Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 7 (1931)
- Issue
- 19 (1.10.1931)
- Article
- Der Dichter von "Jettchen Gebert"
- Date
- 1931-10-01
- Page
- Seite 296 (sequence 2)
- Language
- German
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296 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 19 tanische", wie man es genannt hat. Wer weiß, wie er die Menschen, die Verhältniffe dieser Stadt, den Zauber der alten Parks in Charlottenburg, die Schönheiten von Sanssouci, die Helligkeit und Traurigkeit der märkischen Seen und Waldungen zu malen und zu verschmelzen mit dem Werden und Vergehen aller Kultur. Aber dennoch — er ist nicht einfach ein neuer Fontane, ebensowenig wie ein neuer Raabe, wenngleich er ähnlich wie dieser das Leben mit wehmütigem Humor, mit einem Lächeln unter Tränen betrachtet. Georg Hermann ist schon ein Eigener. Was ihn von andern unterscheidet, hat er selber einmal deutlich zu machen gesucht: „Ichgehöre einer sehr alten Rasse durch Geburt an und bekenne mich, trotzdem ich alle ihre Riten als Ballast für den Menschen von heute empfinde und ganz und einzig in e u r o - päischerKultur wurzele, gern zu ihr. Seit 2500 Jahren haben all meine Vorfahren schreiben und lesen gekonnt und sind dadurch ihrer selbst in hohem Maße bewußt gewesen. Dieses bewußte Alter meiner Rasse aber gab mir Stetigkeit und Unftetigkeit, Überwachheit und Müdigkeit zugleich. Und sie gab den innersten Kern meines Wesens mir: eine ererbte Einstellung zur Welt, die unbeirrbar ist durch die Phrasen, in deren Fallstricken sich die Kinder jüngerer Nassen noch verfangen. Es brachte mir vielleicht den Mangel an Mystizismus, aber es gab mir dagegen die absolute Lebensbejahung: trotz alledem! Schenkte mir den tiefen Glauben an die Heiligkeit und Gleichberechtigung alles vitalen Seins und an den Menschen als höchsten Träger dieser geheimnisreichen Kraft. Es vererbte mir das Gefühl, daß mein Mitbruder Mensch, endlich — vielleicht nach Tausenden von Jahren — sich seiner eigentlichen Mission auf Erden bewußt werden wird." Dieser Berufung jedes Menschen — man möchte sie messianisch nennen — ist Georg Hermann sich bewußt. Als er mit einem Geistesverwandten, mit Georg Brandes, im Jahre 1917 von der verloren gegangenen Übernationalität des Geistes sprach, kam es plötzlich, daß er vor Schluchzen nicht weiter reden konnte. Und aus dieser Einstellung zu Welt und Menschheit ergibt sich für ihn als Jude die Verpflichtung zur Qualitätsleistung, da der Jude dadurch, daß er nicht staatenbildend fei, alle feine kulturfördernden Kräfte freibekomme: „Er soll nicht reden, sondern etwas leisten", sagt Georg Hermann in seiner polemischen Schrift: „Der doppelte Spiegel", in der er Deutschtum und Judentum mit vorurteilsloser Offenheit gegeneinander spiegelt und so sich mit den neuesten Erscheinungsformen des Antisemitismus auseinandersetzt: „Wie soll der deutsche Jude dem Antisemitismus begegnen? Er soll Zusammenhalten und etwas leisten, und wenn man ihn nicht anerkennt, so soll er trotzdem etwas leisten! Das ist zum Schluß das Einzige, das in der Welt Wert hat und bleibt." Georg Hermanns neuestes Buch „Grenadier Wordelmann" Von Georg Hirschfeld, München (Berlin 1931, Ullstein) Dieser Roman erweist vielleicht von allen Büchern Georg Hermanns am stärksten die Grundelcmente seiner Künstlerschaft: Die jüdische Seele, die in ihrem dunklen Reich die helle Disziplin deutscher Meisicrlichkeit gefunden hat, die sichere, feine Hand des Kultur- und Kunsthistorikers, der ein erfaßtes Zeitbild selbst genießend darzustellen vermag. Es ist ein tief menschliches Buch, das aus Georg Hermanns Grundclemcnten Schätze fördert. Ein Dichter spricht, der seine Menschen liebt und liebend schafft, selbst ihnen fern geboren, aber mit eisernem Künstlcrwillen sie durchdringend. Man vergißt den alten Schmitzdorff und seine Wanderungen von Wust nach Potsdam nicht. Das Hauptmannwort „Ein jeder Mensch hat halt 'ne Sehnsucht" lebt in ihm, in seiner märkisch