Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 7 (1931)
- Issue
- 19 (1.10.1931)
- Article
- Lujo Brentano
- Date
- 1931-10-01
- Page
- Seite 295 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 19 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 295 jüdischen Wirtschaftsverhältnisse sehr anregend in einem eigenen Abschnitt behandelt werden. Zum Schluß noch eine unbekannte, höchst charakteristische Anekdote, die die immer skeptische und gleichzeitig positiv-schöpferische Geifteshaltung Lujo Brentanos am besten kennzeichnet. Ein heute sehr angesehener nationalökonomischer Gelehrter erzählt: Ja, das ist nun schon sehr, sehr lange, beinahe ein Vierteljahrhundert her. Und man war noch krasser, ganz krasser Fuchs, und der Münchner Himmel hing voll lockender Faschingsgeigen. Damals hatte Geheimrat Lujo Brentano das „Auditorium maximum"; nachmittags hielt er seine Vorlesungen, eigentlich zur üblichen Zeit der Kaffeepause, eine über Allgemeine Volkswirtschaftslehre, eine über Wirtschaftsgeschichte. Und gerappelt voll wars. An den Türen des größten Hörsaales noch drängten sich die Dutzende, die keinen Sitzplatz mehr bekamen. Noch höre ich die Stimme, eine seltsam heisere, fast ausgeschriene Stimme, eine Stimme, die die Wörter speerwurfartig hineinhieb in die Gehirne... Man muß sie gehört haben, diese begeisterte und begeisternde Stimme ... Beschreiben läßt sie sich nicht... Und neben jenen Vorlesungen gab es noch ein Seminar. Da versammelte er einen kleinen Kreis seiner Schüler zu praktischen Übungen in der damals noch jungen Wissenschaft der „Nationalökonomie". Dieses Seminar hatte ich auch belegt, aber — ach Gott, es war doch Fasching und ich war neunzehn Jahre alt - also, ich Habs mit unerhörter Regelmäßigkeit... geschwänzt. Eines Morgens aber ums Ianuarende kam ein Schreiben von der Kgl. bayr. Marimiliansuniversität, etwa des Inhalts: „Sie werden ersucht, sich in der Zeit zwischen — an einem der nächsten Tage mit Ihrem Kollegienbuche in der Universitätsquästur einzufinden." So pilgerte ich denn harmlosen Gemütes zur Universitätskasse. „Herr Geheimrat Brentano", — so wurde mir eröffnet —, „hat durch dreimaliges Aufrufen festgeftellt, daß Sie das belegte Seminar nicht besuchen. Er hat verfügt, daß es in ihrem Kollegienbuch gestrichen wird. Die eine Mark und fünfzig werden Ihnen jetzt zurückgezahlt." Eine Mark und fünfzig Pfennig? Unmittelbar vorm Monatsletzten. Etwa dreizehn „Halbe" Bier bekam man dazumal dafür. Gewiß, ein klein wenig beschämend wars. — Fast zwei Jahrzehnte später: Da hielt ich einmal einen Vortrag in einer sehr gelehrten Gesellschaft. Und in der vordersten Reihe saß — Lujo Brentano. Nachher gab eS noch ein gemütliches Beisammensein. Und da schritt ich auf den alten Herrn zu, drückte ihm die Hand und — erzählte die Geschichte von der Mark und fünfzig. Und in das Schmunzeln des kleinen Kreises hinein der feine, nie verletzende Spott der heiseren eindringlichen Gelehrtenstimme: „V i e l l e i ch t habe ich mit dieser Mark und fünfzig den Grund dazu gelegt, daß Sie erkannten: Geld und Geld ist nicht dasselbe; die Zeit kann den Wert ändern. Und mehr als eine Mark und fünfzig Vorkriegsgeld sind doch schließlich die Erkenntnisse der neuen Währungswissenschaftnichtwerl..." F. ver Dichter von „Kettchen Ledert" Georg