene politische Sphäre „zur Bestimmung des Mensche n" gehört, nicht nur zu seiner zufälligen, gegenwärtigen äußerlichen physischen Lebenslage. Wohl hält er daran fest, alles was Menschenantlitz trägt, als gleichberechtigte Ausformungen und Weisen des Menschen zu verstehen, also die naturalistische Fassung der Anthropologie rnit ihrem engen Rahmen einer biologischen Disziplin zu einer universalen „Menschenkunde" in dem Sinn zu erweitern, daß der Mensch auch in den außerempirischen Dimensionen des rein Geistigen begriffen wird und seinen Sinn aus den Systemen des menschlichen Geistes empfängt. In der Breite aller Kulturen und Epochen wird das vorn Menschen gelebte Leben, seine Äußerungen und Gesetze ausgesucht. Von hier aus kommt der Verfasser zu dem Begriff der „Unergründlichkeit des Menschen". Jene Universalität des Blickes rückt in den Mittelpunkt der Anthropologie „die Unergründlichkeit des Menschen". „Nur wenn und weil wir nicht wissen, wessen der Mensch noch fähig ist, hat cs einen Sinn, das leidvolle Leben auf dieser Erde zu ertragen." „Die Unergründlichkeit seiner selbst ist das um des Ernstes seiner Aufgaben willen verbindliche Prinzip seines Lebens und seines Lebcnsverständnisses." „Nur sofern wir uns unergründlich nehmen, geben wir dem eignen noch zu lebenden Leben, geben wir dem vom ■ Menschen gelebten Leben das Gegengewicht des Ernstes, der ihn infolge der Durchrclativierung seiner geistigen Welt und ihrer Demaskierung als seines von ihm hervorgebrachten Jenseits verloren zu gehen droht." Das weitaus „Interessanteste", „Unergründliche" ist bei Pleßner, wie er — scharf ausgerichtet auf die Crkennmis-Linie Kants und in Befolgung des von Kant begründeten Fragevcrfahrens — die genau entgegengesetzte Position von Kant einnimmt, um ihn auf der ganzen Linie zu schlagen. Also Methodenprinzip uird der Begriff der „unergründlichen Tiefe" werden von Kant entlehnt und gegen ihn gekehrt. Kant sagt in der Kritik der reinen Vernunft (bei Pleßner S. 41 f.): „Ich

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