bäuerlichen, zart robusten Einfalt. Rührend, wie er liebt, rührend, wie er glaubt und betrogen werden muß. Das Ernsteste, das von der brutalen Vitalität um eines Spaßes willen mißbraucht wird — es geht uns alle an. Wir jagen einer kleinen Sophie nach, mit der wir verbunden bleiben wollen, und die doch eigentlich nur ein Traum des Arbeitssklaven ist. Wir haben, trotz aller Umstürze, einen Königsglauben und lieben das erdichtete Bild des Großen, bis wir ganz erkennen müssen, daß es ein Phantom phantasierender Sehnsucht ist. Cs gibt nicht wenige friederizianische Romane in unserer Literatur — die Deutschen bleiben eben verliebt in den Mann und die Zeit, die seltsame Anmut beider. Aber hier, im Grenadier Wordelmann, entstand noch eine, vielleicht abschließende, jedenfalls künstlerisch sehr merkwürdige Darstellung der geliebten Epoche. Sie entstand durch eine originelle Mischung des Erzählertons, der ganz persönlich ist und doch voll leisen Humors mitdenkt, mitredct, ein Teil der Gestalten. Sie entstand^ durch die sichere Malerhand des Kunstkenners, der märkische Landschaft als Erlebnis wiedergeben kann. Und ain stärksten wohl entstand sie durch das Erfassen jener rätselvollen Mischung von Ernst und Witz, von launigem Anlaß und furchtbarer Konsequenz. Grenadier Wordelmann, der lustige Halunke, zerbricht nicht nur an seinem Einfall, dem alten Schmitzdorff die ersehnte Hochzeit vorzuzaubern — er wird aus der Komik zur Tragik auch geführt, weil er ebenso wie sein ehrliches Opfer die Macht über dem Leben aller falsch beurteilt. Friedrich der Große war seinen Grenadieren der „Olle" nur, ihr Selbstbewußtsein blieb in patriarchalischer Nähe, sic dienten dem König und glaubten dadurch an ihr eigenes Königliches. Dann — eine schlechte Laune bringt den Sturz, ein formaler, kalter Hauch des Franzoscnfteundes inmitten märkischer Gemüter. Sie zerbrechen, weil sie noch seine Geschöpfe sind, sie erleben die unbegreifliche Gottesmacht eines genial, aber böse bestimmten Menschen. Noch einmal entstand aus dieser klaren Kultursphäre ein dichterisches Buch. Doch immer lauter grollt der Wille des Nachkommen, der die schönste Puppe zu den Puppen wirft und gerechtes Verstehen fordert. Oie 5lllgemeinbildung des jüdischen Neligionslehrers Von I. B. Hirnheimer, Würzburg Der jüdische Religionslehrer muß gewiß ein gründliches Wissen in den jüdischen Fächern besitzen, wenn er seinen Unterricht erfolgreich gestalten und das jüdische Leben seiner Gemeinde befruchten will. Aber das jüdische Wissen allein macht ihn noch nicht zum Lehrer: Will er religiös erziehend wirken, will er die religiöse Entwicklung der Jugend nachhaltig beeinflussen und den Erwachsenen seiner Gemeinde den Halt gewähren, den sie in unserer von Zweifeln und Problemen bewegten Zeit nötig haben, so muß er über eine gediegene Allgemeinbildung verfügen. Vom Volksschullchrcr, ja auch vom Lehrer der höheren Schule verlangt man heute weniger die bloße Übermittlung von Wissen, sondern Heranbildung von Persönlichkeiten. Die geistige und sittliche Reife des werdenden Menschen soll durch ihn Impuls und Richtung erhalten, derart, daß die Tätigkeit des Lehrers noch dauernd in der Seele nachwirkt, wenn der Mensch auch schon jahrelang dem Einfluß der Schule entzogen ist. Die pädagogische Wipcnschaft der Gegenwart hat festgestellt, daß einen solchen Einfluß nur der Lehrer haben kann, der selbst eine geistige Persönlichkeit darstellt. Dazu gehört vor allem eine gewisse^ Geistigkeit in der Grundhaltung, welche eine überdurchschnittliche Begabung voraussetzt und eine Beweglichkeit, die nur aus einer vielseitigen tiefgehenden Bildung erwachsen kann. — Für den Religionslehrer muß diese Forderung in erhöhtem Maße gelten. 2st cs doch seine Ausgabe, die Welt des Religiösen in der Kindesseele für dauernd zu befestigen. Was hat er erreicht, wenn er noch so viel religiöse Stoffe dem Kinde vermittelt hat, ohne in innere Beziehung zu seinem Seelenleben zu gelangen? Der suggestive Einfluß, der von