Hermann zum 60. Geburtstag (geb. 7. Oktober 1871) Von Dr. Arthur Galliner Georg Hermann wird zu allererst immer als der Dichter von „Iettchen Gebert" seinen Ruhm tragen und das mit Recht. Nicht nur, weil er mit diesem Buch wohl seinen stärksten Erfolg gehabt oder weil er hierin bereits in klarer Prägung uns sein Antlitz zeigt, das wir in späteren Werken leicht wiedererkennen, sondern vielmehr weil er in dieser gereiften Erstlings-Schöpfung den Menschen einer sterbenden Kulturepoche so tief in die Seele geschaut und sie so lebenswarm zu schildern gewußt, daß er sie dadurch für alle Zeiten geradezu am Leben erhalten hat, weil er hier Menschen gestaltet, die nicht nur als Repräsentanten ihrer Zeit, einer uns entschwundenen , Geltung haben, sondern die als Charaktere auch unserer und jeder Zeit wertvoll bleiben. Es ist zugleich ein stolzes Selbstbekenntnis, wenn er seinen Jason sagen läßt: „Wenn mein Vater sich und uns hätte taufen lassen wollen, wie ihm öfter als einmal nahegelegt worden ist, wir hießen vielleicht heute von Gebert und wären Offiziere und Räte bei der Regierung. Und daß wir das nicht getan haben, und nicht zu Kreuze gekrochen sind, und in keiner Weise unsere Gesinnung verkauft haben — nicht so und nicht so — das ist unser Stolz." Aber man täte ihm Unrecht, wollte man Georg Hermann immer nur als den Verfasser von „Iettchen Gebert", als den Dichter des Biedermeier feiern — ein schönes Biedermeier-Buch hat er auch wohl zusammengeftellt und eingeleitet — es wäre auch verkehrt ihn für einen gegenwartsfremden Schriftsteller zu halten, der ganz und gar in vergangenen Zeiten lebt und aus ihnen seine Gestalten und Geschehnisse holt — gewiß, er hat im letzten Jahre erst den „Grenadier Wordelmann" geschrieben, in dem das friderieianische Potsdam so anschaubar und eindringlich gezeichnet ist, daß Max Liebermann über den Roman sagen konnte: „Det is wie en Menzel." Aber Georg Hermann hat doch immer auch die Menschen und Probleme unserer Zeit erlebt, durchschaut und gestaltet, nicht nur in fesselnden Reisebildern, trefflichen Skizzen und geistvollen Essays, sondern auch in kleineren und größeren Abhandlungen und Romanen. Die gute Gesellschaft (Heinrich Schön, Der kleine Gast) und die weniger gute ^Kubinke) werden von ihm mit gleicher Liebe, mit sanftem Humor, und leiser Wehmut geschildert; eine Liebe zu dem Leben in jeglicher Gestalt, zu dem Leben in seinem alten und neuen Berlin, zu seiner märkischen Landschaft spricht aus allem — aber auch eine stille Trauer über den Zerfall der Gesellschaft und das Versinken der alten Kultur. Aus dem Seelenschmerz darüber flüchtet er sich zum Humor, er ist seine Rettung. Sonst könnt er's nicht tragen. Denn in alles was er schreibt, webt er sein eigenes Geschick, kapselt er Persönliches ein, und überwindet so, wie er einmal geschrieben, fein eigenes Leben. So ist alles, was er geschaffen, mit seinem Sein verknüpft, das gibt seiner Schreibweise den Reiz persönlichster Art, man kennt seine Wort- und Satzgebilde, seine Gedankenfolge, wie man den Pinselstrich, die Kompositionsweise, die Lichtführung und Farbengebung eines Malers kennt. Man spürt, man atmet aber auch die Luft seiner Heimat, von der er trotz örtlicher Entfernung doch nie los kann. Das Berlinische, Großstädtische, das Märkische — das „Fon-